bedeckt München 15°
vgwortpixel

Sherlock Holmes:Der Schattenmann

Der mythische Meisterdetektiv ist wieder da: Sherlock Holmes ist exzentrisch, unordentlich, drogensüchtig - und längst zur globalen Marke mutiert.

In Frankreich sind sie entweder dumm oder brutal, in Amerika zynisch und vom Leben zerbeult, und die Deutschen kommen immer furchtbar ordentlich und pensionsberechtigt daher: An den Figuren von Detektiven und Kommissaren in der Kriminalliteratur lässt sich oft viel über nationale Charaktereigenschaften lernen. Das trifft besonders zu auf Großbritannien, das Land, das der Welt das Konzept vom Mord als wohlig gruseligem Lesespaß überhaupt erst geschenkt hat. Britische Autoren lassen knifflige Fälle selten von den Profis in Scotland Yard lösen, sondern lieber von schrulligen, genialen Dilettanten - seien es alte Damen, katholische Priester oder versnobte Lords.

Holmes ist mehr als eine literarische Figur: Er ist in die britische Folklore und Mythologie eingegangen und Teil des Selbstverständnisses dieser Nation geworden.

(Foto: Foto: Getty)

Der älteste in der Gruppe dieser Laien-Detektive ist zugleich der britischste: Sherlock Holmes, exzentrisch, unordentlich und drogensüchtig, ein Privatier ohne geregeltes Einkommen, aber mit messerscharfem Verstand und den formvollendeten und leicht arroganten Umgangsformen eines englischen Gentleman. Seit ihn der studierte Mediziner Arthur Conan Doyle vor nunmehr 123 Jahren erdachte, erfreut er sich ungebrochener Beliebtheit, in seiner britischen Heimat und auf der ganzen Welt. Und weltweit ist er auch erkennbar wie eine globale Marke nach Art von McDonald's oder Coca-Cola - an Deerstalker-Mütze, Pfeife und Pelerine.

Doch Holmes ist mehr als eine literarische Figur: Er ist in die britische Folklore und Mythologie eingegangen und Teil des Selbstverständnisses dieser Nation geworden. Dabei hat er den Rahmen des Romans längst gesprengt: Holmes und sein getreuer Adlatus Watson sind zu anscheinend realen Personen mutiert, die wirklich gelebt haben müssen - so wie auch König Artus, Robin Hood, James Bond und irgendwann in den kommenden Jahrzehnten vermutlich auch Harry Potter.

"Was haben Sherlock Holmes und der Weihnachtsmann gemeinsam?", fragte der Oxforder Literaturprofessor John Carey. Seine Antwort: "Die Menschen wollen glauben, dass sie real sind." Das Arbeitszimmer des Detektivs im Sherlock-Holmes-Museum in Nummer 221 B Baker Street im Londoner Stadtteil Marylebone jedenfalls ist derart detailliert aufgebaut, dass man meinen könnte, Holmes sei nur mal eben nach Baskerville gereist und würde bald wieder zurückkehren. Bis 2005 stand an dieser Stelle die Zentrale der Bausparkasse Abbey National, die jahrzehntelang einen Mitarbeiter zur Beantwortung jener Briefe abstellte, die aus der ganzen Welt an Holmes geschrieben worden waren.

Als so urbritisch empfinden viele Briten Holmes, dass sie den Detektiv in seiner jüngsten filmischen Inkarnation von Regisseur Guy Ritchie nicht mehr wieder- erkennen. "Jackie Chan ohne Chinesen", spottete ein Beobachter, nachdem er den Film mit Robert Downey jr. in der Titelrolle und Jude Law als den getreuen Doktor Watson gesehen hatte. "Viel Action und wenig deduktiver Scharfsinn", beschrieb er den Streifen, durch den sich der Detektiv denn auch mehr boxt und prügelt als denkt. Doch Holmes und Watson werden auch diese Verfilmung überleben.

Insgesamt 211 Mal wurden Sherlock Holmes' Abenteuer weltweit verfilmt; 75 Schauspieler schlüpften in seine Rolle, darunter auch derart unwahrscheinliche Kandidaten wie Monty-Python-Star John Cleese, der Shakespeare-Mime John Gielgud oder Spock-Darsteller Leonard Nimoy. Der erste Stummfilm entstand bereits im Jahr 1900 in den amerikanischen Edison-Studios und damit in jener Zeit, welche Sherlock-Fans als Hiatus bezeichnen, die grauenvolle Pause von 1893 bis 1903, in welcher Holmes verschwunden war.

"Gerechtfertigter Totschlag"

Nur sechs Jahre nach der ersten Story "Eine Studie in Scharlachrot" hatte Conan Doyle seinen Helden beseitigt, indem er ihn im Reichenbach-Wasserfall in der Schweiz in den Tod stürzen ließ. Der Schriftsteller wollte sich lieber historischen Romanen und politischen Schriften widmen. Zu oberflächlich, zu frivol erschien ihm die Figur Holmes - obschon er mit ihr gutes Geld verdiente. Denn die Geschichten erschienen zunächst in populären Zeitschriften wie dem höchst erfolgreichen Strand Magazine, das Conan Doyle von einer seiner ersten Ausgaben an als Mitarbeiter verpflichtet hatte. Er hatte sehr schnell erkannt, dass sich separate Geschichten mit wiederkehrenden Hauptfiguren besser verkaufen ließen als Fortsetzungsromane.

"Man hat mir viele Vorwürfe gemacht, weil ich diesen Gentleman habe sterben lassen", schrieb Conan Doyle Jahre später in seiner Autobiographie über Holmes ersten Tod. "Aber ich behaupte, dass es kein Mord war, sondern gerechtfertigter Totschlag in Selbstverteidigung. Denn wenn ich ihn nicht getötet hätte, so hätte er mich umgebracht." Die Leser vergaben Conan Doyle nicht, und zehn Jahre nach dem vermeintlichen Ende in der Schweiz musste der Autor seinen Helden wiederauferstehen lassen. Erst 1927 durfte sich Holmes aufs Altenteil zurückziehen, drei Jahre später starb Autor Conan Doyle.

Schon in einem früheren Werk "His Last Bow" hatte er den Ruhestand seines Helden beschrieben. Demnach züchtete Holmes auf einer Farm in Sussex Bienen und schrieb das "Praktische Handbuch der Bienenkultur mit einigen Beobachtungen der Absonderung der Königin". Damit konnten sich die Leser anfreunden, war dies doch auch sehr britisch - genial dilettantisch. Oder, wie es Holmes formuliert hätte: "Elementary".

© SZ vom 29.01.2010/iko