Süddeutsche Zeitung

Schriftsteller Akif Pirinçci:Liebe Landsleute

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Früher hat Akif Pirinçci Tierkrimis geschrieben. Dann entdeckte der türkischstämmige Autor seine Gefühle für Deutschland - und seine Wut auf die Linken. Besuch bei einem gewöhnungsbedürftigen Patrioten.

Von Marc Felix Serrao

Akif Pirinçci sitzt im Garten seines Hauses und lacht über die AfD. "Die haben mich gerade schon wieder eingeladen", sagt er und wackelt mit dem Handy. Und, geht er hin? Pirinçci zieht an seiner Zigarette und grinst schief: "Ich bin doch nicht bekloppt." Weil da nur wütende alte Männer rumsitzen? "Nee", sagt er, "da gibt's schon ein paar gute Weiber." Aber er, Pirinçci, habe einfach keinen Bock auf Parteien. Bei denen gehe es am Ende überall nur um Wichtigtuerei und Pöstchen. Und Frauen habe er auch in Bonn "jede Menge".

Er nimmt sein Handy wieder in die Hand, tippt ein bisschen rum und reicht es über den Tisch. "Schau dir die an." Auf dem Foto sieht man eine hübsche, etwas pausbäckige Blondine auf einem Bett liegen. Er nickt in Richtung Haus. "Das Bild habe ich im Schlafzimmer gemacht." Dann nimmt er einen extralangen Zug aus der Zigarette: "Rat mal, wie alt die war?"

Willkommen bei Pirinçci. Wer jetzt denkt: Halt, den Namen kenne ich doch, aber das kann unmöglich derselbe Mann sein... Doch, ist er. Akif Pirinçci. Erfinder des modernen Tierkrimis. Schöpfer von Francis, dem weltweit beliebten und superknuffigen Katzenkommissar aus "Felidae". 1989 war das.

In wenigen Tagen, ein Vierteljahrhundert später, soll Pirinçcis neues Werk erscheinen. Es heißt "Deutschland von Sinnen" und ist wirklich ganz anders als das Buch über Kater Francis und seinen dusseligen menschlichen "Dosenöffner". Eigentlich wäre "Akif von Sinnen" als Titel passender. Auf fast 300 Seiten wütet der 54-Jährige gegen all die Dinge, die seiner Meinung nach den Frieden und die Zukunft in Deutschland bedrohen.

Das sind einige: die Auflösung der traditionellen Rollenbilder von Mann und Frau, der omnipräsente Steuerstaat, die "Irren von der EU", ARD und ZDF, linke beziehungsweise "grün-links-versiffte" Intellektuelle sowie - an der Stelle hat sich der Leser bitte einen düsteren Chor von Tausenden Muezzins vorzustellen, die von monströs großen Moscheen aus Deutschlands Städte beschallen - der Islam. Oder wie Pirinçci meint: die "Geisteskrankheit". So.

Das ist kein Buch. Das ist eine Schlägerei. Pirinçci prangert keine Missstände an, wie es gerne heißt. Der Mann spuckt, beleidigt und boxt sich seinen Weg durch die deutsche Gegenwart, dass Thilo Sarrazin dagegen so kontrovers wirkt wie Graf Zahl aus der Sesamstraße (was Pirinçci übrigens auch so sieht; er findet die Bestseller des früheren Berliner Finanzsenators dröge und bieder).

Wenn der Bonner Schriftsteller über Deutschland spricht, ist der Ton ein anderer als der, den man hierzulande gewohnt ist. Ganz anders. "Deutschland, o du goldenes Elysium! Du kraftvoller Stier!" So fängt das Buch an. Für hiesige Ohren klingt das reichlich seltsam. Aber der gebürtige Türke mit dem deutschen Pass meint es ernst. Für ihn sei Deutschland das "Paradies". Seine Familie sei hier vor fast 50 Jahren bettelarm aufgetaucht - und habe eine Chance bekommen. Deshalb lasse er niemanden etwas gegen sein schwarz-rot-goldenes Elysium sagen. Erst recht keine Geburtsdeutschen.

