Schriftsteller Akif Pirinçci Was ist ein Rassist?

"Fuck You Money" nennen die Amerikaner das, was Pirinçci hat. Genug Geld, um zu leben, wie man will, ohne irgendwem Rechenschaft ablegen zu müssen. "Felidae", sagt der Schriftsteller, habe sich allein in Deutschland zwei Millionen Mal verkauft, außerdem sei der Katzenkrimi in fast jede Sprache übersetzt worden. So ein Erfolg befreit, auch publizistisch. Wer als Autor keiner lohnabhängigen Beschäftigung nachgehen muss, kann tatsächlich schreiben, was er will.

Er habe sein Buch nicht für seine Nachbarn aus der Südstadt geschrieben, sagt Pirinçci, sondern für die sogenannte schweigende Masse. Nach der Veröffentlichung von "Das Schlachten hat begonnen" hätten ihm Tausende geschrieben, darunter viele Eltern. Sie hätten ihm erzählt, wie wenig die angeblich allgegenwärtige deutsche Fremdenfeindlichkeit mit ihrer Lebensrealität zu tun hätte. Nicht die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund würden auf den Schulhöfen und Straßen heute beleidigt und verprügelt, sondern die kleinen Bio-Deutschen, die "blonden Opfer" und "Kartoffeln". Aber, sagt Pirinçci, das sei eine Realität, die vom Alltag der tonangebenden Schicht in diesem Land so weit entfernt sei wie die Flüchtlinge von Lampedusa.

Wer Pirinçcis Buch liest und darin nicht nur nach heiklen Stellen sucht, wird mehr als einmal zum Denken angeregt. Auf das Thema Ausländerfeindlichkeit, zum Beispiel, hat der Autor eine ganz und gar andere Sicht als die migrationshintergrundfreie Mehrheitsgesellschaft. Was ist ein Rassist? Die Frage zieht sich durchs Buch. Ein Mensch, der an einen Fremden die gleichen Ansprüche stellt wie an einen Einheimischen und ihm dadurch auf Augenhöhe begegnet? Oder einer, der ihn wie ein unmündiges und schutzbedürftiges Kind behandelt?

Hingerissen von der Rücksichtslosigkeit

Dann das Thema Steuern. Im Kapitel "Angst ist eine Entscheidung" stellt der Autor die Frage nach dem Recht des Staates, dem wirtschaftlich aktiven Teil seiner Bürger etwa die Hälfte ihres Geld wegzunehmen. Das tut er auf eine so grundsätzliche und drastische Weise, dass einem als links der Mitte sozialisierten Geburtsdeutschen die Spucke wegbleibt. Solche radikalliberalen, an Anarchisten wie Max Stirner erinnernden Töne hört man heute kaum noch. Nicht auf Deutsch.

Man blättert, man grinst, man ist hier und da hingerissen von der Rücksichtslosigkeit in der Analyse und den vielen wilden Ideen. Zwischendurch philosophiert Pirinçci über Kindererziehung, witzelt darüber, dass er bald in seine Gummizelle zurück muss und weint in weichen Versen der Liebe seines Lebens nach, die ihn vor eineinhalb Jahren verlassen hat.

Dann gibt es allerdings noch den anderen Pirinçci. Nein, nicht den gefährlichen oder faschistoiden, dem die Stellensucher-Stasi nachjagt. Aber den Nervtötenden. Der mit Formulierungen wie "Ballaballa-Ideen von Nix-Anständiges-studiert-Habenden", "linksdrehende Journalistendarsteller" oder "irre gewordene Ganovenbande aus unserer Politkaste" um sich wirft. Lieber Pirinçci, denkt man beim Lesen, Sie sind eigentlich zu klug und zu sprachgewandt, um Ihre Gedanken mit diesem "Politically Incorrect"-Jargon zu entwerten. Das mag ja bei den Facebook-Fans und AfD-Wählern die Zahl der "Likes" explodieren lassen, aber andere Geister schreckt so etwas ab - und nicht nur die, die Sie für ideologisch verblendet halten.

Abseits des Mainstreams

Für den Manuscriptum-Verlag, bei dem Pirinçcis Buch erscheinen wird, ist die Arbeit mit diesem Autor eine Gratwanderung. Das kleine Unternehmen aus dem nordrhein-westfälischen Waltrop ist noch jung, hat sich aber bereits mit einer Reihe gediegener Titel einen Namen gemacht. Die "Gender"-Streitschrift des FAS-Journalisten Volker Zastrow gehört dazu. Oder "Demokratie. Der Gott, der keiner ist" des Anarchokapitalisten Hans-Hermann Hoppe. Mit solchen Büchern wird man kein Amazon-Chartbreaker. Aber man gewinnt die Sympathie von Lesern, die gerne abseits des Mainstreams schmökern.

Ob die Stammkundschaft einen schreibenden Schlägertyp wie Pirinçci goutiert?

Verlagsleiter Andreas Lombard hat vorsichtshalber schon vor Wochen eine Art Beipackzettel ins Netz gestellt: "Was will Pirinçci?" Darin erklärt er die Brachialität im Ton mit dem "türkischen Temperament" des Autors. Der Text ist nett gemeint, er riecht aber auch ein bisschen nach voller Hose. Wie viele Stellen im Buch er schon entschärft hat, will Lombard nicht verraten. Und Pirinçci sagt, er wisse es nicht. Aber allmählich nervten ihn die Diskussionen. "Der Lombard", sagt er, "macht sich zu viele Sorgen."

Akif Pirinçci hat eigene Sorgen. Das Treffen in Bonn ist fast vorbei, da schlägt der Gastgeber vor, noch in ein Café in der Nähe der Uni zu gehen. Sein "Jagdgebiet" nennt er die Gegend. Wegen der vielen jungen Frauen. Beim Betreten des Lokals bleibt der 54-Jährige dann plötzlich wie versteinert stehen. "Da ist sie", flüstert er und nickt zu einer Kellnerin rüber. Es ist nicht die Blondine vom Handyfoto, sondern eine Dunkelhaarige mit Tattoo am Nacken. Von der habe er doch auch erzählt, flüstert Pirinçci. Das sei die 22-Jährige, mit der er schon wild geflirtet habe und der er, wenn sie ihn ließe, "sofort den Bauch dick machen würde".

Jetzt wird's spannend, denkt der Gast: Dann zeig mal, was du kannst, du türkischer Tiger. Doch es passiert: nichts. Die tätowierte Kellnerin ignoriert den kleinen Schriftsteller auf ganzer Linie. "Das gibt's doch nicht", zischt Pirinçci, als er sich mit seinem Kaffee ans Fenster setzt. Er guckt und guckt, geht aber nicht zu ihr rüber. Erst später, vor dem Café, bricht es aus ihm heraus: "Die kann was erleben."

Deutscher geht's wirklich nicht.