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10. Todestag von Christoph Schlingensief:Der freilaufende Schmerzpunkt-Forscher

10. Todestag Christoph Schlingensief

Zum 10. Todestag von Christoph Schlingensief - im Bild in Burkina Faso neben Francis Kere, dem Architekten des 'Operndorfes' - erscheint ein berührender Interviewband.

(Foto: dpa)

Eine neue Interview-Sammlung von Christoph Schlingensief ist eine Art Selbstporträt im Crash mit der Wirklichkeit - und lässt ahnen, warum Gespräche mit diesem Künstler so glücklich machten.

Von Peter Laudenbach

Der Anfang ist großartig. Die ersten Sätze des ersten Interviews, 1984, mit 24 Jahren, in einem obskuren Mülheimer Stadtmagazin (Ortszeit Nr. 9), funktionieren wie eine Urszene der später manisch abgefeuerten Interviewparolen. Christoph Schlingensief wird sie in den folgenden Jahrzehnten zusammen mit seinen Film-Theater-Opern-Installations-Künsten weitertreiben und in immer neue Umlaufbahnen schießen. Aber wie die Beatles die Fortsetzung des Ausprobier-Klampfens zweier Liverpooler Teenager mit erweiterten Mitteln waren, also so etwa das Schönste, was Musikern gelingen kann, blieb Schlingensief sein Leben lang der begeisterte Super-8-Filmer seiner Jugend: Großer Spaß!

Auch wenn in diesem Selbstexperiment die Mittel ausgreifender und raffinierter, die Bühnen größer, die Themen monströser, politischer und persönlicher wurden, es gibt keinen Bruch zwischen den Spielen des Anfängers und den Werken des Theater-und Filmextremisten. Völlig zu Recht nimmt deshalb die Filmgalerie 451 erste filmische Versuche, Selbstporträts des Künstlers als sehr junger Mann, in ihre verdienstvolle Schlingensief-Werkedition auf.

Man sieht, wie das Kind Christoph eine Schulklasse fröhlich sadistisch herumkommandiert und dabei die Autoritätsrolle als Lehrer gleichzeitig auskostet, parodiert und verhöhnt. Exakt so funktionieren seine späteren Auftritte, egal ob als Parteigründer ("Chance 2000"), Documenta-Schocker ("Tötet Helmut Kohl!"), Hardcore-Showmaster ("Ordnen Sie diese KZs von Nord nach Süd") oder Seelenretter bei der Hamburger Bahnhofsmission ("Ein Blick in das Gesicht, eines Menschen, dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend"). Wie in der kindlichen Performance schon die grandiosen (und grandios verstörenden) Volksbühnen-Auftritte angelegt sind, grüßt auf der großen Leinwand in den Grenzverletzungskünsten des unerschrockenen Blut-Sperma-Hakenkreuz-Geschlechtsteil-Splatter-Virtuosen immer auch der gutkleinbürgerliche Apothekersohn und gläubige Katholik aus der Großstadt im Ruhrgebiet: Wir spielen, bis der Tod uns abholt.

Nach Interviews mit Schlingensief war man meistens ein wenig verwirrt

Christoph Schlingensiefs Interviews waren die Fortsetzung seiner Kunst mit anderen Mitteln, Performances, ausufernde Selbstgespräche, Gedankenstartrampen und lustige, eher ungeschützte Gespräche, die selbst im Funktionsrahmen eines mehr oder weniger professionell absolvierten Interviews sofort persönlich wurden. Danach war man meistens ein wenig verwirrt (meint der das alles ernst?). Aber unbedingt und auf jeden Fall war man nach jeder Begegnung, in Berlin, in Bayreuth, in Manaus, in seiner Hamburger Bahnhofsmission sehr gut gelaunt: Das Leben war schön nach der Begegnung mit der erstaunlichen Freiheit dieses Künstlers. Christoph Schlingensief, dem großherzigsten Menschen der Welt, zumindest der Theaterwelt, dabei zuzuhören, wie er seine Gedanken, Abschweifungen, Witze, frei erfundenen Zitate, Gefühlsschübe und Peinlichkeiten produzierte, war ein großes Geschenk.

