bedeckt München 11°

Spurensuche:Die Witterung, wo Macht ist

Friedrich Sieburg

Friedrich Sieburg (1893-1964) war von 1956 an Literaturkritiker der FAZ.

(Foto: Duerkop/dpa/picture-alliance)

Bewunderer sagen dem einflussreichen Literaturkritiker Friedrich Sieburg geistigen Widerstand gegen das Dritte Reich nach. Aber davon kann keine Rede sein.

Von Willi Winkler

Niemand schaut mehr ins Lexikon, steht ja alles bei Wikipedia, aber wie war das jetzt schnell mit dem Virus - der oder das? Im Brockhaus (19., völlig neu bearb. Aufl. 1995, Goldschnitt selbstverständlich) gilt beides, aber der Artikel "der" als nur "außerhalb der Fachspr." gebräuchlich. Zwei Beispiele für den unwissenschaftlichen Gebrauch sind angeführt, eines von der Journalistin Marion Gräfin Dönhoff, das andere aus Friedrich Sieburgs Biografie "Robespierre": "Das große Weltenfieber hat begonnen, der Virus der Menschenrechte ist in die Blutbahn der Völker gelenkt."

Fieber, Blut, Volk und Völker - bei aller pandemischen Aktualität hört sich das merkwürdig unheutig an, so schreibt doch keiner mehr. Richtig, das fragliche Buch ist 85 Jahre alt, aber es stammt von keinem unbekannten Kitschier, sondern von einem Autor, der zum bedeutendsten Literaturkritiker der frühen Bundesrepublik aufsteigen sollte. In der Frankfurter Allgemeinen, für die er von 1956 bis zu seinem Tod 1964 wirkte, wetterte Sieburg mit ausgesuchter Bosheit und einem Robespierre'schen Pathos gegen Böll, Rühmkorf und Walser, gegen den ganzen "Waschküchendunst" der Gegenwartsliteratur. Wäre sie eine Person, so fiel dem Virus-Experten einmal ein, "so könnte sie nur von einer ausgiebigen psychoanalytischen Behandlung einige Besserung ihres Zustandes erhoffen". Gegen die Waschküche der deutschen Zeitgenossen feierte Sieburg die französische Kultur und Lebensart, die ihm gar nicht erlesen und aristokratisch genug sein konnte; selbst Heine war ihm als Dichter vor allem nicht französisch genug.

Zitate aus Sieburgs "Robespierre" sollen die oppositionelle Gesinnung belegen

In seinem frühen Buch schilderte Sieburg die Französische Revolution wie einen Ritterroman, der im Ton hoch und höher steigt: "Mit gewaltigen Hammerschlägen, unter dem Jauchzen der Sterblichen zerschlägt Frankreich seine uralte Rüstung und versucht, sich eine neue zu schmieden." Bei seinem Erscheinen galt dieses Porträt des eifernden Revolutionärs manchen als kritisches Abbild des zwei Jahre zuvor an die Macht gelangten Adolf Hitler. Wolf Franck schrieb 1936 in der Exilzeitschrift Das Neue Tage-Buch, die in Paris herauskam: "Robespierre ist heute innerhalb des Machtbereichs der Reichskulturkammer als literarisches Thema deshalb grosse Mode, weil das Thema Hitler noch nicht frei ist."

Wer 1935 in Deutschland schreiben, wer veröffentlichen wollte, musste Mitglied der Reichskulturkammer sein, Sieburg war es und hatte, wie jedenfalls Franck unbelegt behauptet, vorsichtshalber auch noch ein Porträt Hitlers auf dem Schreibtisch stehen. Ob er seinen Robespierre nach diesem Vorbild abmalte und das bereits in den ersten Jahren des Dritten Reichs ist dennoch höchst zweifelhaft.

Mit Sieburgs Gegnerschaft zum Regime war es nicht so arg weit her. In seinem 1933 erschienenen Werk "Es werde Deutschland", das noch vor der Machtübergabe entstanden war, hatte er in gewohnt pathetischer Manier gedröhnt: "Das Schicksal selbst mußte sich wie ein Adler auf die Schulter des Regierenden niederlassen und somit sichtbar machen, daß kosmische Notwendigkeit und menschlicher Wille in ihm sich begegnen." Fünf Jahre später tauchte dieses Deutschland-Buch zwischen Titeln mit homosexuellen oder auch kommunistischen Themen auf der "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" auf, was niemanden mehr als den Autor empörte, der versicherte: "Ich glaube kaum, dass es ein zweites Buch gibt, das dem Nationalsozialismus in England und Frankreich so stark genützt hat wie das meine."

Den Ärger mit der Goebbels-Behörde gab es nicht wegen kosmischen Dröhnens, sondern weil der Geistesaristokrat auch von den "freigelassenen Sklaven" sprach, die mit endlich erlangter Macht der "Zügellosigkeit" frönten, worunter tatsächlich die Nazis zu verstehen waren. Der aus Deutschland vertriebene Franck wollte Sieburg deshalb oppositionelle Absichten zugutehalten: "Vielleicht baut er beizeiten an einem Alibi. Vielleicht sucht er leise zu provozieren. Wie dem auch sei: als Zeichen der Zeit gibt es, drei Jahre nach Hitlers Ankunft, wenig Pikanteres als dieses Buch eines Autors, der zwar nicht im Dritten Reiche lebt, aber ein Autor des Dritten Reichs ist."

