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Theater:Ende der Demokratie

Italienische Nacht

Trostlose Bierzelthölle – nein, nicht auf der Wiesn, sondern in Horváths „Italienische Nacht“. Szene mit Nina Siewert und Peer Oscar Musinowski.

(Foto: David Baltzer)

Calixto Bieito inszeniert in Stuttgart Horváths wieder erschreckend aktuelles Stück "Italienische Nacht".

Im September 1930 wurde in Deutschland gewählt. Der Ausgang dieser Wahl war der Beginn der Umkehrung der politischen Verhältnisse. Die NSDAP gewann 95 zu ihren bislang zwölf Sitzen hinzu, die Kommunisten immerhin 23 zu ihren davor 54. Zwar blieb die SPD stärkste Kraft im Reichstag, doch die Nazis waren ihr nun dicht auf den Fersen. Die deutsche Wählergunst hatte sich radikalisiert. Und Ödön von Horváth schrieb sein Stück "Italienische Nacht".

Nun passierte bei den jüngsten Landtagswahlen im Osten Deutschlands Vergleichbares. Die AfD wurde in Sachsen und Brandenburg jeweils zweitstärkste Partei. Die Wähler haben sich, allerdings nur am rechten Rand, radikalisiert. Und Calixto Bieito inszeniert am Staatstheater Stuttgart Horváths Stück.

Bieito hat in den vergangenen Jahren gerade in seinen vielen Operninszenierungen eine große Vorliebe dafür entwickelt, anhand der Behandlung des Chores eine abgrundtiefe Skepsis gegenüber der Masse zu formulieren. Traf man in einer Bieito-Inszenierung auf so eine singende Masse, so war sie meist leicht verführbar, entindividualisiert, schlichtweg dumm. Für Horváths Stück muss Bieito überhaupt keine Volten unternehmen, um dies herauszukitzeln. Es steht alles bereits da. Und Bieito inszeniert das Stück so, wie es geschrieben ist. Es spielt 1930, die Menschen auf der Bühne sind gekleidet wie 1930.

Zusammen mit Helen Stichlmeier stellt Bieito eine trostlose Bierzelthölle auf die Bühne, drei Reihen Biertische, die Bänke dazu stellen die Darstellenden in schepperender Choreografie auf. Es gilt, ein Fest zu feiern, eben die italienische Nacht, eine putzig-bürgerliche Unterhaltungssause mit einem tanzenden Zwillingsmädchenpaar, Gesang und natürlich Bier. Doch erst einmal spielt der Stadtrat mit seinen Freunden Karten, und von draußen dröhnt, live und vehement gespielt, der bayerische Defiliermarsch herein. Die Gesellschaft ist der republikanische Verein der Stadt, der vielleicht mal links war und politisch wach, jetzt aber lieber am Biertisch hockt. Er kenne seinen Marx, sagt der wunderbare Elmar Roloff als in Würde verwittertes Stadtratsmannsbild. Aber genauso, wie er den Marx mal kannte, hat er ihn halt auch vergessen. Wie der Wirt, der seine Gaststätte am Nachmittag der geplanten Feier noch schnell für zwei Stunden den Nazis vermietet hat. Was die aufrechten Bürger entrüstet, aber nicht lange. Schuld sei ja auch nur die geldgierige Gattin des Wirts.

Nach der Uraufführung 1931 wussten viele Rezensenten nicht so recht, was sie mit dem Stück anfangen sollten. Einer schrieb von "Bierulk", was gar nicht schlecht passt, andere vermissten eine klare, sozusagen klassenkämpferische Haltung. Tatsächlich zeigt Horváth eine misogyne Quasselbude voller zahnloser Narren ohne Haltung, um die draußen die aufkommenden Nazis herumtollen.

Analogien zu heute kann sich da jeder suchen, wie er will. Unter den Bürgern gibt es hier bald Verwerfungen. Der glühende Marxist Martin, gespielt vom hochinteressanten, flamboyanten David Müller, wettert gegen die Bräsigkeit, spannt seine Verlobte Anna (Paula Skorupa) als Spitzel bei den Nazis ein und sprengt schließlich die italienische Nacht. Sein Freund Karl (Peer Oscar Musinowski) träumt zusammen mit seiner Leni (Nina Siewert) von einer kleinbürgerlichen Kramerexistenz. An solchen Ideen verzweifelt auch der aufrechte Marxist aus Magdeburg - das Stück spielt in einer "süddeutschen Kleinstadt", in Murnau oder Penzberg vielleicht, wo sich Horváth auskannte und beobachten konnte, wie SA und Kommunisten in Wirtshausschlägereien aufeinander losgingen.

Zur Schlägerei selbst kommt es hier nicht. Es braucht sie gar nicht mehr. Ein Nazi-Leutnant versammelt die Anwesenden zum Gesang. Ein paar wenige Verzweifelte wie die empathische Christiane Roßbach als Gattin des Stadtrats halten sich die Ohren zu oder versinken in Apathie. Die anderen brüllen "Die Wacht am Rhein", die Nazi-Augen glitzern in Euphorie - ein Moment, der in seinem Grusel an den Film "Cabaret" heranreicht, an die Stelle, in der im Biergarten ein Hitlerjunge mit leuchtendem Blick davon singt, dass seiner Bewegung die Zukunft gehöre. Bieito arbeitet extrem präzise, vertraut auf die Kraft der Analogie. Am Ende meint der alte Stadtrat, die Republik könne beruhigt schlafen. Und der wache Marxist Martin wünscht ihr eine gute Nacht.