"La Cenerentola" in der Semperoper:Happy End garantiert

Lesezeit: 2 min

La Cenerentola / Aschenputtel

Vom Dienstmädchen zur Märchenprinzessin: Emily D'Angelo als Angelina aka Cenerentola.

(Foto: Ludwig Olah/Semperoper Dresden)

Das Märchen von Aschenputtel ist unverwüstlich - und als Oper besonders schön. In Dresden inszeniert es der Rossini-Spezialist Damiano Michieletto. Was soll da noch schiefgehen?

Von Helmut Mauró

Es ist ein immer aktuelles Frauenstück, ein globales Urmärchen, fester Bestandteil vieler Kulturen: der Mädchentraum vom hässlichen Aschenputtel, das sich gegen die zwei hübschen und bessergestellten Stiefschwestern durchsetzt und vom Prinzen als Ehefrau auserwählt wird. Was heute wie muffiger Sozialkitsch anmutet, tröstet - in vielerlei narrativen Varianten - noch immer viele Teenager-Herzen. Die wenigsten werden dafür allerdings in die Dresdner Semperoper pilgern, obwohl gerade hier die Kunstform Oper eine geradezu pragmatische Distanz zur Realität schafft und somit weitere Enttäuschungen verhindert. Denn so sehr sich der Regisseur Damiano Michieletto bei Rossinis "La Cenerentola" auch um Aktualität bemüht - dafür muss am Ende sogar ein BMW splitternd auf die Bühne donnern -, die Künstlichkeit der Geschichte bleibt in jedem Moment sichtbar.

Das macht letztlich auch die Qualität dieser Produktion aus: dass man als Zuschauer immer in der Schwebe gehalten wird zwischen Märchen und psychologischer Wahrheit, zwischen pubertärer Verträumtheit und realistischer Vision. Vor allem aber: dass man den schönen Traum beibehalten darf, wenn man ihn nicht mit der Realität verwechselt. Natürlich geschieht dieser Lernprozess auf spielerische und hochkünstlerische Weise. Der Rossini-Spezialist Michieletto achtet aber bei allem Glanz und noch mehr Klamauk immer darauf, dass es weder allzu hochtrabend, noch peinlich banal zugeht.

Zwei Bitches und ein Märchenprinz

Trotzdem steht und fällt so eine Rossini-Komödie mit den schauspielerischen Fähigkeiten der Sängerinnen und Sänger. Und dabei glänzen vor allem die zwei Schwestern Clorinda (Alice Rossi) und Tisbe (Anna Kudriashova-Stepanets) als veritable Bitches, die ihrer Stiefschwester Angelina alias Cenerentola den Alltag vermiesen, wo es nur geht. Die Arme muss sich im eigenen Haus als Magd verdingen, der selbstherrliche Vater, Don Magnifico (Maurizio Muraro), lässt sie das spüren. Niemand erkennt zunächst die Unschuld und Größe dieser Magd, außer dem Publikum. Denn das sieht zwar eine für die Rolle des Aschenputtels etwas zu gut aussehende Frau, aber es hört vor allem eine märchenhafte Stimme.

Die kanadische Sopranistin Emily D'Angelo verfügt über einen in der Tiefe wunderbar abgedunkelten Mezzo, eine feinherbe Mittellage und angenehm weiche Höhe. Auch die berüchtigt rasanten Rossini-Koloraturen sind kein Problem für sie als Cenerentola, alles kommt spielerisch leicht, aber nicht leichtfertig. Denn bei aller stimmlichen Virtuosität überwiegen Klanggestaltung und Ausdruck. Rossini hat ihr da zwar mit melodischem Nachdruck passende emotionale Steilvorlagen geliefert, aber diese in Bühnenrealität verwandeln - das muss die Sängerin, und nicht immer geschieht dies so kongenial anrührend wie bei D'Angelo. Kein Wunder also, dass irgendwann auch der schöne Prinz (Maxim Mironov als strammer lyrischer Koloraturtenor) aufhorcht und ihr verfällt. Natürlich ist das Ganze in eine Verwechslungskomödie verpackt, Prinz tritt als Diener auf, Diener als Prinz und so weiter. Der wahre Charakter der bescheidenen Magd muss ja auf die Probe gestellt werden, bevor sie, schwupps, auf dem Königsthron landet. Geht aber alles gut, Cenerentola ist die Unschuld und Güte in Person. Sie verzeiht sogar ihren bösen Schwestern; dagegen scheint die Autorität des idiotisch-gewalttätigen Vaters für sie nie infrage zu stehen. Da gäbe es noch Arbeit für die Regie.

Auch der Dirigent Alessandro De Marchi ist mit dem Ausgang der Geschichte einverstanden, er hüpft den ganzen Abend auf seinem kleinen Podium herum, dreht sich hier mal nach links und deutet dort eine Kniebeuge an. Mit den Armbewegungen geht er sparsamer um, das gilt ja gemeinhin als vornehm und hohe Form des Dirigierens. Gleichwohl sind die Musiker der Sächsischen Staatskapelle einigermaßen bei der Sache und lassen ihren Gastdompteur nicht im Stich. Gut so.

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