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SZ-Serie: Ganz persönlich, Folge 2:Ruhm und Schwere

Es ist nicht lange her, da war der Schriftsteller Heinz Piontek sehr bekannt - ein kleines Museum in Lauingen hält die Erinnerung wach

Wie das Rohe ertragen und wie

widerstehn dem Verrat?

Sicher aussichtslos,

doch wie lange schon

kämpf ich hier

um einen glücklichen Ausgang

für Gedanken.

(Heinz Piontek: "Am See", Ausschnitt)

Es ist nicht lange her, da kannte ihn fast jedes Kind. Die Gedichte und Erzählungen von Heinz Piontek standen in vielen Schulbüchern, der mit Preisen überhäufte Schriftsteller war auf dem Weg zum Klassiker schon weit gekommen. Doch selbst großer Ruhm kann schnell verblassen. Dann braucht es Menschen, die sich gegen das Vergessen stemmen; Menschen wie den Sammler Anton Hirner.

Ortstermin in Lauingen an der Donau. Das Städtchen im bayerischen Schwaben, westlich von Augsburg gelegen, prunkt im Kern mit schön renovierten Häusern. In den Nebenstraßen jedoch bröckelt der Putz von den Fassaden, stehen Läden leer: In Lauingen ist alles nah beisammen, das Repräsentative und der Verfall. Vielleicht passt das ja nicht schlecht zu Piontek, denkt man, während man in einen begrünten Innenhof einbiegt, die Treppen eines ehemaligen Klosters hochsteigt und schließlich im zweiten Obergeschoss steht. Hier liegt der Eingang zu den Räumen, die Anton Hirner für das Heinz-Piontek-Museum angemietet hat; das Gebäude beherbergt heute außerdem ein Montessori-Kinderhaus, einen Fastnachtsverein und eine Mineraliensammlung.

Es war eine glückliche Zeit, 1952 in Lauingen: Hier wurde Heinz Piontek zum Schriftsteller - und lernte seine Frau Gisela kennen. Die Stadt wurde beiden zur Nachkriegsheimat, bevor sie nach München zogen.

(Foto: Heinz Piontek-Archiv, Lauingen)

Es ist eine vielfältige und zugleich unauffällige Umgebung, und es mag auf den ersten Blick auch ein unauffälliges kleines Museum sein, das sich hier verbirgt. Doch die Sachkenntnis und Sammelleidenschaft, mit der Anton Hirner dieses Museum betreibt, angeschlossen an sein stetig wachsendes Privatarchiv zu Piontek, sucht ihresgleichen. Und so ist man versucht, erst einmal ganz viel über Hirner zu schreiben und sein Engagement, doch im Sinne des freundlich-diskreten Mannes wäre das nicht. Und so soll zunächst gebührend von Heinz Piontek die Rede sein, nebenbei natürlich auch von Lauingen. Die Bedeutung der beiden füreinander hat Hirner mit einigen Mitstreitern mustergültig aufgearbeitet, und in einem bildgestützten Vortrag gibt er Besuchern sein Wissen gern weiter.

Piontek, 1925 im schlesischen Kreuzburg geboren, war 1943 von der Schulbank weg als Soldat eingezogen worden - und besuchte seine Heimatstadt später nie wieder. Im Mai 1945 fand er sich allein und mittellos im bayerischen Kötzting wieder, soeben entlassen aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft. Was tun? Er arbeitete in Waldmünchen in einem Steinbruch, dann im zerstörten München auf dem Bau. Da er studieren und Schriftsteller werden wollte, schlug ihm ein Freund 1947 vor, gemeinsam ins fast intakt gebliebene Lauingen zu ziehen und sich an der nahen Hochschule in Dillingen einzuschreiben. Und Lauingen brachte Piontek Glück: Nicht nur fand er durch den Freund eine Unterkunft, er lernte auch eine junge Frau kennen, die ausgerechnet aus Kreuzburg stammte wie er selbst - seine künftige Ehefrau.

Lauingen und Dillingen wurden dem Heimatvertriebenen von 1947 bis 1961 zur "Nachkriegsheimat", wie er sagte. Er umschrieb diese Jahre mit den Worten "Ortswechsel, Handgriffe und Denkbemühungen aus einem schlafwandlerisch improvisierten Leben in einer improvisierten Zeit". Inmitten all der Improvisation entfaltete sich der Schriftsteller in ihm; mit seinen ersten Gedichtbänden "Die Furt" (1952) und "Die Rauchfahne" (1953) feierte Piontek früh große Erfolge. Und schnell bekam er das Etikett "Naturlyrik" angeklebt; ein Etikett, das "seine Träger eher einnebelte als erklärte", wie es 1976 in der Laudatio zum Georg-Büchner-Preis hieß.

