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Spurensuche:Fingerspitzengefühl

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Tizian: "Noli me tangere", um 1511.

(Foto: National Gallery London)

Der Tastsinn entwickelt sich früh. Durch ihn lernt der Mensch, zwischen sich und der Welt zu unterscheiden. Mediziner entdecken nun seine volle Bedeutung. Sie sollten sich Gemälde aus der Renaissance anschauen.

Von Kia Vahland

Die Welt verändert sich ständig - nicht aber die großen Fragen, die Menschen bewegen. Wir suchen in alten Filmen und Kunstwerken nach wiederkehrenden Motiven. Tizian weiß, was Menschen wirklich berührt.

Die Medizin entdeckt gerade die Macht der guten Berührung. Eine Studie im Fachblatt Scientific Reports zeigt, dass es Schmerzen lindert, wenn man von einer vertrauten Person angefasst wird. Und die Erfahrung mit Frühchen lehrt, wie wichtig liebevoller Hautkontakt von den ersten Tagen an für die Entwicklung einer Persönlichkeit ist, die zwischen sich und der Umwelt unterscheiden kann.

Der Tastsinn ist der erste voll ausgebildete Sinn, er macht den Menschen zum Menschen. Umso merkwürdiger ist, wie wenig er in der auf optische und akustische Reize ausgerichteten Gegenwart zählt. Das Mittelalter und noch die frühe Neuzeit waren dagegen taktile Epochen. Reliquien und Statuen luden zum Anfassen ein. Verträge wurden mit Handschlag, dem Friedenskuss oder auch einer Ohrfeige besiegelt. Und die Malerei der Renaissance tat viel, um in der Darstellung von weichen Pelzen, zarter Haut, samtigen Stoffen den Tastsinn mit visuellen Mitteln zu umschmeicheln.

Das hohe Körperbewusstsein der Renaissance drückt sich auch aus in Bildern, die den gerade auferstandenen Christus zeigen. Er begegnet Maria Magdalena. Als sie ihn schließlich erkennt, will sie ihn anfassen, aus Freude und um sich des Ereignisses zu vergewissern. Christus aber weist sie ab mit den Worten "noli me tangere", "rühre mich nicht an". Seine Anhänger sollen sich nicht auf seine physische Gestalt kaprizieren, denn bald wird er in die Himmel auffahren und dann im Geiste bei ihnen sein.

Tizian zeigt, wie Christus sich der knieenden Frau entzieht und sein Leichentuch rafft, um ihren Griff zu vermeiden. Gleichzeitig aber wendet er sich ihr mit seinem Kopf und seiner Herzensseite fürsorglich zu. Er scheint zu ahnen, wie schmerzhaft seine Weigerung sein muss, Maria Magdalena durch eine Umarmung zu trösten. Und auch sie selbst packt bei Tizian nicht beherzt zu, sondern tastet sich vorsichtig voran, die Signale ihres Gegenübers abwartend.

Eine zarte Berührung ist nicht selbstverständlich; sie ist ein Geschenk, das man nicht einfordern kann. Und doch gehört sie zu den Dingen, die das Leben ausmachen.

© SZ vom 29.07.2017

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