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SZ-Serie: Kultur-Podcasts aus München, Folge 3:Seitenweise Plaudereien

Buchtipps als sportlicher Wettkampf: Günter Keil und Karla Paul gestalten für Random House den Podcast "Long Story Short".

(Foto: Simone Hawlisch)

Viele Verlage setzen auf kostenlose Audio-Angebote im Netz. Sie ermöglichen Einblicke in den Literaturbetrieb - und sollen neue Zielgruppen erschließen

Für Laura Reichert ist die Sache klar: Der große Vorteil von Podcasts gegenüber Büchern sei, dass es sich beim gesendeten Wort um ein Medium der Gleichzeitigkeit handele: "Man kann das beim Sport, beim Putzen oder im Auto hören", sagt die 27-Jährige, die beim Penguin-Verlag in der Marketingabteilung arbeitet. Sie hat den Podcast "Penguin lädt ein" konzipiert. Alle zwei Wochen sprechen hier Moderatorinnen im Wechsel mit einem Autor eine gute halbe Stunde über sein neues Buch. Das kann auch mal Ratgeber-Charakter haben: So geht es im Gespräch mit Sachbuchautoren um gesunde Ernährung, Reisetipps für Rom oder die Freude am eigenen Garten. Penguin ist nicht der einzige Verlag, der seit einigen Monaten viel Arbeit darauf verwendet, Podcasts rund um Bücher zu entwickeln. Die Chance, mit dem jederzeit abrufbaren Audio-Format neue, und vor allem jüngere Zielgruppen anzusprechen, ist für viele Verlage verlockend.

Auch Florian Kessler von Hanser hat mit dem Format "Hanser Rauschen" einen Podcast entwickelt, der sich um die Welt der Bücher dreht. Statt auf externe Moderationsprofis zu setzen, führen hier die Lektoren des traditionsreichen Münchner Verlags selbst das Wort. Die Zuhörer sind dabei, wenn Piero Salabè, der für englischsprachige Literatur bei Hanser zuständig ist, bei Rum-Shots mit T. C. Boyle darüber philosophiert, warum der amerikanische Starautor keine Autobiografie schreiben wird. Oder wenn die Lektorin Tatjana Michaelis von Rafik Schami, dessen Werk sie seit Jahrzehnten betreut, erfährt, dass der Schriftsteller 1972 am Tag des Attentats im Olympiazentrum gekellnert hatte.

"Ein Verlag ist wie ein Bienenstock - und die Lektoren sind darin die Schnittstellen", sagt Kessler, der selbst als Lektor für deutschsprachige Gegenwartsliteratur bei Hanser arbeitet. Ihm geht es darum, mit dem Podcast einen Blick in die Werkstatt des Verlages zu ermöglichen. "Den Vorhang ein Stück lüften", nennt Kessler das. Für den Lektor liegen die Vorteile des Podcast-Formats im freien, assoziativen Gespräch über Literatur: "Man kann zweimal um die Ecke denken und kommt über Umwege an Orte, an die man sonst nie käme."

Es ist diese Atmosphäre kreativer Intimität, die den Hanser-Podcast besonders macht. Dazu trägt womöglich auch bei, dass Kessler für seinen Podcast nicht über eine große Tontechnik-Ausrüstung verfügt. Für "Hanser Rauschen" müssen ein Standmikro und ein iPhone für die zweite Tonspur genügen. Den Vorschnitt macht die Social-Media-Kollegin selbst. Do-it- yourself aus der Lektoratsstube.

Das ist bei der Verlagsgruppe Random House, die zum Mediengiganten Bertelsmann gehört, anders. Hier kümmern sich Tontechniker im hauseigenen Tonstudio um die Aufnahme des Podcasts "Long Story Short". Auch konzeptionell setzt die Verlagsgruppe vor allem auf Professionalität. Mit der Buchbloggerin Karla Paul und dem Journalisten Günter Keil haben sich die Münchner zwei Medienprofis ins Tonstudio geholt. Zusammen sind sie schon länger mit ihrer Literaturshow "Die Seitenspringer" auf Tournee in ganz Deutschland. Dabei wird das bewährte Buchtipp-Format beschleunigt und zu einer Art sportlichem Wettkampf ausgebaut: In einem nur wenige Minuten dauernden Pitch preisen Paul und Keil ihre Lieblingsbücher an und stellen deren Plot vor. Am Ende kann das Publikum abstimmen, welches Werk ihnen am besten gefallen hat.