In den Jahrzehnten dazwischen hatte Piontek viel erreicht; er war nach München gezogen und in der Literaturszene - zum Beispiel der Bayerischen Akademie der Schönen Künste - gut aufgenommen worden. Der Schriftsteller und übrigens auch Maler hatte unzählige Gedichte, Erzählungen, Hörspiele, Kritiken, Essays und Romane geschrieben und die Werke anderer übersetzt oder herausgegeben, war selbst in 24 weiteren Sprachen zu lesen und hatte mehr Preise erhalten als ein Günter Grass oder Heinrich Böll. Und doch begann ausgerechnet zum Zeitpunkt der höchsten Auszeichnung, des Büchner-Preises, sein Stern wieder zu sinken. Als sich in den Siebzigern die Literatur zunehmend politisierte, wurde Piontek als konservativer Traditionalist kritisiert. Die sechsbändige Werkausgabe, die der Schneekluth-Verlag noch zu seinem 60. Geburtstag 1985 herausgab, konnte nicht überdecken, dass er ins Abseits geriet. Der Schriftsteller blieb seinen Grundsätzen treu - und machte weiter. Er malte mehr als zuvor, das schon. Und er kämpfte mit Depressionen, jahrzehntelang, bis zu seinem Tod 2003.

Ein Selbstporträt von Heinz Piontek als Aquarell.

(Foto: Heinz-Piontek-Museum, Lauingen)

Hier kommt nun allmählich Anton Hirner ins Spiel. Der heute 64-Jährige kannte Piontek nicht persönlich; er ist auch kein Germanist, sondern war als Betriebswirtschaftler zuletzt selbständiger Projektentwickler. Doch er war in einem Lyrik-Kreis dem Werk Pionteks nähergekommen, hatte im Jahr 2000 aufmerksam ein Piontek-Sonderheft der Zeitschrift Literatur in Bayern gelesen - und stiftete drei Jahre nach dessen Tod zusammen mit seinem Freund Klaus Hille eine Gedenktafel an einem Lauinger Wohnhaus Pionteks. Davon erfuhr nun wiederum dessen Schwester Ilse Huth. Da weder die Pionteks noch sie selbst Kinder hatten, schenkte sie Hirner viele Gegenstände des Bruders und setzte ihn schließlich als Nachlassverwalter seines "geistigen Erbes" ein.

Das erscheint nur folgerichtig, schließlich hat Hirner das Thema Piontek über die Jahre mehr und mehr zu einer Lebensaufgabe gemacht. Zuerst erarbeitete er zusammen mit Hille eine Ausstellung; 2013 dann eröffnete das Museum, mit zwei Kabinetten voller Bilder, Bücher, Briefe, Erstausgaben und der von Hirner nachträglich erworbenen Privatbibliothek Pionteks; außerdem darf man in dessen Lehnstuhl Platz nehmen. Die Stärke der Präsentation: "Es sind alles Originale", wie Hirner sagt. Und er sammelt weiter: Vor wenigen Wochen erst habe er wieder "ein Konvolut von Briefen kaufen können", sagt er erfreut. Gerade erst hat er auch eine nach Piontek benannte Straße miteingeweiht: "Lauingen ist inzwischen der Hauptort des Gedenkens." Derzeit beschäftigt sich Hirner insbesondere mit den erstaunlich zahlreichen Familienbriefen Pionteks, ansonsten hat er ein Dutzend Archivboxen mit fein säuberlich geordneten und beschrifteten Dokumenten gefüllt und eine digitale Datenbank mit 2500 Datensätzen angelegt.

Welche Zukunft das alles hat? Klar, es ist "ein teures Hobby", wie Hirner zugibt, doch trotz nur 50 Besuchern im Jahr eine "sehr wertvoll verbrachte Zeit". Hirner hat einen langen Atem. Und eine Vision: 2025 steht der 100. Geburtstag Pionteks an. Bis dahin mindestens will er das Museum betreiben, bis dahin eine neue große Publikation anregen. Und er ist nicht der Einzige, der diesbezüglich in der Pflicht steht. Denn Hirner besitzt zwar viele Dinge und Dokumente aus dem Nachlass Pionteks, den Vorlass jedoch habe die Bayerische Staatsbibliothek zwischen 1991 und 2001 für 290 000 Mark erworben; es ist laut Hirner "der größte literarische Nachlass nach '45, den die Stabi verwaltet".

Material also ist genug da - es müsste nur mal jemand auswerten. Die polnischen Germanisten zeigen sich derzeit interessierter als die hiesigen: "Die deutsche Germanistik lässt Piontek links liegen, er ist in einem Dornröschenschlaf", sagt Hirner. Und, ausnahmsweise bitter wirkend: "Ich habe ein Archiv, in das noch fast keiner reingeschaut hat." Immerhin: Mit seiner Sammlung, mit einer detailreichen Webseite macht er einen Einstieg leicht; die Stabi hat überdies etliches digitalisiert. Immerhin auch ist gerade im Rimbaud-Verlag wieder eine Auswahl von Gedichten Heinz Pionteks erschienen. "Ich glaube an seine Renaissance", sagt Hirner. Er hält den Kampf, anders als der Schriftsteller selbst im anfangs zitierten Gedicht, mitnichten für aussichtslos: "Das wird kommen."

© SZ vom 08.08.2019
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