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Literatur:Mit dem Warlord am Grill

Nora Bossong

Nora Bossongs Roman "Schutzzone" befindet sich derzeit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

(Foto: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag)

Wer hilft wem warum? Nora Bossongs Roman "Schutzzone" über eine UN-Mitarbeiterin kreist kunstvoll um die Leerstellen moralischer Eindeutigkeit auf der weltpolitischen Bühne.

Unter den UN-Mitarbeitern gibt es in Nora Bossongs neuem Roman "Schutzzone" ein Spiel, das sich "Nilpferd" nennt. Es besteht darin, in einen offiziellen Bericht ein möglichst abseitiges Wort einzuschleusen, das mit dem Vorgang an sich nicht das Geringste zu tun hat, um dann zuzuschauen, wie viele administrative Ebenen der Bericht durchläuft, ohne beanstandet zu werden. Gelangt die Akte in die Hände des obersten Vorgesetzten, ist das Spiel gewonnen. Ein auf den ersten Blick sinnfreier Spaß, hinter dem, so formuliert es Nora Bossongs Erzählerin Mira, der Wunsch "nach ein wenig Anarchie in den bürokratischen Strukturen" steckt. Und darüber hinaus selbstverständlich auch ein starkes Bild für die Willkürlichkeit organisatorischen Handelns. Über ein Land, in dem keine Sicherheiten herrschen, lässt sich im Zweifelsfall alles erzählen. "Ihr habt den ganzen Kontinent in eine Geschichte verwandelt", sagt Zacharie, ein einheimischer Guide in Burundi zu Mira, "in einen Nebenzweig eurer Geschichte."

Nora Bossongs Interesse an den feinen Verästelungen diplomatischer Gepflogenheiten und an der Verantwortung des Einzelnen für gesamtstaatliches Agieren ist nicht neu. Schon ihr zweiter, 2009 erschienener Roman "Webers Protokoll" war der raffinierte Versuch einer Annäherung an die Möglichkeit, geschichtliche Wahrheit zu beschreiben und zugleich die Verweigerung eines literarischen Textes gegenüber einer Verpflichtung zum rein Faktischen. Die Chronologie der Geschichte um den deutschen Diplomaten Konrad Weber, der in den Jahren 1943 und 1944 für die Nationalsozialisten im diplomatischen Dienst in Mailand arbeitete und in der Bonner Republik als Abgesandter im Vatikan landete, war zersplittert, die Perspektivengestaltung komplex. In "Schutzzone" setzt Bossong nun, zehn Jahre später, ihre Poetik der Uneindeutigkeit fort, doch hat sie ihre Mittel verfeinert und ist in ihrem Stoff näher an die Gegenwart herangerückt.

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Mira ist Mitte der Achtzigerjahre in Bonn geboren, in der Hoch- und Endphase der alten Bundesrepublik. Nach dem Studium ist sie, eher durch einen Zufall als aus Idealismus, bei den UN gelandet, die sie im Jahr 2012 nach Bujumbura, dem wirtschaftlichen und verwaltungstechnischen Zentrum von Burundi, schicken. Und obwohl Nora Bossong aus der Ich-Perspektive und rückblickend aus dem Jahr 2017 erzählt und mithin die Erwartung an eine retrospektive Möglichkeit der Rekonstruktion von Zusammenhängen weckt, sind es die Leerstellen, die den Roman grundieren.

Aus eigenem Interesse lässt die Ich-Erzählerin einige Details aus

Zwei Vorwürfe sind es, mit denen "Schutzzone", der für den Deutschen Buchpreis nominiert ist, konfrontiert werden dürfte: Zum einen ist der Blick der Erzählerin naturgemäß rein eurozentrisch; allerdings ist diese Perspektive innerhalb des motivisch vielfach verflochtenen Romans auch stets reflektiert. Die diversen Blickwinkel, Weltbetrachtungen und Haltungen schieben sich knirschend übereinander, erzeugen Zweifel, Spannung, Ambivalenzen.