Auch beim Podcast soll der Wettbewerbsgedanke frischen Wind in die Bücherwelt bringen, wenngleich die Publikumsabstimmung bislang fehlt. Der Ablauf bei "Long Story Short" gleicht ansonsten der Live-Show weitgehend - und ist im Unterschied zu "Hanser-Rauschen" stark festgelegt: vier Bücher in 30 Minuten, darunter Neuerscheinungen genauso wie ältere Lieblingstitel. Vorab gibt es eine einminütige Zusammenfassung des Inhalts eines jeden Werks, an deren Anfang und Ende eine Glocke ertönt, die an einen Boxkampf erinnert. Und als Teaser lesen Paul und Keil jeweils einen Satz aus jedem Buch vor. Das Script zwängt die Moderatoren zwar in ein enges Gesprächskorsett, schadet der Unterhaltung aber nicht. Denn der besondere Reiz bei "Long Story Short" liegt in den Persönlichkeiten der beiden Gastgeber Karla Paul und Günter Keil: "Er ist Feuilleton, ich bin die Online-Welt", sagt Paul über sich und ihren Co-Moderator. Das ist nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden: Paul versteht sich als Feministin, Keil schreibt unter anderem für den Playboy.

Es gibt also eine gewisse Grundspannung beim Moderatorenduo des Random-House-Podcasts. Die schimmert durch, wenn Paul Roxanne Gays kämpferisches Kolumnenbuch "Bad Feminist" vorstellt, oder Keil von der literarischen Sinnlichkeit eines Romans schwärmt, der für ihn nach Whiskey-Soda und würziger Meeresbrise riecht. Meist biegen Paul und Keil bei ihren bisher neun Buchwettkämpfen aber in Richtung Wohlfühlatmosphäre ab, bevor es die Boxring-Glocke wirklich bräuchte. Mit den ersten beiden Folgen von "Long Story Short" waren sie damit immerhin in den iTunes-Charts auf Platz fünf, sagt Karin Pfaff, die den Podcast bei Random House betreut.

Im vierstelligen Bereich sind die Abrufzahlen des eher Sachbuch-lastigen Penguin-Podcasts. Noch wichtiger sind für die Marketingverantwortliche Laura Reichert wohl aber zwei andere Zahlen: Zwischen 23 und 45 Jahren sind die meisten Hörer von "Penguin lädt ein" und damit "jünger als auf anderen Kanälen" des Verlags. Mit 30 Prozent ist zudem der Anteil der männlichen Hörer und damit potenziellen Leser "erfreulich hoch", sagt Reichert.

Auch bei Hanser ist Florian Kessler zufrieden damit, wie der Podcast angelaufen ist: Wenn Stars wie T. C. Boyle zu Gast sind, hören einige Tausend Leute auf Spotify zu. Im Unterschied zu den anderen beiden Podcasts beschränkt sich "Hanser-Rauschen" nicht auf das Gespräch mit Autoren aus dem eigenen Haus. Die Lektorin Lina Muzur etwa hatte Lust, sich mit Dirk von Lowtzow über dessen Buch "Aus dem Dachsbau" zu unterhalten. Dass der Tocotronic-Sänger zu Wort kommt, der nicht bei Hanser, sondern bei Kiepenheuer & Witsch schreibt, sieht Kessler positiv - er nennt es "eine Frischzellenkur" für "Hanser-Rauschen". Denn eigentlich treibt ihn vor allem eines um: "Dass gute Bücher die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen."

Im Netz zu finden: penguinverlage.podigee.io, hanser-rauschen.podigee.io sowie longstoryshort.podigee.io