bedeckt München 23°

Schriftsteller Daniel Depp:Die Eitlen, die Gescheiterten und die Irren

Und wie viel ist wahr von dem, was im Krimi steht? Kennt er die Drogenexzesse in den Protzvillen der Hollywood Hills, die Clubs mit den Hinterzimmern, die Mafiabosse? Daniel Depp windet sich. "Man bekommt viel mit", sagt er. Manches dringe ja auch nach draußen. Etwa, als vor einiger Zeit bekannt wurde, dass der Schauspieler Steven Seagal von der Mafia erpresst wird.

Konkrete Gesichter habe er beim Schreiben nicht vor Augen gehabt. "Eher Typen, die einem in Hollywood über den Weg laufen." Die Eitlen, die Gescheiterten, die Irren. Vor Mutmaßungen feite ihn das nicht, kaum war das Buch draußen, bekam er Post von Schauspielern, die sich beschrieben fühlten. Wer genau? "Das kann ich nicht sagen", sagt Depp. Nur für die Szenen, in denen Bobby Dye von einer Meute Fans verfolgt wird, die ihn auf dem roten Teppich fast erdrückt, habe er bei John nachgefragt.

"Alles ist hollywoodisiert"

Ihm gehe es um Hollywood als Sinnbild für eine marode Gesellschaft. "Alles ist hollywoodisiert", ereifert sich Depp. Politiker setzten nur noch auf Außenwirkung, in der Wirtschaft gehe es nur noch ums große Geld, und in der Filmindustrie schere sich jeder nur noch um Effekte.

"Avatar", den teuersten Film aller Zeiten, habe er nicht einmal gesehen. Spricht da einer, den Hollywood desillusioniert hat? Daniel Depp hat bei "The Brave", dem Regiedebüt seines Bruders, am Drehbuch mitgeschrieben. Es ging darin um einen Indianer, der sein Leben verkauft, um seine Familie zu retten.

In Cannes wurde der Film 1997 für eine Goldene Palme nominiert, in Amerika zerrissen Kritiker ihn, am Ende wurde er in den USA nicht einmal gezeigt. "Ich bin nicht desillusioniert", sagt Depp, "eher traurig". Sagen muss er das eigentlich nicht, es gibt in seinem Buch kein Kapitel, in dem David Spandau nicht über Hollywood lamentiert. Darüber, dass es Studiobossen egal sei, ob sie "Konserven oder Klobrillen" herstellen.

Bevor er Drehbücher und Romane schrieb, hat Depp Kunstkritiken für Zeitungen verfasst, er war Geschichtslehrer, hat einen Buchladen geführt. Kracht es in "Stadt der Verlierer" vor Draufgängertum, ist der Urheber ein fast schüchterner Mensch. Fernsehinterviews verunsichern ihn, eigentlich wollte RTL vorbeikommen, hat aber abgesagt. "Da bin ich nicht traurig", sagt Depp. Abends, als er in einer Buchhandlung liest, macht er das ganz schnell und leise, als wolle er es hinter sich bringen.

Neid? Nicht nötig

Wenn er über seinen Bruder redet, und das tut er viel, ist es, als halte er ihn wie ein Schutzschild vor sich. Als wolle er sagen: Ich bilde mir nicht ein, dass Sie wegen mir hier sind. Johnny sei nicht nur ein Segen, sagt Depp. Er fliege oft Hunderte Kilometer, um ein Drehbuch vorzustellen. Und dann sage wieder einer: "Wir möchten mit ihrem Bruder zusammenarbeiten. Könnten Sie da vermitteln?" Ist er neidisch auf ihn? "Nein", sagt Depp bestimmt. "Das wäre ja absurd."

Dabei lohnt es sich, den Roman unvorbelastet zu lesen. Er ist zackig geschrieben, die Beobachtungen des schäbigen Glamours fein. Eine schöne Analogie für Hollywood ist der abgetakelten Nutte. "Alt, geldgeil und komplett verlottert" sei die, aber wenn sie schläft, habe sie manchmal das Gesicht eines jungen Mädchens, in das man sich immer wieder verliebt.

Viele solcher Stellen finden sich, aber auch einige, bei die die Phrasendreschmaschinen offenbar heißgelaufen ist. "Sagen Sie mir, Mr. Spandau, sind Sie wirklich so gut, wie man sich erzählt?", ist kein Satz, den einer braucht, der als Inspiration Raymond Chandler und Dashiell Hammett angibt.

Der Protagonist Spandau ist eindrucksvoll zynisch, aber zuweilen passiv, oft übernehmen Randfiguren die Führung. Vielleicht ändert sich das im Nachfolger, der gerade beim Verlag liegt. Hier ermittelt Spandau auf dem Filmfestival in Cannes. "Auch", sagt Depp, "um mich ein wenig von Hollywood zu lösen".

Da der Roman fast wie ein Drehbuch geschrieben ist, böte sich doch eine Verfilmung an, vielleicht mit seinem Bruder in der Hauptrolle? "Auf keinen Fall", sagt Daniel Depp. Zum einen sei sein Bruder für die nächsten fünf Jahre ausgebucht und zu anderen wolle er sich weiter um die Schriftstellerei kümmern. "Es geht mir nicht darum berühmt zu werden", sagt Depp, "höchstens bekannter".

Abends in der Buchhandlung hängen dann doch einige Damen mittleren Alters an seinen Lippen, und nach der Lesung stürmen sie nach vorn, um sich sein Buch signieren zu lassen. Daniel Depp lacht verlegen und sucht irritiert nach einem Stift.