Zum anderen hantiert Nora Bossong mit den ganz großen Begriffen: "Frieden", "Wahrheit", "Gerechtigkeit", "Versöhnung" - das sind die Schlagworte, mit denen die Kapitel überschrieben sind. Das Überzeugende an "Schutzzone" liegt unter anderem darin, dass Nora Bossong über diesen Katalog an hochtönenenden Sonntagswörtern nicht in julizehhafter Gewissheit verfügt, sondern im Gegenteil deren Bedeutung dekonstruiert, und das in einer nuancen- und vokabelreichen Diktion und in einem imponierenden sprachlichen Variantenreichtum. "Schutzzone" ist kein Thesenroman und erst recht keine Kriegsreportage. Wer etwas über die konkrete politische Situation in Burundi nach dem Bürgerkrieg in den Nullerjahren erfahren wollte, wäre mit Bossongs Roman schlecht bedient. Das hat auch damit zu tun, dass Mira eine charakterlich nicht sonderlich sympathische und auch unzuverlässige Ausstattung hat und darüber hinaus auch über ihrer Zeit in Burundi der Schatten einer möglichen eigenen Verfehlung liegt. Mira, eine an sich bereits sinistere Figur, formuliert aus Eigeninteresse fragmentarisch und an entscheidenden Stellen bewusst lückenhaft. Das gilt auch für ihre Erinnerungen an ihre Beziehung zu einem Mann namens Aimé, dessen Funktion und mögliche Verbrechen im Bürgerkrieg widersprüchlich beurteilt werden. Man nennt ihn General; möglicherweise handelt es sich um eine Art von Warlord, doch auf welcher Seite er gestanden und mit welchen Methoden er gearbeitet hat, bleibt im Dunkeln.

Es gibt großartige Szenen in diesem Roman. Zu den besten gehören zweifelsohne jene zehn Seiten, in denen Mira mit verbundenen Augen zu Aimés Villa chauffiert wird, wo der General im dunklen Anzug mit Kochschürze darüber den Grill anfacht und dabei über Folter, getötete Seelen und vor allem über die Frage, wer tatsächlich wen dringender braucht, nachdenkt: "Ich weiß zwar nicht, was wir ohne Sie tun würden, aber noch weniger weiß ich, was Sie ohne uns täten."

Das Verschwimmen des Politischen mit dem Privaten ist eines der Grundthemen von "Schutzzone", nicht nur in der Mira-Aimé-Konstellation. Im Jahr 2017 trifft Mira in Genf, wo sie mittlerweile als Delegationsmitglied der Zypern-Verhandlungen lebt und arbeitet, den acht Jahre älteren Milan wieder. Mit Milan, ebenfalls aus Bonn und wie sein Vater ebenfalls im diplomatischen Dienst tätig, verbindet Mira eine Kindheitsgeschichte: Als ihre Eltern im Jahr 1994 im Begriff waren, sich zu trennen, schickte Miras Vater sie zwischenzeitlich zu einer Freundin, Milans Mutter.

Es mag irritierend wirken: Das Entscheidende an "Schutzzone" sind die Leerstellen

Seinerzeit war der Altersunterschied entscheidend; nun, 23 Jahre später, entspinnt sich wie selbstverständlich ein Verhältnis zwischen dem verheirateten Milan und Mira, die dabei keinerlei Rücksichten zu nehmen scheint. "Schutzzone" wirft Fragen auf, auf die Nora Bossong erfreulicherweise keine endgültigen Antworten parat hat: Wie steht es um die Differenz von Planbarem und Unvorhersehbaren? Wie wahrt man in unübersichtlichen Situationen den Schein der Souveränität? Was hat es auf sich mit vermeintlich moralischem Handeln und nicht formulierten kolonialen Interessen, sowohl im politischen als auch im persönlichen Kontext?

Die ethischen Dilemmata werden hier nicht explizit verhandelt, sondern sind in einen fluiden Text eingeschrieben. Die Ich-Perspektive täuscht zunächst über den Umstand hinweg, dass auch die Autorin selbst in ihrem Roman quasi unsichtbar bleibt: Meinungen, Wertungen oder Urteile sind ebenso unmerklich eliminiert wie eine Kausalität herstellende Psychologie. Stattdessen wechselt Nora Bossong bruchlos oft innerhalb kurzer Kapitel den Tonfall und die Perspektive und bleibt dabei doch immer nah an ihrer Protagonistin.

Das Entscheidende an "Schutzzone" sind die Leerstellen und die Kälte, mit der Mira über diese Leerstellen hinwegdenkt. Das mag irritierend wirken, doch ist es nur konsequent, dass ein Roman, der voll ist von Sätzen wie "Menschen sind immer ein Problem, und das Problem werden Sie nicht los", sich als eine dezidierte Absage an jegliche Form von Gefühligkeitsprosa verstehen lässt. Tribunale, Wahrheitskommission, Versöhnung - und Nilpferde: "Schutzzone" pendelt zwischen der fatalistischen Einsicht, dass im schlechtesten Sinne jederzeit alles möglich ist, wenn Menschen im Spiel sind, und der vagen Hoffnung, dass es bei aller Irrationalität des Handelns tatsächlich so etwas geben kann wie einen befriedeten Raum. Ein komplexer Roman, eine komplexe Lektüre.

Nora Bossong: Schutzzone. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 336 Seiten, 24 Euro.

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