Einen Nerv getroffen

In dem Milieu, in dem man die AfD für eine ernst zu nehmende Partei hält und täglich "Politically Incorrect" liest, um einen sachlichen Nachrichtenüberblick zu bekommen, können sie den Verkaufsstart von Pirinçcis Buch kaum erwarten. Wer meint, das seien nur ein paar Außenseiter, irrt. "Deutschland von Sinnen" landete schon Anfang März - einen Monat vor Verkaufsstart - bei den Bestellungen des Online-Versandhändlers Amazon auf Platz vier, und das ohne Vorabdrucke in Bild und Spiegel. Der Mann hat offensichtlich einen Nerv getroffen.

Pirinçcis Karriere als politischer Kommentator begann vor genau einem Jahr mit einem Text über die Gewalt junger Migranten. "Das Schlachten hat begonnen" erschien am 25. März 2013 auf dem liberalen Internetportal der "Achse des Guten" und wurde seither nicht hundert-, sondern zehntausendfach verlinkt und kommentiert. Endlich sagt's mal einer, meinten viele. Reaktionärer Quatsch, meinten andere. Deniz Yücel, der sich seit Jahren darum bemüht, eine Art Franz Josef Wagner von links zu werden, bezeichnete Pirinçcis Aufsatz in der taz als "rechtsextremen Internetdreck" und attestierte ihm die "sprachliche Eleganz eines NPD-Kreisvorsitzenden". Das war schon deshalb bemerkenswert, weil der taz-Mann wenige Monate zuvor selbst geschrieben hatte, dass man Thilo Sarrazin "nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten".

Neonazis geben für ihn viel zu gute Opfer ab

Pirinçci ist kein Rechtsextremist, auch wenn ihm im Netz ein paar gruselige Gestalten zuprosten. Ein Extremist, ja: in Sachen Krawall und Fäkalsprache. Aber Neonazis? Die geben für ihn viel zu gute Opfer ab. Neben den bereits erwähnten Minderheiten kriegen in "Deutschland von Sinnen" auch die "ekelhaften, primitiven Ausländerhasser" ihr Fett weg. Der geisteskranke Rassist ist dabei, "mit seinem halluzinierten Blick auf die Welt vom KZ-Turm herab", und der "Hygiene-Schizo, der in seinem Wahn dunkle Haut und alles Abweichende von der Norm mit seiner schmutzigen Unterwäsche verwechselt".

Aber die anderen, die selbstgerechten Inländerhasser, kriegen eben auch die Hucke voll. Am liebsten bei Facebook, wo Pirinçci sich fast täglich seinen beiden Hobbys hingibt: Linke beleidigen und jungen Frauen hinterherhecheln. Pausen legt er nur ein, wenn er wegen eines anstößigen Eintrags gesperrt wird. Das kommt allerdings recht häufig vor.

Was ist da passiert? Wie konnte aus Akif, dem netten Fabelonkel, Pirinçci, der Turbodeutsche, werden? Das, sagt er, habe etwas mit dem bizarren Verhältnis der Einheimischen zu ihrem Land zu tun. Und mit denen, die hier einwandern.

"Wir hätten ihm auf den Knien gedankt"

Er finde es "zum Kotzen", wenn Menschen aus dem Ausland hierher kämen und Forderungen stellten. In "Deutschland von Sinnen" beschreibt Pirinçci, wie das war, als er mit seinen Eltern 1969 hier ankam, in der Hand nichts als einen Pappkoffer: "Die Türkei bot uns nichts, keine Chance, keine erste und keine zweite, einfach gar nichts. Wir waren so arm, dass wir uns am Ende nicht einmal mehr Holz oder Kohle zum Heizen für den Winter leisten konnten. Wir empfanden es als unfassbares Geschenk, dass Deutschland uns aufnahm. Hätte man uns gebeten, wir hätten ihm auf den Knien gedankt. Aber das tat man nicht. Man gab uns nur zu verstehen: Arbeitet, geht zur Schule, macht etwas aus eurem Leben, ihr seid uns nichts schuldig, außer vielleicht, dass ihr ein produktiver, kreativer und bereichernder Teil dieses Landes werdet."

Sein Vater, ein Brummifahrer, sei keinen einzigen Tag seines deutschen Erwerbslebens arbeitslos gewesen, erzählt Pirinçci stolz. Dass es hier Sozialhilfe für Menschen gebe, die nichts tun, hätten seine Eltern erst erfahren, als sie Mitte der Achtzigerjahre wieder in die Türkei zurückgekehrt waren, um dort ihren Lebensabend zu genießen.

