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Spurensuche:Sophisten & Demokratie

So sah das 18. Jahrhundert die Sophisten. Abbildung aus dem Wandsbecker Boten von Daniel Chodowiecki.

(Foto: mauritius images)

Die Sophisten haben einen schlechten Ruf, als Meister der Kurzschlüsse. Aber sie liefern das Rüstzeug der Demokratie.

Die Welt verändert sich, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen in Kunst und Theorie nach neuen alten Motiven. Die Sophisten, heißt es, sind Meister der Fehlschlüsse. Nein: Sie liefern das Rüstzeug der Demokratie.

Sie haben schon wieder keine gute Presse, die "Sophisten". Zuletzt erklärte die Zeit sie zu Ahnen der sprachlichen Manipulation, als Rahmen-Handlung des inzwischen berüchtigten Leitfadens einer Psycholinguistin für die ARD. Philosophische Kommentatoren wiederum, die den ausländerfeindlichen Populismus mit astreiner Logik bekämpfen wollen, warnen dessen Gegner davor, ihrerseits "sophistische" Verdrehungen zu verwenden, also Fehlschlüsse. Die erstere Kritik geht auf Platon zurück, der den Sophisten vorhielt, die Wahrheit beliebig zu verbiegen; die zweite eher auf Aristoteles und seine Schrift "Sophistische Widerlegungen". Und im allgemeinen Sprachgebrauch sind Sophisten spitzfindige Rechthaber.

Das haben die Sophisten nicht verdient. Wer waren sie eigentlich? Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus bekam Athen eine radikale direkte Volksherrschaft. Alle Entscheidungen, in der Volksversammlung wie vor Gericht, hingen von der Mehrheit der männlichen Vollbürger ab, die man als Politiker oder Angeklagter überzeugen musste. Es zählte nur, was man hier und jetzt vor dem Massengremium sagte, dann wurde ohne weitere Fragen abgestimmt - über Freispruch und Verurteilung, Leben und Tod, Krieg und Frieden. Redefreiheit und Redeangst gingen miteinander einher.

Dem neuen Bedarf an politischer Kommunikation begegneten Wanderlehrer, eben die Sophisten, was zunächst nicht mehr als "weise Männer" bedeutete. Gorgias und Protagoras waren nur die berühmtesten. Ein Sophist half als Redenschreiber, Coach und Politikberater und nahm dafür ein Honorar. Man bewunderte ihn für den Zauber der Rede oder verspottete ihn als Wortverdreher. Andererseits waren die Sophisten auch Denker und Aufklärer in einer Zeit, in der die Traditionen wankten: Sie diskutierten und schrieben über Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie und Religionskritik.

Ist das eine ihre böse, das andere ihre diskutable Seite? Nein. Die Sophisten lieferten das Rüstzeug für die Demokratie: seinen Standpunkt vertreten zu können. Lehrmeister der Demokratie - und ihrer Risiken - waren sie nicht nur, weil sie dafür Techniken und Tricks boten, sondern weil sie wussten, dass man in dieser Staatsform argumentativ von dem ausgehen muss, was die Mehrheit plausibel findet; und dass Gesetze nicht natürlich und ewig sind, sondern Konventionen der Gemeinschaft. Von den Sophisten lernt man, was demokratische Rhetorik ist, was Aristoteles so beschrieb: "bei jeder Sache das möglicherweise Überzeugende zu betrachten".