Sieburgs Bewunderer legen bis heute Wert darauf, dass er sich zumindest im geistigen Widerstand befand. Davon kann aber keine Rede sein. Sieburg war nicht nur ein Autor des Dritten Reichs, sondern sein Funktionär. Außenminister Ribbentrop beförderte ihn zum Botschaftsrat, und damit konnte er in offiziellem Auftrag in sein geliebtes Frankreich zurückkehren. Wendig, wie er war, fiel ihm das Bekenntnis zu den Nazis nicht schwer: "Hier", erklärte er 1941 in Paris einer passenderweise "Groupe Collaboration" genannten Versammlung, "in Ihrer Douce France, ist mein Charakter hart geworden." Es war schließlich Krieg, und der verlangte mehr als den Ästheten: "Frankreich hat mich zum Kämpfer und Nationalsozialisten gemacht."

Lion Feuchtwanger hat den Pariser Korrespondenten der Frankfurter Zeitung in seinem Roman "Exil" (1940) als Erich Wiesener und ehrlichen Opportunisten abkonterfeit: "Die Macht hat er von jeher aus innerer Überzeugung verehrt. Er hat Witterung dafür gehabt, wo Macht ist, und wenn die anderen an den Nazis nur das Lächerliche gesehen haben, so hat er von Anfang an durch diese Lächerlichkeit hindurch ihre Kraft erkannt."

Sieburgs Fans glauben bis heute die oppositionelle Gesinnung des Autors mit Sätzen wie diesen aus seinem "Robespierre" belegen zu können: "Der gefährlichste Mensch ist derjenige, der nur eine einzige Idee hat. Robespierre ist ein solcher Mensch. Die Einfachheit seines Weltbildes, die Ausschließlichkeit seines Wollens und die Abwesenheit störender Leidenschaften geben ihm jene unwiderstehliche Stoßkraft, die ihn zum ersten Manne der Französischen Revolution macht." Das ist tief empfundene Heldenverehrung und allerdings regalmeterweit entfernt von der deutschen Waschküche.

"...und diese Freiheit dient zur Förderung des Schädlichen und zum kollektiven Selbstmord ..."

Doch so schön das Zitat mit dem gefährlichen Menschen, der dann Hitler sein soll, vielleicht klingt, es ist, nein, keine Fälschung, aber eine Nachbesserung, gewissermaßen nachgetragener Widerstand. Der Satz stammt zwar von Sieburg, ist aber erst das Ergebnis späterer Bearbeitung. "Robespierre" erlebte vor und nach 1945 mehrere Auflagen, kam 1958 bei der Deutschen Verlags-Anstalt heraus, 1963 als Taschenbuch bei dtv (das dem Brockhaus als Quelle dient), später gab es noch eine Buchgemeinschaftsausgabe, in der "Robespierre" mit zwei weiteren Monografien über zwei weitere Idole zusammengespannt ist, "Chateaubriand" und "Napoleon". In der Erstausgabe von 1935 wurde der Bezug zu Hitler weit weniger nahegelegt als in den Nach-Hitler-Ausgaben. "Robespierre hat nur eine einzige Idee. Die Einfachheit seines Weltbildes, die Ausschließlichkeit seines Wollens usw." Der gefährliche Mensch tritt da gar nicht auf.

Sieburgs jüngster Biograf Harro Zimmermann ("Friedrich Sieburg - Ästhet und Provokateur", Göttingen 2015) schreibt Francks Bemerkung über die Robespierre-Mode absurderweise Ernst Jünger zu, der 1936 zu beschäftigt gewesen sein dürfte, um ausgerechnet in einer Exilzeitschrift zu veröffentlichen. Doch vielleicht hätten Jünger, der seine Tagebücher ebenfalls hingebungsvoll umformulierte, kraftvolle Sätze wie dieser sogar zugesagt, der in seiner ganzen seuchen- und geschichtstheoretischen Schönheit unangetastet blieb: "Mit einem Wort, man wird sich der Freiheit des Menschen bewußt, und diese Freiheit dient zur Förderung des Schädlichen und zum kollektiven Selbstmord."

Auch der Virus blieb der Virus und damit auch die amtsärztliche Diagnose, dass die Menschenrechte ein Virus in der Blutbahn der Völker sein könnten. Nur am Verb hat der Stilist Sieburg herumgedoktert. 1935 hieß es noch "geleitet", später wurde daraus "gelenkt", was dem Anti-Modernisten wahrscheinlich noch herrscherlicher vorkam. Hitler war's erwiesenermaßen nicht, der den Virus in die Blutbahn der Völker leitete, wer also hat die Menschenrechte gelenkt? Hier herrscht dringender Aufklärungsbedarf.

© SZ vom 25.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite