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Terry Pratchetts letztes Buch:Warum ich "Die Krone des Schäfers" nicht lesen will

Pratchett Shepherd's Crown

Die Pratchett-Lesern schon vertraute Hexe Tiffany Aching trifft in Shepherd's Crown auf viele Charaktere aus den vorherigen 40 Romanen.

(Foto: Random House)

So schlimm wie das letzte "Harry Potter"-Kapitel wird es nicht sein. Ich würde das finale Buch von Terry Pratchett aber nicht einmal lesen, wenn ich damit auf einer einsamen Insel strande.

Von Anja Perkuhn

Ein "angemessener Abschied" des Autors Terry Pratchett soll sein neues, sein letztes Buch The Shepherds Crown sein. Dazu kann ich leider nichts sagen - denn ich werde es nicht lesen. Nicht etwa, weil ich Sir Terrys Fantasyromane aus der "Scheibenwelt"-Reihe für Müll halte. Sondern weil ich wenig schlimmer fände, als einen angemessenen Abschied von Terry Pratchett.

Sein letztes Buch - Pratchett ist im vergangenen März mit nur 66 Jahren an Alzheimer gestorben - ist in Großbritannien in der vergangenen Woche erschienen, in Deutschland ist die Veröffentlichung von Die Krone des Schäfers für den 9. November vorgesehen. Hunderte Fans in London standen Schlange, um den 41. "Scheibenwelt"-Roman direkt nach dessen Veröffentlichung zu kaufen. Das Buch steht nun schon in der zweiten Woche auf Platz eins der Verkaufsliste - und auf Platz eins der Verkaufsliste für Kinderbücher.

Pratchett hat 2007 erfahren, dass er an Alzheimer erkrankt ist, nach der Diagnose hat er noch fünf Bücher geschrieben. "Selbst wenn Terry wahrscheinlich nicht wusste, dass er das letzte 'Scheibenwelt'-Buch schreibt, verabschiedet er sich doch von fast allen", lobt Times-Autor Neil Gaiman. Die Pratchett-Lesern schon vertraute junge Hexe Tiffany Aching muss die Welt retten und trifft dabei auf viele Charaktere aus den vorherigen 40 Romanen (insgesamt hinterlässt er 71 Bücher für Erwachsene und Kinder).

Pratchetts Welt war kein Zuckerwatteland mit sauberen Abgängen

Furchtbarer als das letzte Kapitel der "Harry Potter"-Reihe kann das zwar nicht werden - Joanne K. Rowling ließ alle Figuren noch einmal in wattebauschiger Gemeinsamkeit aufmarschieren, inklusive einer gefühlt zweistelligen Zahl von Kindern der glücklich verheirateten Romanpärchen, die alle vier bis fünf Vornamen im Andenken an die Verstorbenen trugen.

Dennoch: Die letzte Seite von The Shepherd's Crown mit einem abschlussseligen Lächeln zuzuschlagen, das ist für mich keine Option. Denn Pratchetts Welt war trotz bizarrbunter Figuren, ironischem Witz und Irgendwie-Happy-Ends kein Zuckerwatteland mit sauberen Abgängen.

Ich halte es deshalb lieber wie eine andere Figur in einem anderen Universum, deren Handeln ich bis hierher nie nachvollziehen konnte: Logistiker Chuck Noland (gespielt von Tom Hanks) in "Cast Away". Er sitzt mit einer ganzen Flugzeugladung von Paketen auf dieser Insel, irgendwann öffnet er sie, findet nutzlose Dinge darin, manch Nützliches wie Schlittschuhe, deren Kufen er zum Schneiden verwendet, oder seinen neuen Wegbegleiter, Volleyball Wilson.

Nur eines, das letzte, das öffnet er nie. Im dramatischen Finale nach seiner eigenen Rettung von der Insel - ein kitschiger Gruß wohl auch an die Berufsehre der Paketausträger - bringt er dieses Paket dann seinem rechtmäßigen Empfänger. Doch auch dabei erfährt er nicht, was darin lag. Es hätte also ein Funkgerät darin liegen können, oder aber wollene Unterhosen.

Ich will mir ein albernes, melancholisches Gefühl des Nicht-Endens bewahren

Dieses Buch ist mein letztes Päckchen. Nicht aus dem Noland'schen Wunsch, sich potenzielle Hoffnung zu konservieren - sondern sich ein halb albernes, halb melancholisches Gefühl des Nicht-Endens zu bewahren, das auch in Pratchetts Werken immer wieder mitschwang.

"Auf Wiedersehen", sagte Mort, und war überrascht, in seinem Hals einen Kloß zu finden. "Unerfreuliche Worte, oder?" GANZ RECHT. Der Tod grinste, denn, wie ja bereits oft erwähnt wurde, er hatte keine große Wahl. Aber vielleicht meinte er es diesmal auch so. ICH ZIEHE AU REVOIR VOR, sagte er.

Mort ist in "Gevatter Tod" (Original: Mort, 1987) der Lehrling des Todes

Guardian-Autor Jonathan Jones hat kürzlich - ohne je ein komplettes Pratchett-Buch gelesen zu haben - den Hype um die "Scheibenwelt"-Geschichten hart kritisiert. Er verstehe die "Obsession für mittelmäßige Schreiber" nicht, zumal es doch so viele wichtige, richtige Literaten gebe, die die Welt beschreiben und damit verändern (Zum Glück gab es dann auch eine Guardian-Replik darauf.). Jonathan Jones hat es nicht verstanden, weil er es nicht begriffen hat: Pratchett hat genau das getan.

Er hat aus dem Tod eine menschliche, wenn nicht seine menschlichste Figur gemacht, er hat den Magier Rincewind am Zaubern (und der Rechtschreibung) scheitern lassen, hat Susanne, die Enkelin des Todes, den Versuch unternehmen lassen, ihrem Schicksal zu entkommen als, nun ja, Enkelin des Todes, hat Eskarina Smith von Zuhause ausziehen und in die große Stadt Ankh-Morpork gehen lassen, um der erste weibliche Zauberer zu werden und auf dem Weg dorthin immer wieder an die Ecken der Gesellschaft zu stoßen. Pratchett hat das Leben genommen und ihm einen bunten, löchrigen, schillernden, vernähten, mit Troddeln und Pailetten bestickten Umhang übergeworfen - und es uns dann präsentiert.

Wer es nicht ernsthaft ansehen will in dieser leicht durchschaubaren Verkleidung, der ist selbst schuld.

Ob The Shepherd's Crown als Ende dieser Reihe nun ein angemessener Abschied ist oder ein angemessen unangemessner - ich will es nicht wissen. Ich bleibe so oder so auf der Insel, die getragen wird von vier Elefanten, die auf einer riesigen Schildkröte stehen, und lese mich durch all die Bücher von Pratchett, die ich noch nicht kenne - und durch die, die ich schon ein-, zwei-, dreimal gelesen habe. Nur durch dieses eine letzte: niemals.

© SZ.de/cag

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