bedeckt München 18°
vgwortpixel

Slowenische Literatur:Geheimnis einer Winternacht

Ein Meisterwerk der europäischen Literatur: Drago Jančars großer historischer Roman über den Krieg der slowenischen Partisanen handelt auch vom Heute.

Von Drago Jančar, dem bedeutendsten slowenischen Erzähler der Gegenwart, sind in den letzten dreißig Jahren nicht wenige Romane, Prosasammlungen und Essays ins Deutsche übersetzt worden. Trotzdem ist er, dessen Bücher in ganz Europa für Furore sorgen, im deutschen Sprachraum ein Geheimtipp geblieben. Ob sich das mit seinem neuen Roman, "Die Nacht, als ich sie sah", einem Meisterwerk der europäischen Erzählkunst, endlich ändern wird?

Das Buch spielt in den Jahren 1937 bis 1945, und doch handelt es in jeder Zeile von heute

Jančar verstößt in diesem souverän erzählten und zu Herzen gehenden Roman, der einige Szenen von schwer erträglicher Grausamkeit enthält, gegen viele Konventionen, an die sich die Historiker und Intellektuellen nicht nur in Slowenien zu halten pflegen. Er lässt einen serbischen Offizier, der bei den nationalistischen Tschetniks zuerst gegen die Deutschen, dann gegen die Slowenen und bis zum Schluss in grimmiger Wut gegen die Kommunisten mit ihrem "kroatischen Bauernflegel" Tito an der Spitze kämpfte, zu Wort kommen; er zeigt einen slowenischen Landarbeiter, der sich auf die Seite der heroisch gegen die deutschen Besatzer kämpfenden Partisanen schlägt, aber sogleich eine Frau aus rein privaten Motiven, aus Eifersucht und Gekränktheit ans Messer liefert. Ein serbischer Offizier der fanatischen Nationalisten als Zeuge, dessen weltanschauliche Borniertheit zwar unverkennbar ist, dem menschliche Integrität aber nicht abgesprochen wird? Ein slowenischer Partisan, hochdekoriert, der zeitlebens für das Wohl des Volkes zu wirken versuchte, seine Karriere aber mit der Denunziation einer völlig Unschuldigen begründete?

A partisan star is seen on a book cover in Tito's underground secret bunker (ARK) in Konjic

Partisanenstern auf einem Buchumschlag aus dem Bestand des jugoswlawischen Diktators Tito.

(Foto: Dado Ruvic/Reuters)

Der Roman spielt in den Jahren von 1937 bis 1945, sein perspektivischer Fluchtpunkt liegt aber nahe der Gegenwart. Im Zentrum steht eine hinreißende junge Frau, die schöne, lebenslustige Veronika, von der wir von Anfang an wissen, dass es mit ihr ein schreckliches Ende nehmen wird. Dabei ist sie trotz der Radikalität, mit der sie selbstbewusst und frei von Dünkel nach ihren eigenen Gesetzen lebt, bei jedermann beliebt: Ihr reicher Mann, der Gutsbesitzer und Großhändler Leo Zarnik, liebt und verehrt sie und sieht ihr sogar den Ehebruch mit ihrem serbischen Reitlehrer nach; die Bauern der Umgebung und die Angestellten des Schlosses Podgorsko in der Oberkrain, in dem sie mit ihrem Mann während des Krieges lebt, achten sie, weil sie von ihr nicht schikaniert, sondern oft unterstützt werden. Selbst die Partisanen wissen die Schlossherrin zu schätzen, weil sie für manche Angehörige von ihnen sorgt. Aber leider verweigert sie auch einem in der Gegend stationierten Arzt der Wehrmacht, den sie nicht als Repräsentanten der Unterdrücker, sondern als heimatlosen Schöngeist empfindet, nicht die freundschaftliche Nähe der Gastgeberin, "die ein Gefühl für ziviles und normales Leben mitten im großen Krieg" zu hüten versucht.

