Spurensuche Clans

Die Welt verändert sich ständig - nicht aber die großen Fragen. Wir suchen in der Kunst nach wiederkehrenden Motiven. In der Musical-Oper "West Side Story" von Leonard Bernstein spielen die Liebe sowie gewalttätige Gangs und Familien die Hauptrolle.

Von Helmut Mauró

Zu lange hätten sie weggeschaut, sagten deutsche Richter diese Woche angesichts der zunehmenden Gewalt durch Familienclans. Zu lange gerieten auch die Warner in den Verdacht der Xenophobie. Dabei sind Großfamilien und entsprechende Straßengangs überall ein Problem, wo sie auf moderne staatliche Strukturen treffen, auf eine andere Art von Zivilisation, die Gewalt staatlich zu monopolisieren, wenigstens zu kanalisieren versucht. Was aber unterscheidet die vom Staat finanziell und ideell gehätschelte Kleinfamilie vom gefährlichen, verbrecherischen, sozialschmarotzenden Clan? Ist es die Zahl der Mitglieder, ist es die Integrationsverweigerung, die Bildungsfeindlichkeit, die Zivilisationsferne? Ist es die verlogen propagierte und sich selber eingeredete Opferrolle oder die damit gerechtfertigte schiere Lust an Gewalt?

In Shakespeares Drama "Romeo und Julia" treffen zwei Clans blutig aufeinander, die übrigen Bürger der Stadt spielen keine oder nur eine Opferrolle. Es gibt Tote, und am Ende sterben selbst die, die einzig zur Lösung des Konflikts hätten beitragen können, die jungen Liebenden Romeo und Julia. In Leonard Bernsteins Musicaloper "West Side Story", die zunächst "East Side Story" hieß, sind es nicht junge Adlige mit Hormonüberschuss, sondern junge New Yorker und ebenso gewaltbereite puertoricanische Einwanderer. Bernstein und sein Textdichter Arthur Laurents differenzieren zwischen jenen, die den amerikanischen Aufsteigertraum vor Augen, und jenen, die die amerikanische Gewaltrealität im Blick haben. Und anders als bei Shakespeare geraten die mörderischen Gewaltakte zur munteren Folklore. Es sollte ja keine tragische Oper werden, sondern etwas Unterhaltsames. Das ist es auch geworden, und Bernsteins musikalisches Meisterstück hat bis heute überlebt. Allerdings um den Preis der sentimentalen Verkitschung von Gewalt.

Das hat Tradition in Amerika, wo man Gewalt selber als Teil, wo nicht als Grundlage der eigenen Identität versteht und in nahezu allen Filmgenres und selbst in der musikalischen Popkultur abfeiert. Mit weltweiter Wirkung. Was fehlt, ist eine Popkultur, die Gewalt als zivilisationsfeindlich erkennbar macht, die dabei hilft, sie zu überwinden, die alternative Visionen anbietet. Dass von den Romeo-und-Julia-Vertonungen im 19. Jahrhundert nur das Liebesdrama übrig blieb, mag im Theater beruhigen. Aber schon auf dem Heimweg sieht die Realität anders aus.