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Bücher von Siri Hustvedt:Wittgenstein-Zitate helfen nicht, wenn ein Mann eine Frau gegen eine Wand schleudert

Hustvedt gehört zu den wenigen Menschen, die sich aus eigenem Antrieb einen interdisziplinären Überblick über verschiedene Fachgebiete erarbeitet haben. Seit ihrem Buch "Die zitternde Frau. Die Geschichte meiner Nerven", in dem sie quer durch unterschiedliche Forschungsgebiete dem merkwürdigen Zittern auf die Spur kommen wollte, das sie zum ersten Mal im Mai 2006 bei einer Gedenkrede auf ihren zwei Jahre zuvor gestorbenen Vater ergriff, wird sie als Vortragende zu neurologischen und psychiatrischen Fachkongressen eingeladen. Auch "Damals" ist ein Mosaikstein in der Geschichte ihrer Wissbegierde - und zugleich ein Roman über männliche Herablassung und Gewalttätigkeit.

Von wenigen Zeitsprüngen bis in die Gegenwart der Trump-Ära abgesehen, spielt "Damals" in der Spanne eines guten Jahres, von August 1978 bis September 1979. Die aufs damalige "Jetzt" konzentrierte Geschichte ist angelegt wie eine Guckkastenbühne, deren Komplexität zunimmt. Das kann man sich wie Louise Bourgeois' "Cells" vorstellen. In gewisser Weise ist sie ganz von innen heraus erzählt, wohl mit dem Blick der älteren Frau auf ihr junges Ich, aber im Versuch, die Innenwelt einer Frau nachzubilden, die aus dem ländlichen Minnesota ins Abenteuer New York aufbricht. Ihr Stipendium hat sie um ein Jahr verschoben, um ihren ersten Roman zu schreiben, eine Detektivgeschichte um zwei Jugendliche, die sie niemals abschließen wird. Lebt die junge S. H., wie die Erzählerin ihren Namen abkürzt, zunächst alleine in ihrem Appartement und belauscht die Stimme ihrer Nachbarin, die offenbar Schlimmes hinter sich hat, so verwandelt sich das akustische Höhlengleichnis bald in ein Porträt der jungen Frau inmitten der intellektuellen und erotischen Verlockungen New Yorks Ende der 70er-Jahre.

Siri Hustvedt: Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen. Essays über Kunst, Geschlecht und Geist. Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, Reinbek 2019. 528 Seiten, 26 Euro.

Bei einer Lesung des näselnden John Ashbery lernt sie Whitney kennen, eine Künstlerin und Dichterin, die sie auch in andere "Privaträume" führt. Schnell erweitert sich ihr Radius, schon geht es in Galerien, zu Vorlesungen, die Nächte tanzt sie im Studio 54 und in anderen Clubs durch. Koks kommt nicht infrage, Alkohol ebenso wenig. Sie hat nicht einmal genug Geld, um sich Essen zu kaufen. Aber sie ist jung und neugierig, und sie hat wie ihre Freundin das natürliche Selbstvertrauen einer Frau, die sich sicher ist, dass die Welt auf sie wartet. Zunächst sind es vor allem die Männer. Meist starren sie auf ihren Busen, wenn sie spricht. Und irgendwann begreift sie, vielleicht auch nur durch das Bewusstsein ihres älteren Ichs, dass sie nicht wirklich an ihrem Intellekt interessiert sind, sondern an ihrem Körper.

Das wilde, rohe Glücksgefühl eines Springmessers gegen die Hilflosigkeit

Ihre Liebhaber schwadronieren über Foucault, Derrida, Deleuze und Guattari und es ist selbstverständlich für sie, sich in die Bücher zu vertiefen. Aber seltsam, umgekehrt interessieren sich die an den Lippen Paul de Mans hängenden, von Batailles Überschreitungsgesten faszinierten Heroen überhaupt nicht für das, was sie interessiert.

Schließlich kommt es zu einer Beinahe-Vergewaltigung in ihrer Wohnung. Weil sie den Mann, von dem sie nur den Vornamen kennt, nicht demütigen will, lässt sie sich Stufe für Stufe von einer Party heimbegleiten. Erst ins Taxi, dann bis zur Haustür und schließlich bis zur Wohnung - und schon ist er drin. Auf ihre Bitte, wieder zu gehen, reagiert er nicht. "Doch selbst auf Deutsch zitiert, hilft Wittgenstein rein gar nichts, wenn ein Mann dich gegen eine Bücherwand schleudert." Wochenlang geht ihr das Erlebnis nach. Erst als sie die "verbalen Waffen" gegen ein Springmesser tauscht, fühlt sie sich wieder sicher. Es beschert ihr ein "wildes, rohes, gefährliches Glücksgefühl". Offenbar ist es das Messer, das die Frau auf dem Cover verzückt in den Himmel reckt.

Nicht nur in ihren Romanen, auch in ihren Essays vertritt Siri Hustvedt eine Weltsicht, in der die Leiblichkeit des wahrnehmenden und denkenden Subjekts die Voraussetzung für jede Art von Intelligenz und Kreativität ist. Dabei kombiniert sie die Erkenntnisse der Phänomenologie mit neurowissenschaftlichen Forschungen. Über Molekulargenetik und Epigenetik denkt sie ebenso nach wie über die Tatsache, dass Emotionen niemals fiktiv sein können, auch wenn wir sie empfinden, während wir ein fiktives Werk lesen. In den Debatten über künstliche Intelligenz ist ihre Position klar: gleichgültig, mit wie vielen Daten man vernetzte Rechner oder humanoide Roboter füttert, sie bleiben ein "armseliges Gerät", das Gefühle zwar vortäuschen, aber nicht empfinden kann.

In seinem neuen Buch "Die Mechanik der Leidenschaften" über den Aufstieg der kognitiven Neurowissenschaft seit den 1990er-Jahren widmet der Soziologe Alain Ehrenberg Siri Hustvedts neurologischer Selbsterkundung ein eigenes Kapitel. "Die zitternde Frau" ist womöglich ihr wirkmächtigstes Buch: eine Verbindung zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften, die durch den eigenen Körper verläuft.

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