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Streit um Clint-Eastwood-Film:Fakt oder Fake?

Im Drama "Richard Jewell" zeigt Clint Eastwood eine Journalistin, die für Informationen Sex anbietet. Die Frau hat ein reales Vorbild, ihre Zeitung protestiert und will erreichen, dass vor jeder Vorführung eine Erklärung zur Dramaturgie des Films gezeigt wird.

Es geht mal wieder um Fiktion und Fakten und darum, was die Kunst darf, wenn sie das wahre Leben behandelt. Das Kino nimmt sich die Wirklichkeit häufig zum Vorbild. In diesem Fall geht es um den Regisseur Clint Eastwood, dessen Film "Richard Jewell" am Freitag in die US-Kinos kommt (deutscher Starttermin ist der 27. Februar). Das Drama ist eine Hommage an den Wachmann Richard Jewell, der während der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta eine Bombe findet und Tausenden Besuchern das Leben rettet - danach jedoch fast drei Monate lang als verdächtig gilt, die Bombe selbst platziert zu haben. Der Film ist deshalb auch eine wütende Anklage an all jene, die ihn damals als möglichen Täter dargestellt haben.

Die Journalistin Kathy Scruggs hatte in der Zeitung Atlanta Journal-Constitution berichtet, dass die Bundesbehörde FBI gegen Jewell ermitteln würde. Das stimmte, aber im Film wird Scruggs als skrupellose Reporterin gezeigt, die einem FBI-Mitarbeiter sexuelle Gefälligkeiten gegen Informationen anbietet - und die Zeitung als Medienhaus, das aufgrund von Sensationsgier das Verhalten toleriert. Es gibt nun eine Klage des Mutterkonzerns Cox Enterprises, der zufolge vor jeder Vorführung ein Einspieler gezeigt werden soll, dass der Film zwar auf einer wahren Begebenheit basiere, jedoch aus dramaturgischen Gründen nicht unbedingt die wahren Begebenheiten zeige. "Die Reporterin wird objektiviert als jemand, der Sexhandel betreibt", heißt es in einem offenen Brief an Regisseur Eastwood, Drehbuchautor Billy Ray und die Produktionsfirma Warner: "Es wird so getan, als hätte Atlanta Journal-Constitution seine Mitarbeiter sexuell ausgebeutet und dafür gesorgt, dass sie ihren Quellen sexuelle Handlungen anbieten, um an Geschichten zu kommen. Diese Darstellung ist falsch und bösartig, und es ist diffamierend und rufschädigend."

Scruggs kann sich gegen ihre Darstellung im Film nicht persönlich wehren, sie ist vor 18 Jahren gestorben

Filme sind keine Geschichtsstunde, und "Richard Jewell" ist auch keine Dokumentation. Allerdings hat sich die Kinobranche durch den inflationär verwendeten Hinweis im Vorspann ("nach einer wahren Geschichte") selbst in die Bredouille gebracht. Es geht um Dinge wie die Frage, ob Mark Zuckerberg, wie in "The Social Network" angedeutet, Facebook wegen einer Verflossenen ersonnen habe oder wie präzise die Darstellung des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney in "Vice" gewesen ist. Quentin Tarantino macht sich daraus mittlerweile einen Spaß, indem er historische Fakten in "Inglorious Basterds" oder "Once Upon a Time in Hollywood" derart verändert, dass jeder Besucher wissen muss, dass da was nicht stimmt.

"Richard Jewell" ist ein interessanter Präzedenzfall, weil Jewell damals zahlreiche Medienhäuser verklagt und sich mit allen außergerichtlich geeinigt hatte - außer dem Atlanta Journal-Constitution, das bei seiner Darstellung blieb und von einem Gericht 2011 bestätigt bekam, wahrheitsgemäß berichtet zu haben. Jewell war ja tatsächlich verdächtig, nichts anderes hatte Scruggs geschrieben.

Der Film glorifiziert eine Person (Eastwood sagt über Jewell: "Es sollte eine Straße nach ihm benannt werden.") und stellt die andere als Antagonistin dar. Scruggs kann sich nicht dagegen wehren, sie ist vor 18 Jahren gestorben. Ihr damaliger Chef Bert Roughton schrieb in Kenntnis des Drehbuchs bereits im September einen Kommentar in seiner Zeitung: "Ich mache mir Sorgen. Filme reduzieren komplexe Personen oftmals auf Stereotype, und es besteht die Gefahr, dass bei Kathy vergessen wird, was für eine kompetente Journalistin sie gewesen ist." Olivia Wilde, die Scruggs spielt, sagt vor dem Filmstart: "Ich glaube, dass sie ungerechtfertigt auf diesen einen Moment reduziert wird."

In Hollywood wird nun debattiert, ob "Richard Jewell" ein Hinweis vorangestellt werden müsse oder ob es nicht klar sei, dass künstlerische Werke nun mal so gestaltet sind, dass darin Fakten und Fiktion verschwimmen. "Ausgerechnet die Zeitung, die zu denen gehört, die Richard Jewell damals vorverurteilt haben, versucht nun, Filmemacher und Darsteller zu diskreditieren", heißt es in einem Statement von Warner; aus dem Umfeld des Studios ist indes trotzdem zu hören, dass intern darüber beraten würde, zumindest am Ende des Films einen Hinweis zu veröffentlichen.

© SZ vom 13.12.2019
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