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Stadtentwicklung:Geld ist nicht alles

Sonnenaufgang in Shanghai

Macht das gemeinsame Tai-Chi in Shanghai für Investoren den Unterschied? Kultur, so das Ergebnis einer Unesco-Studie, ist entscheidend für die Entwicklung der Städte.

(Foto: Ole Spata/dpa)

Frankfurt, Paris und Dublin konkurrieren um die Nachfolge Londons als Finanzmetropole. Zu den Standortvorteilen zählen jetzt auch Theater, Museen und kreativer Untergrund.

Wie reich das kulturelle Leben einer Stadt ist, das hängt ab von ihren historischen Institutionen und der Wirtschaftskraft der Region, so dachte man bis vor Kurzem. Münchens Museen, Opern, Theater sind also der Kunstsinnigkeit der Wittelsbacher und dem Erfolg von BMW und Siemens zuzuschreiben. Doch seit dem Ende des Industriezeitalters hat man die Rechnung umgedreht: Kultur ist nicht mehr angenehmer Nebeneffekt von Wohlstand, sondern dessen Voraussetzung. Spätestens seit das ärmliche Bilbao dank eines Guggenheim-Museums auf der Landkarte wohlhabender Kulturtouristen auftauchte, haben das Städte weltweit begriffen.

Vor etwa zehn Jahren machte der amerikanische Politologe Richard Florida mit einer anderen Stadt-These von sich reden. Er hatte eine neue Bevölkerungsgruppe identifiziert, die Creative Class - Medienleute, Künstler, Designer - und beschrieb, wie diese die von der Industrie verlassenen Zentren übernahmen, erneuerten und mit Kunst und Kultur auch für andere attraktiv machten. Berlins Aufstieg seit dem Mauerfall ist ein Bilderbuchbeispiel dafür.

Wie wichtig Kultur über den Tourismus hinaus geworden ist, zeigen die Diskussionen, die zurzeit in London geführt werden. Scouts von Banken und anderen Großkonzernen reisen bereits durch Europas Metropolen, um deren Tauglichkeit als neue Standorte für die Zeit nach dem Brexit zu evaluieren. In Dublin spricht man Englisch, in Frankfurt sind schon viele andere Bankzentralen und die EZB, doch Paris hat kulturell einfach mehr zu bieten.

Auch die Unesco hat sich jetzt erstmals mit der Kultur als Faktor für die Entwicklung von Städten auseinandergesetzt. Doch es geht dabei nicht um deren Konkurrenzkampf untereinander, sondern um Kultur als Katalysator für Lebensqualität. Zur Habitat-III-Konferenz, die dieser Tage im ecuadorianischen Quito stattfindet, veröffentlichte die Unesco den Bericht "Kultur: Urbane Zukunft". Die auf mehr als 300 Seiten zusammengefassten Erkenntnisse von Feldstudien aus allen Teilen der Welt sollen Politiker und Planer anleiten und Wissen über die Kontinente hinweg austauschen, auch damit Nachzügler der Modernisierung nicht die Fehler Europas und der USA wiederholen.

Kultur steigert die "Resilienz" gegen Naturkatastrophen und Klimawandel

Schon im Vorwort werden die Autoren leidenschaftlich: "Ohne Kultur können Städte als pulsierende Lebensräume nicht existieren. Sie sind bloße Konstruktionen aus Beton und Stahl, anfällig für sozialen Niedergang und gesellschaftlichen Zerfall." Der Mensch müsse im Mittelpunkt aller planerischen Überlegungen stehen, so postulieren die Autoren, und Kultur sei das Instrument, das zu garantieren.

Es ist beachtlich, was die Autoren der Kultur alles zutrauen: Sie stiftet Identität und Zugehörigkeit, sie eint die Menschen, aber stellt auch sicher, dass Diversität sich ausdrücken kann. Sie fördert Toleranz, Verständigung und Partizipation und hilft Geschlechterungerechtigkeit zu überwinden. Sogar die "Resilienz" von Städten gegen Naturkatastrophen und Klimawandel könne Kultur steigern. All das soll im Dienste des größeren Zwecks stehen, der nachhaltigen Entwicklung von Städten und ihrer "Re-Humanisierung".

Es ist, als hätte sich die Unesco alles zu eigen gemacht, was linksliberale Bürgerinitiativen seit den Siebzigerjahren fordern: Aufklärung, Menschenrechte, Solidarität - inklusive der Erweiterung des Kulturbegriffs. Was genau die Autoren unter Kultur eigentlich verstehen, erklären sie an keiner Stelle, doch es scheinen Oper und Theater ebenso darunterzufallen wie lokale Küche, Subkultur und Stadtteilinitiativen.

Der Bericht ist an diesem Punkt auch deshalb so vage, weil er sonst zugeben müsste, dass Kultur die Lebensqualität ja keineswegs so unstrittig verbessert wie Straßenbäume die Luft. Kultur mag oft als "Hebel für nachhaltige Entwicklung" wirken, oft wirkt sie aber auch als Hebel der Macht. Sind nordkoreanische Propagandashows und Stadtteiltheater in der Pariser Banlieue wirklich gleichwertige Beiträge zur Nachhaltigkeit? Ist Kultur nicht ihrerseits zu umkämpft, um als universaler Friedensbringer zu taugen?

Ebenso wie durch diplomatische Rücksichtnahme ist der Kulturbegriff der Unesco hier durch ihre Rolle als Verwalterin der Weltkulturerbeliste getrübt. Überall ist von "kulturellem Erbe" die Rede, Fotos zeigen das Kolosseum in Rom und den Karneval von Venedig. Für das Zeitgenössische fehlen Bilder und Begriffe. Dennoch ist bemerkenswert, mit welchem Optimismus und welcher Leidenschaft der Bericht trotz aller auf der Welt tobenden kulturellen Kämpfe für die Kultur eintritt. Geld ist nicht alles. Ausgerechnet die Londoner Banker wussten es bereits.

© SZ vom 19.10.2016

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