Stasi-Fall bei der "Berliner Zeitung" Stunde der Prüfung

Nach neuen Stasi-Bekenntnissen bei der "Berliner Zeitung" dringt der Verlag auf komplette Akteneinsicht. In der Redaktion herrscht Fassungslosigkeit.

Von Constanze von Bullion und Viola Schenz

Die Berliner Zeitung kommt nicht zur Ruhe, und diesmal geht nicht um die anhaltende Auseinandersetzung zwischen Redaktion und der Führung des Eigentümers David Montgomery. Vielmehr holt die Stasi-Vergangenheit von Journalisten die Redaktion ein.

Seit Freitag kursiert die Akte vom Ressortleiter Magazin, Thomas Leinkauf. Am Montag gab der stellvertretende Leiter des Politik-Ressorts in der Redaktionskonferenz zu, seit seinem 18. Lebensjahr bis zur Wende für die DDR-Staatssicherheit als Informeller Mitarbeiter (IM) tätig gewesen zu sein. Die Chefredaktion der Berliner Zeitung kündigte daraufhin eine Überprüfung ihrer Mitarbeiter durch eine unabhängige Institution.

Die hatte es in dem ehemaligen SED-Parteiblatt nach der Wende eigentlich bereits gegeben. Mitte der neunziger Jahre gab der damalige Chefredakteur Michael Meier eine entsprechende Studie in Auftrag. Damals flog unter anderem der damalige Betriebsratsvorsitzende Peter Venus als IM-Mitarbeiter auf. Seitdem mussten Mitarbeiter bei der Einstellung unterschreiben, nicht für die Stasi gearbeitet zu haben. Nun herrsche in der Redaktion "Fassungslosigkeit" über die neuen Fälle, sagt ein langjähriger Redakteur: "Es hat genug Gelegenheit gegeben, eine solche Tätigkeit offenzulegen."

Der Image-Schaden ist groß, nicht nur für den Berliner Verlag, sondern auch für alle Mitarbeiter. Am Samstag wandte sich Christian Bommarius, leitender Redakteur der Zeitung, per Mail in scharfen Worten an Chefredakteur und Geschäftsführer Josef Depenbrock, in der er die mühsam erarbeitete Glaubwürdigkeit der Zeitung "auf das Höchste gefährdet" sieht.

"Ich war jung"

"Als Angeklagter vor Gericht hätte Thomas Leinkauf seine Stasi-Tätigkeit beschweigen dürfen, vor der Öffentlichkeit als Journalist durfte er es nicht. In einem Bericht über seinen Fall wird er mit den Worten zitiert: ,Ich war damals jung, ich war Student.' Aber jung und Studenten waren auch die Opfer seiner Denunziationen..."

Was die Angelegenheit zusätzlich prekär macht: Thomas Leinkauf hatte in seiner Funktion als Magazin-Chef wiederholt über Stasi-Themen berichtet, oder von - ihm gewogenen Autoren - berichten lassen. So fällt in seine Tätigkeit ein Artikel über den Direktor der Stasi-Opfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, der damals Schlagzeilen machte, dessen "gravierende handwerkliche Fehler" aber zu einer "umfangreichen Gegendarstellung führten", wie Bommarius in seiner Mail erinnert.

Nun will der Verlag Klarheit - und alles aufarbeiten. Doch die Auseinandersetzung deutscher Medien mit in ihrer Stasi-Vergangenheit glückte bislang selten. Eine Auftragsstudie vom NDR (Giftspinne im Äther) sowie ein ZDF-Dokumentarfilm (Die Feindzentrale) mussten jeweils Korrekturen hinnehmen - fatale Signale für die Glaubwürdigkeit. Der MDR wählte Anfang der 90er die rigorose Variante und holte sich von der Gauck-Behörde gleich die Unterlagen sämtlicher Mitarbeiter.

Diesen Weg möchte nun offenbar auch die Berliner Zeitung beschreiten, doch inzwischen hat der Bundestag das Stasiunterlagengesetz geändert. Wurden früher alle Anwärter für öffentlichen Dienst oder Lehrämter "gegauckt", wurde die rechtliche Grundlage für eine solche Prüfung 2006 auf einen engen Personenkreis (wie Spitzenbeamte) beschränkt. Eine generelle Akteneinsicht in Unterlagen durch den Arbeitgeber ist heute nicht mehr möglich.

Aus diesem Grund sieht der Sprecher der Birthler-Behörde, Andreas Schulze, die angekündigte Aktion beim Berliner Verlag skeptisch: "Die Rechtslage lässt eine Überprüfung der Mitarbeiter durch die Verlagsleiter nicht zu, da müssen andere Wege beschritten werden." Möglich wäre allerdings, dass die Journalisten ihre eigenen Unterlagen zur Einsicht anfordern und dem Verlag öffentlich machen.

Der Vorsitzende des Redaktionsausschusses und ehemalige Sprecher der Gauck-Behörde Thomas Rogalla, sagte der SZ, dass der Ausschuss "alles, was zur Aufklärung von Stasi-Mitarbeit beitrage" unterstütze, auch die Überprüfung der Redaktionsmitglieder: "Für eine Zeitung ist es unabdingbar, dass solche Verstrickungen offengelegt werden müssen." Am Dienstag gibt es in Berlin wieder mal eine Redaktionsvollversammlung.