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Schönheit und Chirurgie:Wenn Chirurgen zu "Providern" werden

Ähnlich reflektiert zeigte sich der plastische Chirurg Hans-Florian Zeilhofer, der am Basler "Hightech-Forschungszentrum für wiederherstellende Chirurgie" einen weltweit einzigartigen interdisziplinären Brain-Trust von Medizinern, Mathematikern, Informatikern und Ingenieuren leitet: Gestützt auf dreidimensionale Computertechnologie werde jede beliebige Zerlegung und Neuzusammensetzung eines Gesichts möglich, in naher Zukunft auch die Gesichtsauswahl nach Katalog. Ethische Probleme und Regelungsbedarf lägen da schon jetzt auf der Hand, wenn "Patienten", die eigentlich keine sind, vom zum "Provider" gewordenen Chirurgen eine Gesichtsveränderung nur deshalb verlangten, um künftig erfolgreicher zu werden.

In Zeilhofers Augen führt das Porträt des Chirurgen als Künstler in die Irre, da letzterer - anders als der Chirurg - sein Werk oft mit Nichts begänne, einem leeren Blatt, einer leeren Leinwand oder einem rohen Marmorblock. Dem wollten die Kunsthistoriker zwar nicht zustimmen, doch konnten sie ihrerseits - wie Jeanette Kohl aus dem kalifornischen Riverside - an der Bildniskunst den Nachweis führen, dass die unter Chirurgen so bewunderten Renaissanceideale von Naturwahrheit und Mimesis sehr viel mehr überlieferten technischen Kunstgriffen und handwerklichen Praktiken als der Phantasie des Künstlers geschuldet sind. Die verbreitete Praxis, skulpturales Material mit Totenmasken zu verknüpfen, die ihren menschlichen Objekten frisch abgenommen wurden, ist nicht weit entfernt von den kunstvollen Modellierungen des Briten Richard Neave, der aus seiner Praxis in der forensischen Gesichtsrekonstruktion berichtete.

Bilder gab es auf dieser Tagung viele zu sehen: Totenschädel in Hülle und Fülle, Kadaverköpfe, mumifizierte und plastifizierte Köpfe, von Kopfjägern abgeschnittene, rituell "bearbeitete" und schließlich auf bizarren Flohmärkten an Schädel sammelnde Chirurgen wie den New Yorker James T. Goodrich verkaufte Köpfe, Bilder von Gesichtern mit schrecklichen Missbildungen oder Verletzungen sowie Demonstrationen von Operationen am offenen Schädel.

Was die Gastgeberin Sigrid Weigel in die Diskussion einwarf - "je mehr Bilder (images) im Spiel sind, desto mehr werden unbewusste Voraussetzungen mitransportiert" -, das gilt womöglich nicht nur für den Anteil der Intuition und des Wissens aus vorwissenschaftlichen Beständen an der handwerklichen Kunst des Chirurgen, sondern berührt auch diese Konferenz in ihrem Bildgebrauch: Der unter dem Label von "Kulturwissenschaft" grassierende Voyeurismus huldigt mit seinen PowerPoint-Darbietungen der Bildmagie und lässt als Unausgesprochenes durch die Hintertür wieder herein, was die Kulturwissenschaft längst hinter sich gelassen haben will und wovor sie die Lebenswissenschaften nunmehr warnen möchte.

Wie unter solcher Wiederkehr eines magischen Bildzaubers die Diskurse verfallen, demonstrierte unfreiwillig ein Vortrag des ZfL-Mitarbeiters Simon Strick, der ellenlange Passagen aus den Schriften von Rudolf Virchow zitierte - in englischen Übersetzungen, die er per PowerPoint auf die Leinwand projizierte, als hätte der berühmte Berliner Arzt und Chirurg schon das neuere akademische Tagungsesperanto gepflegt. Die Chirurgen bewiesen ungleich mehr Nachdenklichkeit, Skepsis und Reflektiertheit gegenüber ihrem eigenen Metier.

Ernst-Johannes Haberl erklärte es zum Desiderat für den Chirurgen und zum Maß bewusster Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Tun, "von anderen Disziplinen gewissermaßen beaufsichtigt zu werden". Auch der naive Glaube an Informationstechnologien und Internet-Data erweist sich Haberl zufolge spätestens dann als obsolet, wenn der Arzt im Patientengespräch die emotionale Hauptsache berührt: Da käme niemand, um bloße Informationen einzuholen, sondern weil er eine helfende Hand benötige und auch bekommen sollte. Kurz, Ethos ist gefragt - und humane Kompetenz, und dafür bedarf es keiner philosophierenden Ethikkommissionen.

© SZ vom 15.11.2012/ihe
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