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Schauplatz London:Verrückt, aber noch lebendig

Die PR-Maschine in London läuft auf Hochtouren - der bekannteste Jazzclub des Königreichs wird 60. Wer aufregenden Jazz hören will, geht heute aber nicht mehr ins Ronnie Scott's.

Zurzeit laufen die Vorbereitungen heiß für die große Geburtstagsfeier in der Frith Street in Soho: Ronnie Scott's wird 60, und das bedeutet, dass der bekannteste Jazzclub des Königreichs, in dem die Großen der Welt aufgetreten sind und immer noch auftreten, richtig groß aufdreht.

Der eigentliche Gründungstermin liegt auf dem 30. Oktober; Ronnie Scott, eine Legende in der Stadt, ein guter Musiker und gefürchteter Witzeerzähler, hatte den Club gemeinsam mit seinem Freund Pete King Ende Oktober 1959 in der Gerrard Street gegründet, 1965 war man dann in die Nähe des Soho Square umgezogen.

Aber weil Ronnie's eben Ronnie's ist, weil langjährige Mitglieder es erwarten und Jazz-Touristen sich daran erfreuen, wird ausgiebig gefeiert, bereits im Juli hatte es eine erste Straßenparty gegeben. Für den Oktober ist eine Gala in der berühmten Royal Albert Hall geplant; im Alexandra Palace, einem etwas heruntergekommenen Vergnügungspalast im Norden, steigt ein Sonderkonzert - die PR-Maschine läuft, denn die Profis im Management wissen, wie man feiert.

Aber genau das ist auch das Problem des berühmten Clubs, in dem die Fotos an den Wänden von jenen Zeiten zeugen, in denen Ella Fitzgerald, Anita O'Day, Nina Simone und Chet Baker hier aufgetreten sind, oder später Jamie Cullum, Wynton Marsalis, Chick Corea und George Benson. Ronnie's war richtig groß, als der Jazz richtig groß war. Es gab, berichten alte Fans, ungeplante Sessions, stundenlange Gigs, große Besäufnisse und viel Spontanität. Heute bietet der Club zwei bis drei Shows am Tag, die Zeiten, in denen Gäste ankommen, ihren Mantel aufhängen, essen und trinken, zuhören und bezahlen dürfen, sind genau abgezirkelt, und wer Kreativität sucht, muss schon nach oben in den ersten Stock (upstairs@Ronnie's genannt) gehen, wo es keine Touristenpreise und ab und zu echte Nerds gibt, die aufspielen.

Die Jazzszene hat sich in London längst von den etablierten Clubs wegbewegt. Wer es persönlich und überschaubar will und trotzdem hohe Qualität erwartet, geht beispielsweise in den winzigen Hampstead Jazz Club, wo in einem dunklen Kneipenkeller, in den gerade mal 50 Zuhörer passen, durchaus auch mal jene Stars auftreten, die man sonst bei Ronnie Scott's hören kann. Im Eingang steht der Gründer, Mayank Patel, und begrüßt die Gäste persönlich, er produziert und netzwerkt und macht den Platzanweiser genauso wie den Ansager. Im den Jazzclubs in Camden und Brixton gibt es wahlweise Cool Jazz, Jazzfunk und Bebop zu hören oder jazzigen Reggae. Und bei "Tomorrow's Warriors", einer auf die Entdeckung und Förderung von Nachwuchsmusikern konzentrierten Organisation, die auch produziert und Konzerte veranstaltet, kann man manchmal für acht Pfund am Abend die Talente von morgen hören.

Ronnie Scott, der 1996 gestorben ist, hat selbst Tenorsaxophon gespielt; langjährige Gäste können sich noch gut erinnern, wie er von Reisen die neuesten Trends mitbrachte, Charlie Parker für sich entdeckte oder Zoot Sims anschleppte. Er spielte in einer Big Band und einem Oktett. Charles Mingus soll über ihn gesagt haben, unter den weißen Jungs sei er der schwärzeste gewesen. Seine Frau und seine Tochter haben später ein Buch über ihn gemacht, das auch eine Liebeserklärung an seine Musik ist: "A Fine Kind of Madness" (Eine schöne Art, verrückt zu sein). Ronnie Scott ist tot, der Club ist, wiewohl unter neuem Management, in die Jahre gekommen. Aber der Jazz lebt.