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Streamingportale:Streit um Ukraine-Bilder

Haben die Macher der oscarnominierten Netflix-Dokumentation "Winter on Fire" sich widerrechtlich an Filmmaterial bedient, das unter Lebensgefahr bei den "Euromaidan"-Protesten aufgenommen wurde?

Von Karoline Meta Beisel

Die Streamingdienste dieser Welt sind gemacht für Leute, die sich nur für die Geschichten interessieren, die es dort zu sehen gibt, und nicht für die Menschen, die diese erzählen. Bei Netflix zum Beispiel wird das Abspielfenster miniklein, sobald der Abspann beginnt - schließlich gilt es, dem Zuschauer sofort etwas Neues anzubieten, damit er ja nicht abschaltet oder seine wertvollen Daten jemand anderem schenkt. Dabei kann sich im Abspann eine eigene Geschichte verbergen. In diesem Fall vielleicht sogar ein Krimi.

Wenn dieser Tage von der Ukraine die Rede ist, dann geht es meist um korrupte Oligarchen, den Konflikt mit Russland oder das Assoziierungsabkommen mit der EU. Fast vergessen ist dabei, dass vor zwei Jahren Hunderttausende Menschen in Kiew gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch und für eine andere Ukraine protestierten. Als im Februar 2014 die Auseinandersetzungen mit der Polizei eskalierten, gab es mehr als 100 Tote.

Der Russe Evgeny Afineevsky hat über die Vorkommnisse auf dem Maidan einen Film gemacht, er heißt "Winter on Fire: Ukraine's Fight for Freedom". Seit Oktober kann man die Dokumentation auf Netflix sehen, sie war in diesem Jahr für einen Oscar nominiert - unterlag aber dem Film "Amy" über die Sängerin Amy Winehouse.

Winter on Fire

Viele haben 2014 auf dem Maidan gefilmt - die Rechte hält ein Kollektiv.

(Foto: Netflix)

Dennoch, auch "Winter on Fire" ist eine beeindruckende Dokumentation. Und zwar gar nicht so sehr, weil sie so kunstvoll montiert wäre oder besonders schön gefilmt. Im Gegenteil: "Winter on Fire" lebt von den grobkörnigen, oft wackligen Bildern der Männer und Frauen, deren Namen man im Abspann lesen kann, wenn man das Abspielfenster entgegen der Voreinstellung doch wieder groß klickt.

Als Kameraleute sind dort 28 Namen aufgelistet, von A wie Alex Kashpur bis Z wie Zhenya Shynkar. Viele von ihnen gehörten selbst zu den Demonstranten des "Euromaidan", wie die Bewegung genannt wurde. Sie filmten von den frühen, friedlichen Tagen der Proteste bis zum Ende, als die Verwundeten im Minutentakt in das zur Krankenstation umfunktionierte Hotel Ukrajina getragen wurden. Für seinen Film hat Afineevsky diese Bilder mit Interviews verschränkt, die die Protagonisten heute an den Orten von damals zeigen.

Jetzt aber ist zwischen dem Filmemacher und einigen Kameraleuten ein Streit entbrannt. Sie behaupten, Afineevsky habe ihr Filmmaterial unrechtmäßig erlangt. Sie hätten ihm ihre Aufnahmen zwar kostenlos zur Verfügung gestellt - aber in dem Glauben, dass Afineevsky einen Film daraus machen würde, der später umsonst zu sehen sein sollte, damit möglichst viele Menschen erfahren würden, was auf dem Maidan geschehen ist. Ursprünglich habe man noch zusammengearbeitet. Dann aber sei Afineevsky mit dem Rohschnitt abgehauen und habe den Film in den USA noch einmal neu bearbeitet. Auch mit dem Verkauf an Netflix sei man nicht einverstanden gewesen: Das sei ja ein kommerzieller Anbieter. Ein anderer der im Abspann genannten Männer, der in der Ukraine geborene Amerikaner Damian Kolodiy, sagt gar, er habe Afineevsky überhaupt nicht erlaubt, irgendetwas zu verwenden - und auch nie mit ihm gesprochen.

Afineevsky weist am Telefon alle Vorwürfe zurück. Die Kameramänner hätten ihr Material zwei Kollektiven überlassen, und die wiederum hätten ihm alle Rechte eingeräumt. Alle Beteiligten seien im Abspann genannt. Das Honorar von Netflix habe gerade gereicht, um den Film fertigzustellen. Außerdem sei das Ziel ja erreicht: Durch die Oscar-Nominierung sei der Film weltbekannt geworden, und bei Netflix sei ein Probemonat stets umsonst.

Ist das also eine Kriminalgeschichte oder doch nur eine von enttäuschten Hoffnungen? Bislang hat jedenfalls keiner der Männer rechtliche Schritte eingeleitet.

Damian Kolodiy hat aus seinem Material übrigens einen eigenen Film gemacht. Er heißt "Freedom or Death" und ist ein bisschen weniger aufpoliert als der bei Netflix, diesem aber ansonsten nicht unähnlich. Kein Wunder: Beide leben von den Aufnahmen, die vor zwei Jahren auf dem Maidan entstanden sind.

"Winter on Fire: Ukraine's Fight for Freedom", 98 Minuten, auf Netflix. "Freedom or Death", 72 Minuten, zum Download auf www.journeyman.tv/film/6584/freedom-or-death.

© SZ vom 11.04.2016

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