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Spurensuche:Fettschämen

Die Völlerei, Ausschnitt aus den "Sieben Todsünden" von Hieronymus Bosch, circa 1505.

(Foto: mauritius images)

Dicksein wird immer noch als diskriminierend empfunden. Ein Streifzug durch Jahrhunderte Pro und Contra Übergewicht.

Die Welt verändert sich ständig, nicht aber die großen Fragen. Wir suchen nach wiederkehrenden Motiven. Wenn es immer mehr dicke Menschen gibt, fragt sich, was vom Spott über sie zu halten ist.

In dieser Woche hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wieder einmal staatliche Eingriffe in den Zucker-, Fett- und Salzgehalt von ungesunden Lebensmitteln gefordert. Bloße Aufklärung und Selbstverpflichtungen der gierigen Industrie bringen einfach nichts, es braucht zum Beispiel eine Zuckersteuer. Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland sind nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation bereits übergewichtig, das heißt: Sie essen zu feist und bewegen sich zu wenig.

Bei einer solchen Masse fragt es sich, ob Spott über Dicke überhaupt noch erlaubt ist. "Fat-Shaming bleibt die am meisten verbreitete und sozial akzeptierte Form der Diskriminierung aufgrund von Aussehen", heißt es in einem Überblick über neue Bücher zur Fettleibigkeit im aktuellen Heft des Times Literary Supplement. Übergewicht wird assoziiert mit schlechtem, zügellosem Charakter, Verschwendung, gesellschaftsschädigendem Verhalten und ästhetischer Verantwortungslosigkeit. "Dicke schwitzen wie die Schweine", durfte man 1978 noch munter herabsetzend bei Marius Müller-Westernhagen mitgrölen; der fröhliche Dicke aus der Wirtschaftswunderzeit war da nicht mehr so wohlgelitten.

Gegen die Ausgrenzung von Fettleibigen hat sich heute eine Gegenbewegung formiert. Sie verweist auf die sozialen Gründe, auf die Hindernisse gesunden Lebens in prekären Verhältnissen, und sie proklamiert selbstbewusste, entspannte "Body Positivity" als Kritik am "neoliberalen" Schlankheitspostulat.

Häufig hört man in dem Zusammenhang, die Bevorzugung der Schlankheit sei ja ein historisch neues Phänomen, während in magereren Zeiten die Körperfülle stets positiv besetzt gewesen sei, als Ausdruck von Reichtum und Autorität. Das stimmt - trotz einiger korpulenter Könige - so nicht, wie man in dem Buch "Fat" von Christopher E. Forth nachlesen kann. Sichtbares Fett erinnert Menschen immer schon an ihre Animalität und die Unvermeidlichkeit des körperlichen Verfalls. Aus dem antiken Sparta wird überliefert, Fettleibigen habe die Verbannung gedroht, wenn sie nicht ihren Lebenswandel änderten. Im frühen christlichen Mittelalter hieß Dicksein, zu sehr an weltlichen Dingen zu hängen, maßlose Völlerei galt als Todsünde, und den Verräter Judas stellte man sich oft als fett vor. Der Spott über Dicke konnte später sogar rassistische Züge annehmen. Was aber wiederum kein Freibrief ist, sich heute gehen zu lassen.