Show-Kritik: "Gina Lisas Welt" Schlau wie Bohnenstroh

Mit geflügelten Worten und fliegendem Röckchen wurde Gina Lisa bei "Germany's Next Topmodel" berühmt - und schied aus. Jetzt hat sie ihre eigene Show, auch wenn die nur fünf Minuten lang ist.

Von Christian Kortmann

Die erfolgreiche "Gina-Lisa-Show" in der Pro-Sieben-Primetime; auf allen Kanälen Werbespots für den größten Mobilfunkanbieter, in dem Gina Lisa ihren Spruch "Zack, die Bohne!" in den Äther schmettert; Grabbel-Schabernack mit Thomas Gottschalk auf der "Wetten, dass...?"-Couch; Auftritte bei den einschlägigen Galas, an ihrer Seite der mächtige Gespiele aus der Musikindustrie; die erste Single, auf Platz eins der Charts, das erste Album, die Verrisse im Vermischten; bald das obligatorische Ausziehen für den Playboy mitsamt dem einstündigen Solo-Verhör bei "Beckmann", in dem Gina Lisa über die Kindheit in Seligenstadt und ihre Anfänge bei "Germany's Next Topmodel" spricht; dann die skandalträchtigen Memoiren, vorabgedruckt in Bild, und das Wühlen des Boulevards in ihrem Privatleben, unschöne Fotos, bittere Tränen bei "Kerner", schließlich das triumphale Comeback: So könnte sie einmal aussehen, eine Mediengegenwart, die von einer jungen Frau namens Gina Lisa dominiert wird, eine Zukunft, in der "Gina Lisas Welt" nicht mehr nur der Titel von zaghaften Entertainment-Gehversuchen auf der Pro-Sieben-Website ist.

Gina Lisa macht sich backstage die Haare schön - auf der Bühne wartet Stefan Raab.

(Foto: Screenshot: sde)

Gina Lisa ist derzeit das raffinierteste Produkt des Senders: Obwohl sie offensichtlich nicht zu "Germany's Next Topmodel" taugte, baute man die Prominenz der Kandidatin einige Folgen lang auf. Dann entließ man sie mit höchsten Ehren aus der Amazonen-Kompagnie, um sie mit einer eigenen Show zu belohnen, ein Spin-off, den man bislang hauptsächlich von Fernsehserien kannte.

Es sind die feinen Unterschiede, mit der sich die Subunternehmerin von Heidi Klum, dem Mutterschiff der Selbstvermarktung, abgrenzt: So zeigt Gina Lisa bei jedem Auftritt etwas zu viel Haut, nämlich jeden Zentimeter ihrer Beine, von den Highheels bis dahin, wo die Beine aus dem Minirock wachsen.

Sie ist aber auch schon flexibel genug, sittsam eine lange Hose anzuziehen, wenn es zu Johannes B. Kerner geht, wo sie am Mittwochabend dem ostentativ begriffsstutzigen Gastgeber ("Wenn ich jetzt Models als 'Mädchen' bezeichne, ist das eigentlich frauenfeindlich?") erklärte, wie ihr Markenzeichen-Ausruf "Zack, die Bohne!" entstand: Und zwar in einem der Écriture Automatique der Surrealisten nicht unähnlichen Bewusstseinsstrom, in dem all die Wörter, die sie in ihrem Leben gehört habe, in überraschender Reihung auf sie hinabkämen.

Diese Fähigkeit, ununterbrochen mit strahlender Milchschnitten-Glückseligkeit vor jeder Kamera gegen jede Grammatik über jedes Thema und dabei doch stets über nichts zu improvisieren, verbunden mit dem Glauben, alles lernen zu können, macht Gina Lisa zu einem Geschenk für die an Smallest-Talk wie Tiefst-Dekolletés interessierte Fernsehwelt. Deshalb schneidert Pro Sieben ihr jetzt eine Show auf den Leib, wobei noch niemand so recht weiß, worin es in dieser Show eigentlich gehen könnte. Zwar soll es irgendwann eine ausgewachsene TV-Show werden, doch zunächst ist es nur ein Versuchsballon mit Fünf-Minuten-Volumen, der im Internet steigt.

Schon die erste Folge von "Gina Lisas Welt", die seit Donnerstagabend zu sehen ist, besticht durch eine kühne Dramaturgie, die Lynchs "Lost Highway" verdammt alt aussehen lässt: Gina Lisa wartet im Backstagebereich von "TV total" auf ihren Auftritt bei Stefan Raab. Plötzlich bekommt sie einen Anruf, geht vor die Tür, und wird dort, auf den Straßen von Köln-Mülheim, von Fans erkannt. Dann kommt es zum Wiedersehen mit Ko-Topmodel Sarah, das Ganze wird von dümmlichen Kommentaren aus dem Off begleitet. Nach dem "TV total"-Auftritt spazieren sie durch Köln und treffen Touristen bei einer kriminalistischen Stadtführung. Cliffhanger. Weitere Abenteuer in der nächsten Folge. Na, wollen Sie auch wissen, wie es weitergeht? Die Spannung bis zum Samstag wird nur schwer zu ertragen sein.

Aber um die Qualität dieser ersten Mini-Show geht es nur am Rande, es handelt sich ja um vorsichtiges Tasten in einem dunklen Raum. Viel interessanter und schwieriger zu beantworten ist die Frage, ob man hier den ersten Schritten in der Karriere einer neuen Verona Feldbusch oder nur dem Verglühen einer Sternschnuppe in Hot Pants zusieht. Gina Lisa jedenfalls hat Grund zum Strahlen. Denn was ihr momentan passiert, ist doch ein bohnenstarker und zackiger Durchmarsch für eine 21-Jährige, auf deren Sedcard unter "Ausbildung" vermerkt ist: "Arbeitet im Fitnessstudio, macht gerade den Trainerschein."

"Gina Lisas Welt" ist seit Donnerstag jeden zweiten Tag hier zu sehen.

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