Der zweite Teil von Pirinçcis Wut richtet sich gegen die Autochthonen, heute besser bekannt unter dem Spottnamen, den der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir ihnen geschenkt hat: "Bio-Deutsche". Die kennt der assimilierte Deutsche Pirinçci auch. Sie sind seine Nachbarn.

Grimmiges Lächeln

"Schön hier, was?" Der Schriftsteller führt gleich zu Beginn des Treffens durch die Bonner Südstadt. Sein Viertel. Hier, im Zentrum der alten rheinischen Republik, sieht die Welt noch sehr in Ordnung aus. Die Autos sind dick und deutsch, und die geputzten Fassaden der Gründerzeithäuser strahlen in der Märzsonne.

"Vor einiger Zeit wollten sie hier ein Asylantenheim hinstellen", erzählt Pirinçci. Das sei dann aber gescheitert. Am Protest der Bewohner. "Wissen Sie, was die gesagt haben? Die Asylanten können sich bei uns nicht richtig einleben. Weil es hier doch zu wenige Ausländer gibt." Also sei das Heim woanders hingestellt worden. Pirinçci lächelt grimmig. Die Mittelmeerinsel Lampedusa, vor der alle paar Wochen verzweifelte afrikanische Flüchtlinge elendig im Meer ersaufen, sei für seine Bonner Nachbarn eine Art europäisches Guantanamo. Über die Asylpolitik der EU könnten sie sich abends in den Lokalen rund um die feine Poppelsdorfer Allee lange und sehr eloquent aufregen. Aber wehe, die Konsequenzen der eigenen Überzeugungen erreichen das heimische Viertel.

Der Spaziergang ist zu Ende. Wir stehen vor Pirinçcis Haus: vier Stockwerke aus dem späten 19. Jahrhundert mit Garten in bester Lage. An der Rückseite hat der Hausbesitzer die halbe Fassade weggerissen, um eine gewaltige Glasscheibe einzusetzen. Seitdem kann er auch von seiner frei stehenden Badewanne im Obergeschoss aus in den Garten gucken.

Was ist ein Rassist?

"Fuck You Money" nennen die Amerikaner das, was Pirinçci hat. Genug Geld, um zu leben, wie man will, ohne irgendwem Rechenschaft ablegen zu müssen. "Felidae", sagt der Schriftsteller, habe sich allein in Deutschland zwei Millionen Mal verkauft, außerdem sei der Katzenkrimi in fast jede Sprache übersetzt worden. So ein Erfolg befreit, auch publizistisch. Wer als Autor keiner lohnabhängigen Beschäftigung nachgehen muss, kann tatsächlich schreiben, was er will.

Er habe sein Buch nicht für seine Nachbarn aus der Südstadt geschrieben, sagt Pirinçci, sondern für die sogenannte schweigende Masse. Nach der Veröffentlichung von "Das Schlachten hat begonnen" hätten ihm Tausende geschrieben, darunter viele Eltern. Sie hätten ihm erzählt, wie wenig die angeblich allgegenwärtige deutsche Fremdenfeindlichkeit mit ihrer Lebensrealität zu tun hätte. Nicht die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund würden auf den Schulhöfen und Straßen heute beleidigt und verprügelt, sondern die kleinen Bio-Deutschen, die "blonden Opfer" und "Kartoffeln". Aber, sagt Pirinçci, das sei eine Realität, die vom Alltag der tonangebenden Schicht in diesem Land so weit entfernt sei wie die Flüchtlinge von Lampedusa.

Wer Pirinçcis Buch liest und darin nicht nur nach heiklen Stellen sucht, wird mehr als einmal zum Denken angeregt. Auf das Thema Ausländerfeindlichkeit, zum Beispiel, hat der Autor eine ganz und gar andere Sicht als die migrationshintergrundfreie Mehrheitsgesellschaft. Was ist ein Rassist? Die Frage zieht sich durchs Buch. Ein Mensch, der an einen Fremden die gleichen Ansprüche stellt wie an einen Einheimischen und ihm dadurch auf Augenhöhe begegnet? Oder einer, der ihn wie ein unmündiges und schutzbedürftiges Kind behandelt?

Hingerissen von der Rücksichtslosigkeit

Dann das Thema Steuern. Im Kapitel "Angst ist eine Entscheidung" stellt der Autor die Frage nach dem Recht des Staates, dem wirtschaftlich aktiven Teil seiner Bürger etwa die Hälfte ihres Geld wegzunehmen. Das tut er auf eine so grundsätzliche und drastische Weise, dass einem als links der Mitte sozialisierten Geburtsdeutschen die Spucke wegbleibt. Solche radikalliberalen, an Anarchisten wie Max Stirner erinnernden Töne hört man heute kaum noch. Nicht auf Deutsch.

