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Spurensuche:Spezialisten der Zeit

Viel zu tun und zu beten zu den verschiedenen Zeiten der Woche und des Tages: Ausschnitt aus einem Stundenbuch des Klosters Besselich (bei Koblenz) aus dem Jahr 1488.

(Foto: Rheinische Landesbibliothek)

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Fragen, die die Menschen bewegen. Der Dienstplan ist ein Erbe aus den Klöstern des Mittelalters.

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Fragen, die die Menschen bewegen. Wir suchen nach wiederkehrenden Motiven. Aus der Einteilung von Zeit und Arbeit entstanden die Dienst- und Urlaubspläne.

Die Fraktion der SPD im Bundestag hat in dieser Woche, wie in der SZ berichtet, das Konzept für einen Dienstplan beschlossen. Zur "Verbesserung der Plenarpräsenz" sollen die sozialdemokratischen Volksvertreter in einem Schichtmodell "Präsenz-Zeitfenster" ausfüllen, damit die Fraktions-Reihen nicht so leer aussehen. Zwar wurde betont, dass die Abgeordneten durchaus auch arbeiten, wenn sie gerade nicht im Plenarsaal sitzen, aber um die demonstrative Anwesenheit der AfD-Fraktion zu kontern, braucht es nun eben doch einen Dienstplan.

Ein anderer Bereich, in dem Dienstpläne gerade ein sehr sensibles Thema sind, sind Betriebe und Büros in der sommerlichen Urlaubszeit. Filigran muss man bei den Urlaubswünschen und der Besetzung der Schichten Eigennutz und Fingerspitzengefühl gegenüber den Kolleginnen und Kollegen miteinander abwägen, wenn es nicht zu Verstimmungen kommen soll. Manche Leute sind darin und im Jonglieren mit den entsprechenden Excel-Tabellen noch viel virtuoser als mit ihrer eigentlichen Arbeit.

Woher aber kommt das Instrument des Dienstplans, das früher nicht im PC, sondern am Schwarzen Brett verwaltet wurde? Zunächst geht es zurück auf die moderne Industrie- und Büro-Organisation, wie sie im 19. Jahrhundert entstand. Besonders wichtig sind Dienstpläne im Schichtbetrieb, und darin war die Kohleindustrie ein Vorreiter, weil es unter Tage immer dunkel war und daher der Rhythmus der Tageszeiten nicht mehr allein maßgeblich für die Arbeitsorganisation. Zuvor hatten auch die Handels- und Finanzkontore der frühen Neuzeit penibel über alles Buch geführt.

Die Aufteilung des Tages und der Woche aber wurde schon in den Klöstern des Mittelalters erstmals effizient durchgetaktet. Wer hat wann was zu beten? Wer macht wann den Garten, die Küche, den Vorlesedienst? Stundenbücher wie das hier abgebildete und Klosterregeln legten das fest. Das Kloster wurde so, wie Michel Foucault in "Überwachen und Strafen" zeigte, zum Vorbild für Schulen, Kasernen oder Krankenhäuser. Die Mönche, schreibt Foucault, waren die ersten "Spezialisten der Zeit, die großen Techniker des Rhythmus und der regelmäßigen Tätigkeiten".