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Schauplatz Istanbul:Ein Engel aus Küchenkaro

Eine Schau im Museum "Modern" thematisiert die Migration in der Türkei. Es geht auch um Sehnsucht.

In Istanbul existiert das Urbane gleich neben dem Ländlichen. Vor einem eleganten Supermarkt, voll mit teurer Importware, nah am zentralen Taksim-Platz, steht ein Melonenhändler, der seine Früchte auf einen Pferdewagen geladen hat. Die große Zuwanderung in die Metropole am Bosporus begann in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie hält bis heute an, sie hat nur an Dramatik verloren. Aber jeder, der in Istanbul lebt, wird täglich daran erinnert, dass die Türkei ebenso ein Land der kleinen Leute wie des großen Geldes ist.

Die Künstlerin Gülsün Karamustafa hat den Kulturmix, der aus der Binnenmigration entstanden ist, in textilen Kompositionen verarbeitet. "Melek", Engel, heißt eines ihrer Werke, es ist (bis 18. August) im Museum "Istanbul Modern" zu sehen. Der Engel trägt die Sehnsucht nach den verlassenen Bergen und Wäldern unter seinen Flügeln, sein Körper besteht aus Küchenschürzenstoff mit Rosenmuster. Die Symbolik ist so schlicht wie eindrücklich, die Nadelarbeit entstand bereits 1984. Die Ausstellung mit dem Titel "The Event of a Thread" orientiert sich an der Bauhaus-Künstlerin Anni Albers, die Webkunst als globales Geschichtenerzählen verstand. Die Türkin Sabire Susuz, geboren 1967, bringt dies mit "Shopping" auf den Punkt. Sie braucht dazu nicht mal einen Faden, ihr Puzzle wird von Stecknadeln gehalten. Es besteht aus den Etiketten, die in Markenkleidern Individualität suggerieren. Entstanden ist das textile Abbild eines Riesenhais, plastisch, geradezu erschreckend echt. Die Anregung für den "großen Fisch, der die kleinen frisst", kam der Künstlerin nach dem Besuch der riesigen Einkaufszentren, von denen es in Istanbul mehr gibt als andernorts in Europa.

Hinter dem "Istanbul Modern" steht ein Mäzen, alle großen privaten Ausstellungsorte in Istanbul sind von Stiftungen finanziert, die sich bekannte Unternehmerfamilien leisten. Das ist gut für das Image, und die Stadt wäre ohne dieses Engagement weit ärmer an moderner Kunst.

Die Fotoabteilung des Museums widmet sich einem Klassiker: dem 2018 mit 90 Jahren verstorbenen Meisterfotografen Ara Güler. Der Türke mit armenischen Wurzeln hat seit den Fünfzigerjahren die dunklen Ecken seiner Stadt mit der Leica erforscht. Gülers Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Galatabrücke oder der Straßenbahn im Schnee (die Schienen kreuzt ein Pferd) sind selbst Teil der Geschichte Istanbuls geworden. Kaum ein Besucher, der diese Orte vor der persönlichen Begegnung nicht schon auf einem Güler-Foto gesehen hat. Die Bilder erzählen auch davon, dass die Stadt schon vor der großen Migrationswelle eine breite Unter- und nur eine dünne Oberschicht hatte. Zu sehen sind (bis 17. November) auch eher unbekannte Bilder, sie laufen auf zwei Schirmen im Wechsel. Ältere Türken verharren davor lange, sie versuchen, die Gebäude und Straßen in ihrer Erinnerung zu finden. Die Ausstellungsmacher haben dazu den Satz geschrieben: "Städte sind Räume, in denen das kollektive Gedächtnis geprägt und beständig aktualisiert wird." Wie wahr.