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Schauplatz Cesena:Im Zeichen des Elefanten

Die Biblioteca Malatestiana war die erste öffentliche Bibliothek der Welt. Dort wird nun eine Ausstellung zum "Kino, das liest" gezeigt - mit auffallend vielen Zeitungslesern, allen voran Marcello Mastroianni.

Von Thomas Steinfeld

Italien ist groß in seinen Kommunen, in den vielen kleinen Städten, die im ganzen Land verstreut und jeweils etwas ganz Eigenes sind. Der Zentralstaat entzog den einst mehr oder minder selbständigen Kommunen die Bedeutung. Dass sie so reizvoll sind, liegt auch daran, dass sich als Schönheit erhält, was früher einmal Herrschaft war. Und auch die Piazza lebt (was Architekten nördlich der Alpen nie verstehen werden) vom Bild einer gebrochenen Souveränität. Weshalb die schönste Piazza Italiens nicht in Siena liegt und schon gar nicht in Florenz, sondern in der tiefsten Provinz: Als Kandidatin für diesen Posten empfiehlt sich zum Beispiel die Piazza del Popolo in Ascoli Piceno mit dem Caffè Meletti in den Marken, der Platz gleichen Namens in Faenza in der Emilia Romagna und, nicht weit davon entfernt und schon wieder dem Volk gewidmet, der zentrale Platz in Cesena. Was immer in dieser Stadt geschieht, wird ein Ereignis auch auf dieser Piazza sein, meistens zum Schauspiel ermäßigt, so dass man damit umgehen kann.

Die Piazza del Popolo in Cesena hat ein Gegenüber. Es ist die Biblioteca Malatestiana, die erste öffentliche Bibliothek der Welt, eröffnet im Jahr 1452. Während Johannes Gutenberg in Mainz die Herstellung von Büchern mechanisierte, ließ Domenico Malatesta (später Malatesta Novello genannt), der Herr der Stadt und eine Kapazität in der Niederschlagung von Aufständen, den kopierten, handgeschriebenen Büchern einen unvergleichlichen Saal errichten - wohl unterrichtet von den technischen Neuerungen, aber sich ihnen entschlossen widersetzend. In zwei Blöcken erstrecken sich die Pulte über eine Länge von über hundert Metern, rechts die theologischen, links die weltlichen Werke, wobei die Bücher jeweils unter dem jeweiligen Pult verwahrt werden, liegend und mit einer Kette an das Holz gebunden, so dass niemand die kostbaren Werke mit nach Hause nehmen konnte. Im Kern unangetastet, doch unendlich oft gebraucht liegt diese Bibliothek mitsamt ihren Büchern seit weit über fünfhundert Jahren da, eine Piazza auch sie und eine gebrochene Schönheit, wenngleich eine, die man nur schweigend durchzieht. Das Wappentier des Malatesta Novello war übrigens der Elefant.

In dieser Bibliothek wird gegenwärtig (und noch bis zum 22. Mai) eine Ausstellung zum "Kino, das liest" gezeigt. Darin sind vor allem Standfotos aus berühmten italienischen Filmen zu sehen, italienische Schauspieler, die lesen - wobei allerdings auffällt, dass die Zeitungslektüre in dieser Ausstellung weitaus prominenter dargestellt wird als das Lesen von Büchern. Marcello Mastroianni scheint, in diversen Filmen, ein besonders aufmerksamer Zeitungsleser gewesen zu sein. Zugleich teilt die im selben Gebäude untergebrachte Stadtbibliothek Cesena mit, im ersten Trimester 2016 habe sich die Zahl ihrer registrierten Besuche auf fast 150 000 Meldungen erhöht, was gegenüber dem Vorjahr ein Plus von über zehn Prozent darstelle. Und nun rätselt der Fremde: Hat sich der Reiz der handgeschriebenen Werke aus der frühen Renaissance erhöht? Verwandeln sich die Italiener in ein lesendes Volk? Gibt es, trotz allem, eine Verbindung zwischen der Gazzetta dello Sport, der berühmten nationalen Tageszeitung für die Leibesübungen, und den großen, dicken, schweren Büchern? Das alles weiß man nicht. Nur eines ist gewiss: Zwischen der Piazza del Popolo und der Biblioteca Malatestiana liegt ein Abstand von nicht mehr als 200 Metern.

© SZ vom 27.04.2016
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