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Simon Ravens Roman "Blast nun zum Rückzug":Helden des Rückzugs

English Writer Simon Raven

Großartiger Erzähler: der englische Schriftsteller Simon Raven.

(Foto: Sophie Bassouls/Sygma via Getty Images)

Am Horizont die Zeitenwende: Der dritte Band von Simon Ravens Romanzyklus "Almosen fürs Vergessen" führt nach Indien.

Von Gustav Seibt

"Almosen fürs Vergessen": Schon der Name des zehnteiligen urbritischen Romanzyklus von Simon Raven (1927 bis 2001), den Sabine Franke für den Elfenbein-Verlag seit dem Frühjahr 2020 übersetzt, behält seine Magie. Mit jedem Teil schillert er hintergründiger. "Blast nun zum Rückzug", der dritte, pünktlich im Halbjahresrhythmus gelieferte Band, führt nach Indien, in die letzten Tage der britischen Kolonialherrschaft.

Wieder lässt er sich separat lesen, genau wie der in Deutschland spielende Vorgängerband (SZ vom 16. Dezember 2020). Die Handlung verläuft im Winter 1945/46 und begleitet drei englische Offiziersanwärter auf ihrem Weg an die Offiziersschule von Bangalore. Dort erwartet sie eine Überraschung: Ihr Ausbilder wird kein Engländer sein, sondern ein muslimischer Inder, klarer Vorschein des Epochenwechsels. Die letzten Briten und die ersten Einheimischen, bevor Indien und seine Armee selbständig werden, das ist die Konstellation in dem kleinen militärischen Kosmos, den der Roman mit Kennerschaft vieler, zuweilen krasser Alltagsdetails entwirft.

Doch nicht nur das Ende des Empires wirft ein fahles Abschiedslicht über die Romanhandlung, sondern auch der Abwurf der ersten Atombomben über Japan kurz davor. Damit ist der Sinn allen herkömmlichen Kämpfertums infrage gestellt, wie den jungen Soldaten durchaus bewusst ist. Drei Offiziersanwärter und der sie erziehende charismatische indische Muslim sind die Hauptfiguren der tief melancholischen, mit den alten Ritterromanthemen von Treue und Verrat spielenden Handlung.

Das Buch enthält ein Stück virtuos beschriebener Sexualität, das in der europäischen Literatur seinesgleichen sucht

Der Vordergrund ist dabei so saftig, wie man es bei Raven erwarten darf. Den burlesken, in allen Einzelheiten geschilderten Höhepunkt stellt ein Beischlafduell zwischen dem Ausbilder und einem der Offiziersanwärter dar, ein Stück virtuos beschriebener Sexualität, das in der europäischen Literatur kaum seinesgleichen hat, ein modernes Kamasutra, das als Hommage an den indischen Schauplatz gelesen werden kann. Dass die Homosozialität der militärischen Männerwelt auch Gelegenheit für die Raven so teure Homosexualität bietet, versteht sich fast von selbst. Sie erscheint hier geadelt als keusche Ritter-Knappe-Beziehung, hinter der auf einmal doch die grünen Wiesen des englischen Mutterlands aufschimmern.

Simon Raven: "Blast nun zum Rückzug"

Die tragische Figur der Handlung ist Gilzai Khan, der Ausbilder. Als säkularer Muslim sieht er seine Volksgruppe kurz vor der Teilung von Indien und Pakistan tödlicher Gefahr ausgesetzt, denn diese Teilung bringt auch das Phantasma eines ethnisch homogenen Hindustaates Indien hervor. Also sähe Khan den Abzug der Briten am liebsten noch herausgezögert, um ein Blutbad im Meer der nationalistischen Torheit zu vermeiden. Der überstürzte Rückzug der Kolonialherren erscheint wie Treuebruch gegenüber ihren Schutzbefohlenen. Darum bricht auch Khan die Treue und geht in den Widerstand - was wiederum seine Schüler dazu zwingt, ihre zu ihm aufgebaute Treuebeziehung - in einem Fall ist es Liebe - zu brechen.

Der Knoten schürzt sich, wie bei diesem großartigen Erzähler gewohnt, zu einem dramatischen Showdown: im Düsterlicht des abrupt einsetzenden, die Sonne verhüllenden Monsunregens. Am Ende liegen Leichen auf dem Schauplatz, als sei's ein Stück von Shakespeare, und der Sound des Rückzugs klingt wie Bühnenmusik, feierlich und schreitend - wäre da nicht ein farcehaftes, intrigantes Nachspiel. Die Ambivalenz von Handlung und historischen Gewichten, die sie mobilisiert, ist staunenerregend und überraschend bis zum Ende.

Simon Raven: Blast nun zum Rückzug (Almosen fürs Vergessen, Band 3). Aus dem Englischen übersetzt von Sabine Franke. Elfenbein-Verlag, Berlin 2021. 261 Seiten, 22 Euro.

© SZ/fxs
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