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Skandal in Kanada:Dichtung und Wahrheit

Prominente Schriftsteller wie Margaret Atwood und Michael Ondaatje stellen sich hinter ihren Kollegen Steven Galloway, gegen den schwere Anschuldigungen erhoben werden.

Die kanadische Literaturszene ist entzweit. Ein Graben hat sich zwischen bekannten und aufstrebenden Schriftstellern aufgetan, seit der Bestsellerautor Steven Galloway vor einem halben Jahr als Leiter der Abteilung für Kreatives Schreiben an der Universität von British Columbia (UBC) wegen "schwerwiegender Anschuldigungen" entlassen wurde. Jetzt ist der Zwist durch einen öffentlichen Brief prominenter Schriftsteller wie Margaret Atwood und Michael Ondaatje, die sich für Galloway einsetzen, neu entflammt.

Die Universität hat den Inhalt der An-schuldigungen gegen den 41-jährigen Gal-loway, Autor so erfolgreicher Bücher wie "Der Cellist von Sarajevo", nie öffentlich gemacht. Sie beruft sich auf ein Verschwiegenheitsabkommen mit Galloway. Die Nachrichtenagentur Canadian Press berichtete indes nach Gesprächen mit fünf betroffenen Studentinnen, es sei um mutmaßliche sexuelle Belästigung, Mobbing, Drohungen und in einem Fall um eine Ohrfeige in einer Bar gegangen. Unter den Klägerinnen soll sich auch eine Studentin befinden, die mit dem verheirateten Galloway eine Beziehung hatte. Die UBC schaltete indes nicht etwa die Polizei ein, sondern beauftragte eine ehemalige hohe Richterin mit der Untersuchung des Falls.

Diese Geheimniskrämerei schlug in Kanada hohe Wellen. Galloway selbst hat sich nie zu den Vorwürfen geäußert. Dafür machten sich Dutzende von Starautoren wie Margaret Atwood, Michael Ondaatje, Yann Martell, Madeleine Thien und Joseph Boyden für ihn stark. In einem offenen Brief forderten sie eine unabhängige, faire Untersuchung der Entlassung Galloways. Der Brief stieß auf heftige Kritik vor allem bei jungen Autorinnen. Sie kritisieren, dass es künftig Studierende unter diesen Vorzeichen nicht mehr wagen würden, sich gegen Übergriffe zu wehren. Die frühere Studentin und Autorin Sierra Skye Gemma sandte Margaret Atwood aus Protest mehr als siebzig Tweets. Inzwischen hat der Schriftsteller Wayne Johnston seinen Namen vom öffentlichen Brief zurückgezogen. Manche Beobachter befürchten, dass die kleine Literaturszene Kanadas durch das Misstrauen dauerhaft Schaden genommen habe.

© SZ vom 23.11.2016
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