Partisanenführer in ihrem Hauptquartier, 1943. Unter ihnen der spätere Staatspräsident Tito (Mitte), der die kommunistischen Partisanen in den Kampf führte.

(Foto: AP)

Die Geschichte Veronikas wird in fünf Kapiteln von fünf verschiedenen Menschen erzählt, die jeweils einen anderen Charakter und eine andere Weltanschauung haben und auf Veronika und das, was ihr widerfuhr, daher einen anderen Blick werfen. Den Anfang macht Stevo Radovanovic, der vor dem Krieg als serbischer Offizier im slowenischen Maribor stationiert war. Jetzt sitzt er als Kriegsgefangener in einem Lager der britischen Armee an der italienischen Grenze: ein Offizier, dem sein Land abhanden gekommen ist und der gar nicht mehr versteht, was in der Welt geschieht. Er hält sich für einen serbischen Patrioten und treuen Soldaten des jugoslawischen Königs; er hat tapfer gegen die Wehrmacht gekämpft und ist seinen Vorgesetzten nur mit unterdrückter Wut gefolgt, als die Tschetniks die Seite wechselten und es zusammen mit den verhassten Deutschen auf einmal gegen die Kommunisten unter den eigenen Landsleuten ging. Er ist kein rundum sympathischer, sondern ein in seinem Welt- und Menschenbild stark eingeengter Mann, der einmal fast bedauernd über die gefangene Partisanen sagt: "aus unseren Händen kam keiner lebend davon". Er ist aber auch kein begeisterter Menschenschinder, und nun grübelt er in den schlaflosen Nächten auf der Pritsche des Lagers über Veronika, die große Liebe seines Lebens.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Er war seinerzeit abkommandiert worden, um ihr Unterricht im Reiten zu geben, und schon bald wurde von einem Skandal gemunkelt: Ausgerechnet die Frau eines der reichsten Bürger der Stadt hätte sich mit einem serbischen Kavallerie-Offizier eingelassen! Der Skandal ist perfekt, als Stevo strafweise in eine im Schlamm ertrinkende Kaserne der bulgarischen Provinz versetzt wird und ihm die verheiratete Dame der guten Gesellschaft zu aller Entsetzen dorthin folgt. Statt wie bisher auf dem Korso von Maribor Aufsehen zu erregen, stapft sie nun neugierig durch die "Zigeunersiedlung" der in Elend und Langeweile verfallenden Garnison. Ein abgehalfterter Offizier in der Provinz ist allerdings etwas anderes als ein fescher Reitlehrer in der Stadt: Dass die Liebe scheitert, hat jedoch nichts damit zu tun, dass Veronika das schöne Leben nicht entbehren mag, sondern dass der Offizier jetzt, da er unter anderen hoffnungslosen Standesgenossen am Ende der Welt lebt, erschreckend rasch verkommt. Nach einer Schlägerei in der Kaserne wird er degradiert: "Jetzt ist es aus mit der Karriere, Leutnant. Außer es gibt bald irgendeinen Krieg."

Drago Jančar: Die Nacht, als ich sie sah. Roman. Aus dem Slowenischen von Daniela Kocmut und Klaus Detlef Olof. Reihe TransferBibliothek im Folio Verlag, Wien und Bozen 2015. 191 Seiten, 19,90 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Ja, diesen Krieg wird es bald schon geben! Wie es Veronika erging, die zu ihrem Mann zurückkehrte und mit ihm noch einmal Hochzeit feierte, das erfahren wir zunächst aus den Berichten ihrer greisen Mutter, des deutschen Arztes und der Hausangestellten Jozi. Ihre Mutter versucht sich immer wieder jene Neujahrsnacht 1944 zu vergegenwärtigen, als sie am Fenster ihres Zimmers im Schloss stand und sah, wie ihre Tochter und ihr Schwiegersohn von Partisanen weggeführt wurden. Nach Jahren noch klammert sie sich an die Hoffnung, dass sie nur auf Urlaub gefahren sind und irgendwann aus Paris oder von sonstwo zurückkehren werden.

