Krieg in der Ukraine:Freiheit oder Tod

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Krieg in der Ukraine: Oxana Matiychuk ist Germanistin und arbeitet am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an der Universität Czernowitz im Westen der Ukraine.

Oxana Matiychuk ist Germanistin und arbeitet am Lehrstuhl für ausländische Literaturgeschichte, Literaturtheorie und slawische Philologie an der Universität Czernowitz im Westen der Ukraine.

(Foto: Universität Augsburg/Imago/Bearbeitung:SZ)

Wir geben niemals auf. Und was die Teilmobilmachung für die Russen bedeutet, können wir in den sozialen Medien nachlesen. Das Ukrainische Tagebuch.

Gastbeitrag von Oxana Matiychuk

Was machen die Ukrainerinnen und Ukrainer, wenn dreihunderttausend russische Soldaten aufmarschieren? Und der russische Präsident in der Ukraine die Atomwaffen einzusetzen droht? Die ukrainischen sozialen Netzwerke reagieren mit Memes und Witzen, etwa so: Auf dem Bild ist der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte Walerij Saluschnyj beim Telefonieren zu sehen. Er sagt in den Hörer: "Herr Landwirtschaftsminister, bereiten Sie doch Ihre Vorschläge vor, wo wir all die Russen begraben werden. Genau, wo die ukrainische Erde noch gedüngt werden muss." Saluschnyj selbst reagiert in seiner lakonischen Art: "Wir werden alle vernichten, die mit Waffen unseren Boden betreten - ob nun freiwillig oder mobilisiert."

Wie auch immer man die Nachricht von der russischen Teilmobilmachung nimmt: Klar ist, dass die Bedrohung durch Russland ein neues Ausmaß erreicht. Genauso klar ist es für die ukrainischen Streitkräfte und die hinter ihnen stehende Zivilgesellschaft, dass wir hier nicht aufgeben. Der wohl noch aus der Kosakenzeit stammende Spruch "Freiheit oder Tod" wird buchstäblich zum Leitmotiv des Denkens und des Handelns aller denkenden und handelnden Ukrainerinnen und Ukrainer.

Ich interessiere mich nicht für Politik: Diese Position gibt es in Russland nicht mehr

Viel differenzierter dagegen sind die Reaktionen der russischen Gesellschaft. Obwohl ich in den vergangenen Wochen all die Aufgaben der neuen Position an der Universität, des Präsenzunterrichts und der stets laufenden humanitären Projekte kaum unter einen Hut bringen kann, nehme ich mir am Sonntag eine Stunde Zeit, um einen Streifzug durch die russischen sozialen Netzwerke zu machen.

Authentische Meldungen sind mitunter durchaus erkenntnisreich. Die "politikfernen einfachen russischen Bürger", die sich für die Spezialoperation in der Ukraine sieben Monate lang nicht interessierten und keine Einstellung dazu bei Umfragen formulieren konnten, werden plötzlich durch die Politik zu Hause aufgesucht und an ihre Pflicht erinnert, "die Heimat zu verteidigen". Die Antwort "Ich interessiere mich nicht für Politik" ist dabei nicht vorgesehen.

Die glühenden patriotischen Slogans, die Überzeugung, dass die "Ukrofaschisten" nun endgültig bekämpft werden würden, sind langweilig. Interessanter erscheinen allerlei Tipps für die weniger patriotisch gestimmten Bürger, wohin man mit und ohne einen gültigen Reisepass ausreisen und wie lange man im jeweiligen Aufenthaltsland bleiben darf. In der Facebook-Gruppe "Burjatien ist unser Zuhause" findet sich ein Post, in dem auf dem Foto Wladimir Putins als Hintergrund die Überschrift steht: "Wir erklären zu Feinden alle, die am Genozid der kleinen Völker in Russland beteiligt sind."

Georgien ist nicht froh über fliehende Russen. Sie kamen doch gerade noch mit Panzern

Eine Anspielung auf den überproportional hohen Anteil an gefallenen Soldaten aus sibirischen Regionen, allen voran aus Burjatien. In der Gruppe "Situation am Grenzübergang Verchnij Lars - Russland - Kaukasus" bleibe ich länger hängen, auf die "Sorgeposts" der ausreisewilligen Russen gibt es teils herrlich witzige und sarkastische Antworten der Georgier. Ein A.Z. schreibt: "Der Neffe, 35, fährt aus Moskau nach Tiflis. Welche Fragen werden jetzt an der Grenze gestellt? - "Er fährt nicht, er flieht", wird in einer Antwort richtiggestellt. "Es wird gefragt, ob man ein ausgeprägtes Interesse an Klomuscheln und Waschmaschinen hat. Wenn nicht, so lässt man einen einreisen", witzelt ein Mann, der von der Plünderungswut der russischen Soldaten offenbar Kenntnis hat.

Neben den witzigen Kommentaren gibt es auch sehr ernste und warnende. "Im Sommer 2008 kamen die Russen mit Panzern zu uns nach Georgien. Viele von denen, die heute hierherfliehen, standen wohl daneben und applaudierten." "Wo ist die Garantie, dass in einigen Jahren diese ,Kriegsverweigerer' ihren Zaren nicht rufen, damit er sie ,verteidigen' kommt?" Es wäre vielleicht gar nicht verkehrt, diese Äußerungen nicht pauschal als irrelevante subjektive Meinungen aus den sozialen Netzwerken zu nehmen. Der Unwille, in den Krieg geschickt zu werden, geht nicht automatisch mit der Verinnerlichung von Werten der liberalen Demokratie einher. Oder hat man in der Bundesrepublik etwa den Eindruck, dass alle ursprünglich aus der Sowjetunion oder aus Russland stammenden Einwohnerinnen und Einwohner diese tatsächlich verinnerlicht haben?

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