Schriftsteller Péter Nádas wird 70 Selbstprüfung bis auf die Knochen

Parallelgeschichte: Das Kunsthaus Zug in der Schweiz beschenkt den ungarischen Schriftsteller Péter Nádas zum siebzigsten Geburtstag mit einer von ihm selbst kuratierten Ausstellung. Die Art und Weise, wie Péter Nádas hier die Dunkelkammer seines Denkens und Schreibens öffnet, ist einmalig.

Von Volker Breidecker

Péter Nádas, aufgenommen am 15. März 2012 auf der Leipziger Buchmesse.

(Foto: dpa)

Noch eine Parallelgeschichte. "Passage to the Kunsthaus Zug" nennt der japanische Bildhauer Tadashi Kawamati seinen hölzernen Stationenweg, der vom Seeufer hinauf zum Kunsthaus führt. Davor passiert man das Tor zur alten Burg, in der, wie zu erfahren ist, viele ungarische Flüchtlinge nach dem gescheiterten Aufstand von 1956 Unterschlupf fanden. Dass das benachbarte Kunsthaus seine lichten Räume gegenwärtig - und noch bis zum 25. November - dem ungarischen Schriftsteller Péter Nádas für eine von ihm selbst kuratierte Ausstellung überlassen hat, ist von nur zufälliger Koinzidenz. Und doch, wie parallele Lichtstrahlen am Horizont, so finden auch hier die noch unverbundenen Geschichten irgendwann zusammen, überschneiden, bündeln und verschränken sie sich in einem Brennpunkt. Sein Glutkern mag in kosmischer Transzendenz liegen oder auch im Bereich der irdischen Historie. Nur funken und glühen muss es, als ob sich Liebende einander begegnen - und das tut es hier, an beinahe jedem Punkt, in jedem Bild und jedem Objekt dieser Ausstellung.

"An der Grenze" heißt ein Foto: Es zeigt den Zug einer Gruppe ungarischer Flüchtlinge durch eine morastige Landschaft: Es stammt von der Fotografin Ata Kandó aus dem Umfeld bekannterer Kollegen wie Marian Reismann, Robert Capa und Ed van der Elsken, den sie im Exil ehelichte. Über ihre und alle Biografien hier vertretener Künstler gibt präzise Auskünfte der von Nádas selbst in Zusammenarbeit mit Matthias Haldemann, dem Direktor des Kunsthauses, und mit Bernhard Echte, dem Verleger des Wädenswiler Nimbus Verlags erstellte, auch handwerklich vorzüglich gestaltete Begleitband "In der Dunkelkammer des Schreibens. Übergänge zwischen Text, Bild und Denken" (216 Seiten, 29,80 Euro). Die Art und Weise aber, wie Péter Nádas hier die Dunkelkammer seines Denkens und Schreibens öffnet, ist ganz ohne Vorbild: Ein bedeutender Künstler der Gegenwart bettet hier sein Gesamtwerk - sein großartiges schriftstellerisches und sein noch viel zu wenig bekanntes fotografisches Œuvre - in bildnerische Traditionen ein. Diese muss er zwar nicht neu erfinden, dafür aber aus versprengten, vergessenen oder auch nur im Westen unbekannt gebliebenen Bestandteilen wieder zu einer Art Ahnengalerie zusammensetzen. Und zu einem visuellen ,Buch der Freunde'. Ein ganzer Kosmos ist hier zusammengekommen, ein versunkener Kontinent mitteleuropäisch-ungarischer Bildkunst.

Der Grundstein für die von langer Hand vorbereitete Schau wurde bei der Vergabe des Zuger Übersetzerstipendiums 2008 an Christina Viragh gelegt, der deutschen Übersetzerin von Nádas gefeierten "Parallelgeschichten". Dabei eignet sich der Zuger Schauplatz auch wegen seines Sammlungsschwerpunkts Wiener Moderne für die hier inszenierte postkakanische "Parallelaktion", die ihren Schlusspunkt - auch als Anfangs- wie Endpunkt für den Skandal des 20. Jahrhunderts schlechthin - in einer von Gustav Klimts erotischen Zeichnungen findet. Davor liegen neun Räume, angefangen mit Nádas' "Bilderschule", Malereien der frühen ungarischen Moderne von József Egry, Margit Gráber, Károly Kernstok und anderen, deren Werke noch die Frische von um 1910 atmen - und vom Blick nach Paris getränkt sind.

"Nicht hier und nicht dort"

Eine Etage tiefer präsentiert Nádas seine künstlerischen "Weggefährten und Freunde". Auf dem Weg in den Nordtrakt des Hauses passiert der Besucher dann eine erlesene Sammlung von Fotografien bekannter wie unbekannter Vertreter der ungarischen Fotoavantgarde, deren prominenteste Vertreter - darunter Robert Capa, Brassaï, Kertész, Moholy-Nagy - zum Teil schon unter dem ersten Horthy-Regime nach 1919 ins Exil gingen. Was bereits hier ins Auge sticht, und was in den folgenden Räumen mit Nàdas eigenen fotografischen Arbeiten eindrucksvoll erhalten bleibt, ist die - beinahe im Widerspruch zur kanonisierten Fotografiegeschichte - bruchlose Symbiose von "straight approach", der ungeschminkten dokumentarischen Darstellung, und von großer formaler Experimentierlust. Man stößt da im anderen Medium auf eine ähnliche Mischung von akribisch dokumentarischer Recherche und hohem Formbewusstsein, das die ausgetretenen Pfade konventionellen Erzählens verlässt, wie im literarischen Werk des Péter Nádas. Dessen Schreibkosmos ist in der Ausstellung ebenfalls großflächig mit seinen Relikten, mit Bildern, Objekten und anderen Dokumenten ausgebreitet - in der Art einer Selbstautopsie unter gläsernen Schaukästen, die den Autor beinahe bis auf die Knochen und Gefäße zerlegen.

Mit welcher Nachdrücklichkeit im Körperlichen wie im Sprachlichen dieser Péter Nádas allerorts "nicht hier und nicht dort", sondern überall dazwischen ist, wie er auch als Lichtbildner stets die Schwellen und Übergänge, die Öffnungen und Passagen zwischen den Räumen, Menschen, Körpern erforscht, wie er sich dabei bis zur Entpersonalisierung zurücknimmt, sein Ich reduziert, um es in Wahrheit zu erweitern - zur Wahrnehmung seiner Verbundenheit mit der Welt und mit den Anderen, die vor ihm und neben ihm da waren und da sind. Alles wird hier belichtet. Und über die Ausstellung hinaus bleibt es festgehalten in zwei parallel zusammengehörigen Bildbänden von Péter Nádas, die der Nimbus Verlag - neben einem weiteren Band namens "Arbor Mundi" mit Essays über Maler, Bildhauer und Fotografen - ebenfalls vorgelegt hat: Als "Lichtgeschichte" und als "Schattengeschichte". An diesem Sonntag wird Péter Nádas übrigens siebzig Jahre alt.