Sound-Installation Brausen im Leerstand

Wenn Gegenstände sprechen könnten... Unfassbar viel Zeug türmt sich in dem leer stehenden Laden am Mittleren Ring in Obergiesing.

(Foto: Emanuel Mooner)

Emanuel Mooners "Sirenenklänge" an der Tegernseer Landstraße

Von Evelyn Vogel

Lange hält man es auf der Straße nicht aus. Es ist laut, es stinkt und das Gehirn signalisiert: Achtung Feinstaub! Leben am Mittleren Ring. Arme Anwohner der Tegernseer Landstraße. Das Bestattungsinstitut nebenan - ein Fanal für die gesamte Gegend? Die anderen Geschäfte machen kaum mehr Hoffnung. Eine Polsterwerkstatt in fast leeren Räumen, eine Kneipe, in deren Schaufenster die drei Affen - nichts sehen, nichts hören, nichts sagen - einem bayerischen Löwen und einer Gitarre Gesellschaft leisten. Wer hier auf Laufkundschaft setzt, hat keine Zukunft, ein Stadtraum, der vom Verkehr derart erstickt wird, ist todgeweiht. Dass der Niedergang des Lebensmittelladens in der Tegernseer Landstraße 155 mit dem Bau der siebenspurigen Stadtautobahn einsetzte und er seit mehr als 20 Jahren leer steht, ist gleichermaßen traurig wie unfassbar.

Bevor dieser Leerstand nun aber in naher Zukunft seinem Ende zugeht, hat sich der Münchner Sound- und Collagekünstler, DJ und Musiker Emanuel Mooner eingemietet. Zwei Wochen lang ist er - nach der akustischen Erkundung eines leer stehenden Hauses im Mai in Freimann - mit dem zweiten Teil seines Projekts "Songs of the Siren - White Noise" im Rahmen der "Frequenzen"-Reihe des Kulturreferats nun im Münchner Stadtteil Obergiesing zu Gast. Schriftzüge wie "Feinste Lebensmittel", "Spirituosen" und "Süsswaren" erinnern an die Jahre, als das Geschäft nicht nur die Anwohner versorgte, sondern auch die Arbeiter des einst so florierenden Agfa-Werks nebenan, die sich auf ihrem Weg zur Arbeit mit Brotzeit und Getränken eindeckten. Sogar eine kioskartige Durchreiche hatten die Ladenbesitzer eingerichtet, um die morgendliche und nächtliche Laufkundschaft zu bedienen. Also auf und hinein in diesen Laden, der auf eine merkwürdige Weise ein Stück Stadtgeschichte ist.

Mooner hat die Schaufenster verhängt. Mit dem Licht des Smartphones soll man sich vorantasten. Die ehemalige Einrichtung in Fünfzigerjahre-Resopaloptik ist noch vorhanden, auch einige Relikte aus dem Sortiment stehen noch in den Regalen herum. Darüber hinaus türmt sich jede Menge Hausrat in dem Laden. Eine Welt im Stillstand. Doch hier geht es gar nicht so sehr um das, was man sieht - obwohl man sich an diesem Kuriosum kaum sattsehen kann. Viel wichtiger ist, was man hört und was wie Frequenzsignale auf alten Röhrenfernsehern flackert. Und das ist das, was Mooner mit Hilfe der vor dem Laden angebrachten Mikrofone einfängt und was in einer Art Sensurround-Verfahren aus mehreren Lautsprechern den Laden erfüllt: Verkehrslärm. Ein permanentes Brausen und Dröhnen, das sich zur Rushhour morgens und abends noch verstärkt.

"Wie klingt die Stadt?" - das zu erkunden ist das Ziel der temporären akustischen Kunstprojekte, die noch bis Oktober die Stadt überziehen. Am Mittleren Ring - so ist man nach dem Besuch von Mooners Sirenenklängen überzeugt - klingt die Stadt nicht nach Leben.

Songs of the Siren/Part II - White Noise: Musique Nonstop, Eröffnung: Fr., 28. Juni, 19 Uhr, Tegernseer Landstraße 155, bis 12. Juli, täglich 15-19 Uhr