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Soulsänger:Der Reverend

Der amerikanische Musiker Al Green wird 70. Obama sang Greens großen Hit "Let's Stay Together" einst bei einem Wahlaufritt im Apollo Theater in Harlem 2012 und galt danach endgültig als Präsident des Cool. Kein Wunder.

Von Tobias Kniebe

So schwer ist es gar nicht. Man muss nur ein lang gezogenes, leicht tremolierendes "Iiiii" singen, dann eine Pause, danach "am so-o in love with you" - wobei, kleine Feinheit, die Stimme mitten im "so-o" einen Ton höher rutscht. Barack Obama hat das prima hinbekommen bei seinem Wahlaufritt im Apollo Theater in Harlem 2012. Danach galt er endgültig als President des Cool, und seine Wiederwahl war praktisch gesichert.

Die Welt aber erkannte, selbst in dieser winzigen Phrase, sofort den Einstieg von "Let's Stay Together", dem berühmtesten Hit des Soulsängers und Predigers Al Green. Als der Song 1971 herauskam, stand er schon einmal auf dem ersten Platz der Billboard-Charts. Die Interpretation von Obama aber, und vielleicht auch die Tatsache, dass Al Green an jenem Abend noch selbst zur Unterstützung des Präsidenten sang, brachte seine Musik zurück ins Gespräch, und ließ die Verkäufe gleich mal um 500 Prozent in die Höhe schnellen.

Das Drama und Tremolo in der Stimme, das butterweiche Falsett mit dem funkigen Grollen dazwischen, war schon immer das Markenzeichen des 1946 in Atlanta geborenen Green. Der Ruhm kam schnell, ebenso wie seine Schattenseiten. Eine Frau namens Mary Woodson wollte nämlich tatsächlich für immer mit ihm zusammenbleiben, und als er das anders sah, übergoss sie ihn in der Badewanne mit heißem Grießbrei, bevor sie sich selbst erschoss. Green wandte sich danach dem Glauben zu, gründete in Memphis seine eigene Kirche, wurde Prediger, sang viel Gospel und machte sich zunehmend rar. Wirklich vergessen aber war er nie, was auch an Quentin Tarantino und "Pulp Fiction" lag, in dem "Let's Stay Together" 1994 zu neuem, ironischem Leben erwachte. Der Song läuft, während Bruce Willis als ausgebrannter Boxer seine Ehre an einen schwarzen Gangster verkauft, die unverkennbaren Bläserrhythmen ein einziger Soundtrack der Erniedrigung. Es dauerte dann aber noch bis 2003, bis Al Green selbst wieder die große Bühne betrat, mit seinem alten Produzenten Willie Mitchell und dem großartigen Wiedereinstiegs- Album "I Can't Stop". Um seinen Nachruhm braucht sich "der Reverend", der heute 70 Jahre alt wird, keine Sorgen mehr zu machen.

(Foto: imago stock&people)
© SZ vom 13.04.2016

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