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Synthie-Popper:"Wir fühlen uns ziemlich europäisch"

Christian Mazzalai und seine französische Indie-Band "Phoenix" schöpfen Kraft und Inspiration aus ihrer deutsch-italienischen Familiengeschichte. Das neue Album "Ti Amo" stellen sie nun in München vor

Wenn man als französische Band im Indie-Pop-Bereich mitmischen will, funktioniert das nur selten mit muttersprachlichen Texten. Da ist es nur konsequent, dass sich Phoenix, einer der erfolgreichsten französischen Exportschlager des Genres, nicht Phénix genannt hat. Seit bald zwei Jahrzehnten ist das Quartett aus Versailles im Geschäft, Interviewfragen beantworten sie immer noch höflich und zuvorkommend. Der Gitarrist Christian Mazzalai erzählt von seiner italienisch-deutschen Familie und erklärt, warum Phoenix trotz Retrosounds keine Nostalgiker sind.

SZ: Wer produziert besser tanzbare Musik: Mike Lévy alias Gesaffelstein oder das ElektroDuo Thomas und Guy Manuel alias Daft Punk? Phoenix hat ja persönliche und musikalische Verbindungen zu beiden.

Christian Mazzalai: Wir kennen alle drei gut, aber die Antwort ist ganz leicht: Es ist Daft Punk. Gesaffelstein hat auch sehr gute Beats produziert, aber es ist unmöglich, den Groove von Daft Punk zu schlagen. Sie schaffen es, einer Drum-Machine menschliches Leben einzuhauchen. Das können nur die wenigsten.

Aber auch bei Ihnen, besonders auf den jüngsten beiden Alben, hört man deutlicher die Drum-Machines und Synthesizer heraus. Woher kommen diese elektronischen Einflüsse?

Wir haben das Musikmachen mit dem Equipment der elektronischen Musik gelernt. Als wir 16, 17 Jahre alt waren, haben wir mit dem Kompressor von Autocom angefangen, den auch Daft Punk auf ihrem ersten Album benutzt haben. Der war einfach sehr günstig. Der erzeugt einen relativ einzigartigen Sound. Wir haben mit diesem Kompressor unsere Drums erzeugt, und das machte ein Stück weit unseren Sound aus. Wir waren immer relativ stark in der Elektro-Szene unterwegs. Einfach schon aus praktischen Gründen. Außerdem konnten wir so Musik zu Hause in der Garage produzieren. Wir konnten ein bisschen experimentieren, damit wir nicht wie alle anderen Rockbands klingen.

Ein Herz für Italien: Laurent "Branco" Brancowitz, Deck d'Arcy, Thomas Mars und Christian Mazzalai (von li.) von "Phoenix".

(Foto: Warner)

Stimmt es eigentlich, dass Sie den Namen Phoenix von einem gleichnamigen Lied von Daft Punks erstem Album übernommen haben, das Mitte der Neunzigerjahre erschienen ist?

Das Lied gibt es, aber da kommt unser Name nicht her. Unseren Namen gibt es schon länger als dieses Lied. Um ehrlich zu sein, kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass Thomas' älterer Bruder als Jugendlicher in den USA war und eine Base-Cap der Stadt Phoenix mitgebracht hat. Aber wir fanden einfach das Bild des Phönix schön. Jeder darf da hineininterpretieren, was er will.

R. Kelly oder Serge Gainsbourg. Sie sind Fans von beiden, aber wer kann Ihrer Meinung nach besser singen?

Ich mag beide, aber niemand kommt an Serge Gainsbourg heran. Gainsbourg hat einfach keine Gesangstechnik gehabt, überhaupt keine. Am Ende seiner Karriere hat er nicht mal mehr gesungen, sondern nur noch gesprochen. Aber was zählt, ist die Ausdrucksweise, der Tonfall. Die Betonung der Wörter spielt eine große Rolle. Gainsbourg und Frank Sinatra sind die besten Sänger dieser Art. Vielleicht noch Bob Dylan.

Die Mutter von Laurent "Branco" Brancowitz und Ihnen stammt aus Deutschland. Der Spitzname Ihres Bruders kommt vom Mädchennamen Ihrer Mutter.

Meine Mutter ist in der Nähe von Bremen aufgewachsen und hat in den Sechzigerjahren in einem Hotelbetrieb gearbeitet. Ende der Sechziger hat sie dann meinen italienischen Vater in London kennengelernt, und sie sind zusammen nach Paris gezogen. Wir fühlen uns deshalb ziemlich europäisch. Als Kinder haben wir viele Sommer in Italien und Deutschland verbracht. Es gab eine Phase in unserem Leben, wo wir uns sehr in Deutschland verliebt und sogar ein Album dort aufgenommen haben. Gerade sind wir eher wieder Italien zugewandt.

Ihr aktuelles Album "Ti Amo" hat nicht nur einen italienischen Titel, sondern ist ein leichtes, euphorisches Werk mit viel Retro-Chic. Gleichzeitig sagen Sie, dass aktuelle gesellschaftliche und politische Ereignisse die Arbeit an diesem Album beeinflusst haben. Als das Massaker im Bataclan stattfand, sind Sie in Ihrem Pariser Aufnahmestudio festgesessen. Warum haben Sie dieses positive Gefühl aus der Vergangenheit gezogen und nicht aus einer neuen Utopie?

Ich würde sagen, wir verbinden beide Aspekte. Wir haben uns an unsere Kindheit erinnert, um dieses fantastische Terrain zu schaffen. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun. Wir haben uns der Vergangenheit zugewandt, um eine neue Musiklandschaft zu kreieren, die nach vorne zeigt. Wir wollten Musik für die Zukunft schaffen, die auf den Emotionen unserer Kindheit basiert. Wir wollten dieses Gefühl nicht eins zu eins reproduzieren, sondern mit der Verwerfung der Zeit etwas Neues erschaffen.

Phoenix, Sonntag, 24. September, 20 Uhr, Tonhalle, Grafinger Straße 6