Man blättert, man grinst, man ist hier und da hingerissen von der Rücksichtslosigkeit in der Analyse und den vielen wilden Ideen. Zwischendurch philosophiert Pirinçci über Kindererziehung, witzelt darüber, dass er bald in seine Gummizelle zurück muss und weint in weichen Versen der Liebe seines Lebens nach, die ihn vor eineinhalb Jahren verlassen hat.

Dann gibt es allerdings noch den anderen Pirinçci. Nein, nicht den gefährlichen oder faschistoiden, dem die Stellensucher-Stasi nachjagt. Aber den Nervtötenden. Der mit Formulierungen wie "Ballaballa-Ideen von Nix-Anständiges-studiert-Habenden", "linksdrehende Journalistendarsteller" oder "irre gewordene Ganovenbande aus unserer Politkaste" um sich wirft. Lieber Pirinçci, denkt man beim Lesen, Sie sind eigentlich zu klug und zu sprachgewandt, um Ihre Gedanken mit diesem "Politically Incorrect"-Jargon zu entwerten. Das mag ja bei den Facebook-Fans und AfD-Wählern die Zahl der "Likes" explodieren lassen, aber andere Geister schreckt so etwas ab - und nicht nur die, die Sie für ideologisch verblendet halten.

Abseits des Mainstreams

Für den Manuscriptum-Verlag, bei dem Pirinçcis Buch erscheinen wird, ist die Arbeit mit diesem Autor eine Gratwanderung. Das kleine Unternehmen aus dem nordrhein-westfälischen Waltrop ist noch jung, hat sich aber bereits mit einer Reihe gediegener Titel einen Namen gemacht. Die "Gender"-Streitschrift des FAS-Journalisten Volker Zastrow gehört dazu. Oder "Demokratie. Der Gott, der keiner ist" des Anarchokapitalisten Hans-Hermann Hoppe. Mit solchen Büchern wird man kein Amazon-Chartbreaker. Aber man gewinnt die Sympathie von Lesern, die gerne abseits des Mainstreams schmökern.

Ob die Stammkundschaft einen schreibenden Schlägertyp wie Pirinçci goutiert?

Verlagsleiter Andreas Lombard hat vorsichtshalber schon vor Wochen eine Art Beipackzettel ins Netz gestellt: "Was will Pirinçci?" Darin erklärt er die Brachialität im Ton mit dem "türkischen Temperament" des Autors. Der Text ist nett gemeint, er riecht aber auch ein bisschen nach voller Hose. Wie viele Stellen im Buch er schon entschärft hat, will Lombard nicht verraten. Und Pirinçci sagt, er wisse es nicht. Aber allmählich nervten ihn die Diskussionen. "Der Lombard", sagt er, "macht sich zu viele Sorgen."

Akif Pirinçci hat eigene Sorgen. Das Treffen in Bonn ist fast vorbei, da schlägt der Gastgeber vor, noch in ein Café in der Nähe der Uni zu gehen. Sein "Jagdgebiet" nennt er die Gegend. Wegen der vielen jungen Frauen. Beim Betreten des Lokals bleibt der 54-Jährige dann plötzlich wie versteinert stehen. "Da ist sie", flüstert er und nickt zu einer Kellnerin rüber. Es ist nicht die Blondine vom Handyfoto, sondern eine Dunkelhaarige mit Tattoo am Nacken. Von der habe er doch auch erzählt, flüstert Pirinçci. Das sei die 22-Jährige, mit der er schon wild geflirtet habe und der er, wenn sie ihn ließe, "sofort den Bauch dick machen würde".

Jetzt wird's spannend, denkt der Gast: Dann zeig mal, was du kannst, du türkischer Tiger. Doch es passiert: nichts. Die tätowierte Kellnerin ignoriert den kleinen Schriftsteller auf ganzer Linie. "Das gibt's doch nicht", zischt Pirinçci, als er sich mit seinem Kaffee ans Fenster setzt. Er guckt und guckt, geht aber nicht zu ihr rüber. Erst später, vor dem Café, bricht es aus ihm heraus: "Die kann was erleben."

Deutscher geht's wirklich nicht.

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Quelle:
SZ vom 22.03.2014
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