"Zukunft der Stadt": Mobilität "Straßen müssen mehr sein als reine Transportwege für Autos"

Zeitgeist "Zukunft der Stadt": Mobilität

SZ-Serie "Zukunft der Stadt", Folge 1: Wie soll Mobilität künftig aussehen?

(Foto: Stephan Rumpf; Collage Jessy Asmus)

Die dänische Städteplanerin Helle Søholt bringt die Zukunft der Stadt auf eine simple Formel: Fahrrad statt Auto. Aus der SZ-Serie "Zukunft der Stadt".

Von Carolin Gasteiger

Die Welt wird urban. Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben, weil Metropolen gute Jobs bieten, Universitäten oder ein abwechslungsreiches Kulturprogramm. Dazu noch ein eng getaktetes Nahverkehrssystem, die besten Krankenhäuser und eine gute Internetverbindung. Nicht zu vergessen Flugzeug und Bahn, wenn man mal schnell weg will. Aber wie müssen sich Metropolen verändern, um einer urbanen Gesellschaft gerecht zu werden? Damit beschäftigt sich die SZ-Serie "Zukunft der Stadt". In dieser Folge lesen Sie über Mobilität.

Zusammen mit dem Städteplaner Jan Gehl hat Helle Søholt im Jahr 2000 das Architekturbüro Gehl in Kopenhagen gegründet und berät Städte und Gemeinden auf der ganzen Welt.

Zusammen mit dem Städteplaner Jan Gehl hat Helle Søholt 2000 das Architekturbüro Gehl in Kopenhagen gegründet.

(Foto: Stamers Kontor)

Wo sehen Sie die größten Probleme?

Wir haben zu wenig Platz in den Städten - aber der Raum, den Transport in urbanen Gegenden beansprucht, nimmt stetig zu. Jedem Bürger sein eigenes Auto zuzugestehen, wird immer schwieriger. Ich spreche in diesem Zusammenhang gern von einem Hard- und einem Software-Problem. Tatsächlich gibt es rein physisch einfach nur begrenzt Platz für Transport in unseren Städten (Hardware). Aber wir stehen auch vor einer kulturellen Herausforderung (das wäre die Software): Wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass man für seine individuelle Freiheit nicht unbedingt ein eigenes Auto haben muss. Aber es gibt noch ein zweites Problem. Oft mangelt es Städteplanern an innovativen, integrierten Designvorschlägen. Straßen müssen mehr sein als reine Transportwege für Autos. Wir sollten sie als Orte verstehen, an denen letztlich selbst Leben stattfindet. Wenn wir Straßen etwa als Orte gestalten, an denen Menschen sich aufhalten, sich treffen und austauschen können, machen wir viel lebenswerter. Wenn man es ganz hoch hängen will, kommt das letztendlich auch der Demokratie zugute.

Was sind die Ursachen für diese Probleme?

Immer noch wollen zu viele Menschen ein eigenes Auto. In unserer westlichen Gesellschaft, aber auch in Entwicklungsländern gilt das immer noch als Statussymbol. Aber so viele Autos passen gar nicht in die Stadt. Zum Glück findet in Großstädten, aber auch bei der heranwachsenden Generation langsam ein Umdenken statt.

Auf dem früheren Industriegelände Valby Maskinfabrik im Westen Kopenhagens hat das Gehl-Team versucht, das alte Fabrikgelände an die heutigen Ansprüche der Menschen, die dort arbeiten, anzupassen.

(Foto: Gehl)

Was wäre die Lösung?

Wir brauchen flexiblere Transportsysteme. Mir schwebt ein Mix aus Car Sharing, öffentlichem Nahverkehr und Fahrrädern vor. Je weniger Platz wir Autos auf den Straßen einräumen, desto eher verwenden die Menschen öffentliche Verkehrsmittel oder Fahrräder als Alternative. Und den frei gewordenen Platz kann man begrünen und so mehr öffentlichen Raum schaffen. Abgesehen davon, dass wir uns aus gesundheitlichen Gründen eh mehr bewegen sollten, müssen wir uns gut überlegen, wie wir Straßen und Wege künftig gestalten wollen.

Wo gibt es das schon als bestes Beispiel für die Zukunft?

Mein persönlicher Favorit ist Kopenhagen. Weil dort immer mehr Menschen aufs Fahrrad umsteigen und zum Teil damit in Kombination mit Zug oder U-Bahn auch zur Arbeit pendeln. Im kommenden Jahr wird eine neue U-Bahn-Linie mit 17 Haltestellen eröffnet, das wird die Mobilität in Kopenhagen noch mal deutlich verändern. Allerdings muss man hier auch unterscheiden: In ländlichen Gegenden Dänemarks dominiert immer noch das Auto als Fortbewegungsmittel.

In Kopenhagen hat das Umdenken bereits stattgefunden - und immer mehr Menschen bewegen sich mit dem Fahrrad in der Stadt fort.

(Foto: )

Ihre verrückteste Idee, die wenig kostet?

Die simpelste ist sicherlich, Fahrradwege zu bauen.

Aber wenn es experimenteller sein darf, denke ich an vielfältig gestaltete Straßen. Je nach Tages- oder sogar Jahreszeit kann eine Straße ganz unterschiedliche Anforderungen erfüllen. Man könnte sie zur Rush Hour mit zwei Fahrspuren für Autos öffnen, tagsüber dann aber eine Spur für Fahrräder reservieren - und am Wochenende vielleicht ganz für den Verkehr sperren, damit Kinder dort spielen können. Zur Weihnachtszeit flankiert man die Straßen mit Verkaufsbuden - früher wurde ja auch auf der Straße gehandelt und geredet. Auf diese Weise wird die Straße selbst zu einem öffentlichen Ort. Mobilität soll ja die Freiheit des Einzelnen garantieren - dieses Motto kann man ganz neu begreifen.

Sitzmöglichkeiten am Times Square - für die einen nur der Weg, für die anderen ein Aufenthaltsort.

(Foto: )

Die Welt wird urban. Immer mehr Menschen wollen in der Stadt leben, weil Metropolen gute Jobs bieten, aber auch Universitäten und ein abwechslungsreiches Kulturprogramm. Dazu noch ein eng getaktetes Nahverkehrssystem, die besten Krankenhäuser und eine gute Internetverbindung. Nicht zu vergessen Flugzeug und Bahn, wenn man mal schnell weg will. Aber wie müssen sich Metropolen verändern, um einer urbanen Gesellschaft gerecht zu werden. Damit beschäftigt sich die SZ-Serie "Zukunft der Stadt".

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