Das erste Gespräch also der jetzt erschienenen Interviewsammlung ("Kein falsches Wort jetzt", Verlag Kiepenheuer & Witsch), die Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz anlässlich seines zehnten Todestags herausgegeben hat, die Urszene, startet mit einer Ansage. Der Underground-Jungfilmer probiert die Rolle des Großregisseurs aus: "Fragen müssen korrekt gestellt sein, ja?! Sonst sag' ich hier gar nichts." Es folgt, wie als Regieanweisung an sich selbst, ein Versprechen: "Ich verrate nichts."

Das ist lustig, weil Schlingensief immer alles ausgeplaudert hat. Von den Bildstörungen, die er mit seinem gesamten Werk an dem Bild vornimmt, das sich dieses Land sich von sich selbst macht, konnte er in Interviews nahtlos zur Augenkrankheit seines Vaters wechseln: "Der hat jetzt permanent den totalen Experimentalfilm."

In aller Bescheidenheit erklärte der 24-Jährige in seinem ersten Auftritt auf der Interviewbühne seine Abgrenzung von allem, was damals als deutsches Kunstkino durchging: "Ich verstehe mich nicht so wie die Regisseure des Neuen Deutschen Films; als jemand, der monatelang gelitten hat, um an einer Geschichte, einer Theorie oder einer Sozialkritik zu basteln und dann nach draußen zu treten und zu sagen: Nur durch mich konnten diese Missstände aufgedeckt werden. Also ein neurotischer Regisseur, der nicht zugibt, neurotisch zu sein. Ich sage damit nicht, dass ich nicht neurotisch bin. (Schreit) Ja, ich habe mehrere Neurosen, Zwangsneurosen." Rumms.

"Es gibt keine klare Botschaft! Wer das für sich in Anspruch nimmt, der lügt."

Das war eine unterhaltsame Selbstinszenierung: Neurosen muss man ausstellen und nicht hinter Seriositätsdemonstrationen verbergen! In der Feier persönlicher Verstörtheiten als künstlerischer Ressource wie in der Abgrenzung zum sozialdemokratischen Betroffenheitskino dieser Jahre formulierte er ein Programm, das es in sich hat. Kunst mit einem Meinungstransportmittel und dem Beweis korrekter Gesinnung zu verwechseln, blieb ihm sein Leben lang fremd: "Eine kritische Position gibt es in dem Sinne nicht, dass ich dir jetzt etwas auf den Tisch knalle und sage, dass ich mich da- oder dagegen wende. Es gibt keine klare Botschaft! Wer das für sich in Anspruch nimmt, der lügt", erklärte er 1994. Diese Kohärenz der Haltung, nebenbei auch die immer mitlaufende Konsequenz eines beinharten Moralisten, für den "Behinderte", Obdachlose oder sonst wie Marginalisierte jederzeit mindestens so wichtig waren wie Kulturbetriebsmachthaber, macht die Interviews aus 26 Jahren zu einer Art Manifest.

Schlingensief, der freilaufende Schmerzpunkt-Forscher, bekam die Reflexe eines liberalen Juste milieu zu spüren. Es attestierte ihm im Vollgefühl der eigenen moralischen Überlegenheit sehr von oben herab alles Mögliche, von Menschenverachtung bis zum dümmsten aller dummen Abwehrreflexe, der Unterstellung, es ginge ihm um die Provokation als Selbstvermarktungsstrategie.

So wie diese Interviewsammlung eine Art Selbstporträt im Crash mit der Wirklichkeit zeichnet, porträtiert sie indirekt auch die Fragenden. Einer der Interviewer gefällt sich stellvertretend für die Borniertheit des saturierten Meinungsspießertums in der Rolle des Inquisitors und Durchblickers, wenn er seine Ressentiments verführt: "Reiten Sie nicht einfach auf der uralten Tabubrecher-Masche herum, im Stil der Sechziger- und Siebzigerjahre?" Vieles an Schlingensiefs Aktionen kann man pubertär finden. Er wäre der Letzte gewesen, der das bestritten hätte. Aber erstens ist Genie, laut Goethe, nur die Fortsetzung der Pubertät mit anderen Mitteln. Und zweitens sah er, indem er sich sehr pubertär auf die schmutzigen Stellen stürzte, zum Beispiel auf die schmutzigen Stellen in diesem Land und dessen Geschichte, ziemlich klar. Die Illusion, dass diese Demokratie rückstandslos funktioniert und die Verbrechen der Nationalsozialisten nur Geschichtsstoff wären, hatte der Spezialist für mentalen Giftmüll nicht nötig.

© SZ vom 21.08.2020/tmh
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