Theaterpremiere in München:Warum?

ACHTUNG BILDER NUR FÜR BERICHTERSTATTUNG ÜBER DAS STÜCK VERWENDEN.

Das Hexenhaus ist aufklappbar. Ist ja schon mal was.

(Foto: S. Then)

Herbert Achternbusch schrieb einst ein wildes Drehbuch, Werner Herzog verfilmte es noch wilder. Jetzt bringt es das Residenztheater nochmal auf die Bühne - leider ohne alles Wilde.

Von Egbert Tholl

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es den Mühlhiasl wirklich gegeben hat. Ist dem so, dann lebte er in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Bayerischen Wald und war ein Wahrsager. Er sagte die beiden Weltkriege voraus und sogar die Ungeheuerlichkeit, dass Frauen dereinst Hosen und Kurzhaarschnitte tragen werden. Viele Jahre später stieß Herbert Achternbusch, ein großer Freund verschlungener Prophetie, auf den Hias und schrieb ihn in ein Drehbuch hinein, in welchem er lustvoll apokalyptische Visionen aller Art ausbreitete und krachend die Blödheit der Menschen ausstellte. Dieses Drehbuch nahm dann Werner Herzog zur Hand und drehte damit 1976 den Film "Herz aus Glas", der nichts mit dem Song von Blondie zu tun hat, sondern der reine Irrsinn ist. Herzog hypnotisierte seine Darsteller, um eine eigenwillige Stilisierung zu erreichen. Das ging auf. Im Film tapern somnambule Figuren mit verdrehten Augen herum und reden sehr langsam sehr wenig. Nur der Hias redet mehr, aber der hat auch seine Visionen und wird von Josef Bierbichler gespielt, von dem man kaum glauben kann, dass er je so jung war.

Nun kommt eine junge Regisseurin daher, Elsa-Sophie Jach, Jahrgang 1991, und bringt dieses Drehbuch als Stück zum ersten Mal auf die Bühne, im Marstall des Münchner Residenztheaters. Und die entscheidende Frage ist: Warum?

Wenn die Welt verkehrt herum läuft, muss du rückwärts gehen, um voranzukommen

Die Geschichte spielt unter Glasbläsern im Bayerischen Wald und geht so: Der Erfinder des wertvollen, leuchtend roten Rubinglases ist mit dem Geheimnis von dessen Herstellung ins Grab gegangen. Der feudale Hüttenherr sucht und findet nichts, die Glasbläser fürchten um ihr Auskommen, der Hias soll das Geheimnis sehen. Will aber nicht. Der Hüttenherr vollführt vampiristische Experimente, die Männer sitzen trüb im Wirtshaus, ein paar Frauengestalten tauchen auf, denen ein Exorzist oder Ähnliches gut täte. Schließlich geht alles zugrunde. Im Film rudern vier Männer aufs Meer hinaus, um das Ende der Welt zu suchen. Auf der Bühne endet es mit dem Untergang von Straubing.

Elsa-Sophie Jach ließ sich von Marlene Lockemann ein Hexenhaus bauen, das man auf und zu klappen kann, setzt den nerdig trommelnden Musiker Samuel Wootton hinein und lässt einen sechsköpfigen Chor, ausstaffiert mit abgetragenen Jogginganzügen und mottenzerfressenen Rokoko-Perücken, die Geschichte erzählen. Vor allem aber erzählen die sechs die Szenerien des Films, die man dennoch, kennt man diesen nicht, kaum imaginieren kann. Das schlingert letztlich brav von Szene zu Szene, einige werden nachgestellt, huschen vorüber, doch der Kern des Abends liegt eh woanders. Bei Pia Händler, die den Hias spielt. Dunkelleuchtend steht sie dem Chor gegenüber, eine Kassandra wider die Blödheit, beobachtet das bizarre Volk, reiht Menetekel an Menetekel. Und so wird dieser Abend ein verschrobener Kommentar zu Irrglauben und Verführung, garniert mit Sätzen herrlicher Hellsichtigkeit. Wenn die Welt verkehrt herum läuft, muss du rückwärts gehen, um voranzukommen. Das ist dann wieder ganz Achternbusch.

© SZ/alex
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