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Spurensuche:Fiktionsvertrag

Persona (1966) Filmografinr 1966/18

Bibi Anderson und Liv Ullman in „Persona“ (1966).

(Foto: Sven Nykvist / AB Svensk Filmindustri Press Images)

Kevin Spacey bricht gerade den Fiktionsvertrag mit seinen Zuschauern. Das erinnert an einen Bergman-Film.

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Menschheitsfragen. Wir suchen in Film und Kunst nach wieder- kehrenden Motiven. Derzeit bricht Kevin Spacey den Fiktionsvertrag mit seinen Zuschauern.

Es besteht eine unausgesprochene Vereinbarung zwischen Künstler und Publikum, dass das, was auf der Bühne oder vor der Kamera geschieht, nicht wirklich geschieht. Die Probleme beginnen, wenn nicht mehr klar ist, wo die Grenzen zwischen dem Realen und dem Erfundenen verlaufen. Wenn nicht klar ist, wo die Geschichte anfängt und wo sie aufhört.

"Kann man ein und derselbe Mensch sein und im gleichen Augenblick zwei verschiedene Menschen?", fragt die Krankenschwester Alma (Bibi Anderson) die Schauspielerin Elisabet Vogler (Liv Ullmann) in Ingmar Bergmans Film "Persona". Alma schüttet der Schauspielerin ihr Herz aus und verzweifelt an ihr, denn Elisabet ist nicht sie selbst, sondern zwei Personen in einer. Nach einer Aufführung von "Elektra" scheint sie einfach stumm in der Titelrolle zu verharren. Eine Ärztin meint, das Spiel zu durchschauen, und diagnostiziert einen eitlen Fall von Weltflucht. Mit Alma schickt sie die stille Patientin zur Kur auf eine abgelegene Insel. Die so seltsam zwischen zwei Personen oszillierende Elisabet hat auf Alma einen Effekt der Identifikation, der auf der Vereinbarung zwischen Zuschauern und Publikum basiert, ihn aber entgrenzt und jenseits der Bühne entfesselt. Alma kann nicht damit umgehen, dass sie nie genau weiß, mit wem sie es zu tun hat. Die Schauspielerin wird für sie zur Projektionsfläche, ungefragt erzählt sie ihre intimsten Geheimnisse. Elisabet wird zum Fixpunkt ihrer Emotionen. Künstler und Publikum gehen ineinander auf.

Diesen unheimlichen Effekt der gleichzeitigen Verdoppelung und Auflösung versucht auch der Schauspieler Kevin Spacey in einem Video zu erzielen, das er diese Woche veröffentlicht hat. Es zeigt ihn in der Rolle Frank Underwoods, des skrupellosen Politikers aus der Serie "House of Cards", dessen Rolle gestrichen wurde, nachdem mehrere Fälle sexueller Übergriffe durch Spacey bekannt geworden waren. Underwoods Markenzeichen waren seine direkten Anreden des Publikums, das er so als Mitwisser seiner Verbrechen gewissermaßen in Geiselhaft nahm. Dieses Stilmittel setzt er auch in dem Video ein, was besonders perfide ist, weil Spacey in der Rolle Stellung zu den Anschuldigungen gegen seine Person und nicht gegen die Figur nimmt. Er bricht damit nicht nur die Fiktionsvereinbarung zwischen Künstler und Publikum, er tut auch so, als seien die Anschuldigungen nur Fiktion - und die Zuschauer seine Komplizen. Sie sollten sich nicht dazu machen lassen.