Der Arzt lebt nach dem Krieg in München und will am liebsten von gar nichts mehr wissen. Freilich steht er noch immer im Bann jener jungen Frau, die alle mit ihrer Arglosigkeit bezwungen hat. Aber nicht nur schöne Erinnerungen an sie, sondern auch schreckliche Bilder von Geiselerschießungen gehen ihm durch den Kopf, wenn er sich an den Rückzug der Wehrmacht in den letzten Kriegsmonaten erinnert. Dr. Hubmayer ist im Übrigen ein kultivierter Mann, dem derlei Grausamkeiten immer ein Gräuel waren, und er erklärt sie sich, wenn er im Luitpoldpark spaziert, eben damit, dass ein Krieg halt ein Krieg ist. Dass er oft im Schloss zu Gast war, wenn Musik dargeboten und Wein getrunken wurde, wird Veronika später zum todbringenden Vorwurf der Kollaboration gemacht werden. Wie unberechtigt dieser Vorwurf war, erfahren wir von Jozi, dem gutmütigen Hausmädchen, einer Zeugin, die gänzlich unverdächtig ist, weil sie es immer mit den Partisanen hielt und 1945 auch einen von ihnen heiratete.

Ob dieser Erzähler endlich den Rang erhält, der ihm zusteht? Es wäre zu wünschen

Mit jeder der fünf Erzählstimmen, die sich voneinander auch stilistisch abheben, erfahren wir mehr von den Vorkommnissen in jener Winternacht, aber auch mehr von Veronika und von all den Menschen, die gewissermaßen zu einem Gruppenbild mit Dame um sie versammelt werden. Der letzte Erzähler ist der alte Jeranek. Ein geachteter Lokalpolitiker und "Bauer mit Partisanenpension", kommt er gerade vom Begräbnis eines Kameraden, der einst mit ihm im "Wald", also bei den Partisanen war. Dieser gehörte zu den Bauernburschen, die damals der schönen Städterin einen kurzen nächtlichen Prozess machten und sie, ehe sie sie ermordeten, als "Deutschenhure" der Reihe nach vergewaltigten. An der Vergewaltigung hatte sich Jeranek nicht beteiligt, aber er war es, der Veronika denunzierte, nachdem er sie mit dem deutschen Arzt gesehen und sich die Situation völlig falsch erklärt hatte. Warum er Veronika verriet? Noch Jahrzehnte später redet er sich ein, dass es aus politischen Gründen leider unausweichlich war, der vermeintlichen Kollaborateurin den Prozess zu machen. Und außerdem: "Wir waren jung, sie haben uns gejagt wie wilde Tiere. Und wir haben zurückgeschlagen, wo wir konnten."

Jančar blickt tief in die Abgründe dieses alten Mannes, der als Jüngling bereit war, sein eigenes Leben für sein Land zu opfern und darüber das einer Frau opferte, deren einzige Schuld es war, "schön und unerreichbar" zu sein. Der Freiheitsheld, der heldenmütig gegen die Besatzer gekämpft hat, ist einst keineswegs von der Sehnsucht nach Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, nationaler Würde angetrieben worden. Vielmehr war es die "große Wut", die immer schon in ihm war, auch "als es hier noch nirgends Deutsche und Partisanen gab", die Wut des Deklassierten, der sich für namenlose Kränkungen rächen will und nur auf den Feind wartet, den er benötigt, um reinen Gewissens dreinschlagen zu können. So bieder er im Alter wirkt, hat er doch lauter Wiedergänger in den jungen Terroristen von heute, die eine religiöse Lehre suchen, um sich endlich dem ersehnten Blutrausch ergeben zu können.

Drago Jančar hat einen historischen Roman über die Welt von heute geschrieben, einen mitteleuropäischen Roman, der perfekt gebaut, stilsicher formuliert (und hervorragend übersetzt) ist und am historischen Sujet moralische Fragen von fortdauernder Dringlichkeit verhandelt.

© SZ vom 13.10.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite