bedeckt München 23°
vgwortpixel

Schauspielerin Käthe Reichel gestorben:Brechts Johanna

Sie war nimmermüde in ihrer Energie und ihrem Engagement - und nach Meinung von Bertold Brecht "eine der begabtesten Schauspielerinnen des Berliner Ensembles". Nun ist die große Schauspielerin Käthe Reichel ist gestorben.

Sie war eine der ganz großen Brecht-Schauspielerinnen. Als der Meister sie 1950 "entdeckte", war sie gerade einmal 24 Jahre alt, eine junge Provinzschauspielerin ohne Schauspielausbildung, gelernte Textilkauffrau, unter dem Namen Waltraut Reichelt geboren am 3. März 1926 in Berlin: die später berühmte Käthe Reichel, von Bertolt Brecht selbst als "eine der begabtesten Schauspielerinnen des Berliner Ensembles" bezeichnet.

Schauspielerin Kaethe Reichel gestorben

Käthe Reichel im März 2007 in Leipzig bei einer Lesung. Die Schauspielerin meldete sich stets zu Wort, wenn sie irgendwo Unrecht am Walten sah.

(Foto: dapd)

Sie war seine Schülerin, eine sehr begabte und sehr gelehrige: "Die Bücher des Dichters Bertolt Brecht sind meine Bank, von der ich mir jeden Morgen meine Zinsen hole, wie andere Leute ihre Brötchen vom Bäcker", schreibt Käthe Reichel in ihrem Kindheits-Erinnerungsbuch "Dämmerstunde".

Am Berliner Ensemble, an das sie Brecht 1950 geholt hatte, spielte die kleine zierliche und doch immer so zähe, so unendlich klare und scharfe Käthe Reichel jene ersten Rollen, die sie bekannt machten, darunter das Gretchen im "Urfaust" in Egon Monks Regie und die Shen Te/Shui Ta in Brechts "Der gute Mensch von Sezuan" in der Regie von Benno Besson (1957). 1961 wechselte sie ans Deutschen Theater in Ostberlin, wo sie weiterhin mit Besson zusammenarbeitete, aber auch mit anderen namhaften DDR-Regisseuren wie Wolfgang Langhoff - bei dem sie Lessings "Minna" spielte - oder Adolf Dresen; später, in den achtziger und neunziger Jahren, sah man sie auch in vielen Inszenierungen von Thomas Langhoff.

Käthe Reichels erklärte Lieblingsrolle war die Johanna in Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", die sie 1961 in Stuttgart unter Besson und später noch öfters in ihrem Leben spielte, etwa in Frankfurt, Cottbus und Rostock. Auch in Bernard Shaws "Heiliger Johanna" erkundete sie diese Figur (in Mannheim und Wuppertal), und noch im hohen Alter trug sie den Johanna-Stoff als Ein-Personen-Stück vor.

Überhaupt war Käthe Reichel, diese überzeugte Kommunistin, eine nimmermüde, in ihrer Energie und ihrem Engagement unerschöpfliche Künstlerin, die sich stets zu Wort meldete, wenn sie irgendwo Unrecht am Walten sah. Reichel setzte sich für die Bürgerrechte in der DDR ein, protestierte 1976 gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann, sammelte Geld für neue Häuser im zerstörten Vietnam, und während der Wendezeit hielt sie bei der historischen Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz eine Rede für Freiheit und Demokratie.

50 Jahre in der Nähe von Brechts Sommerhaus

Im wiedervereinigten Deutschland hungerte sie mit den um ihre Arbeitsplätze kämpfenden Kali-Kumpeln von Bischofferode. Ob Golfkrieg, Tschetschenien oder neuer Rechtsradikalismus - Käthe Reichel setzte sich immer ein für Frieden und Freiheit.

Brecht hatte sie einst in der Nähe seines Sommersitzes in Buckow untergebracht. Rund fünfzig Jahre wohnte sie dort. In Buckow starb sie nun 86-jährig in der Nacht zum Freitag.