Schauplatz Berlin Von Justin zu Cem

Wer in Berlin den Bezirk wechselt, hat bei den Ämtern, die er nun besuchen muss, keine Wahl. Aber bei seinem Friseur kann er bleiben. Der Umzug ist ein Test für die Beziehung des Kunden zu seinem Lieblingsfriseur. Zum Glück gibt es Cem.

Von Gustav Seibt

Wer in Berlin den Bezirk wechselt, kann zwar bei seinem Hausarzt oder Zahnarzt bleiben, aber er muss sich an ein neues Bürgeramt und ein anderes Finanzamt gewöhnen. Der Umzug von Prenzlauer Berg nach Treptow-Köpenick ist in dieser Hinsicht eindeutig eine Verbesserung, denn der stille Bezirk an der Spree ist, nicht nur an Berliner Standards gemessen, hervorragend verwaltet. Kein Warten, kein Maulen.

Der Friseur aber ist nach dem Umzug ein Grenzfall. Man muss einfach zu oft zum Haareschneiden, um sich dafür auf Dauer regelmäßig in die Ringbahn zu setzen. Wer auf Promi-Friseure gern verzichtet und auch keine anspruchsvolle Fußballerfrisur in Stand halten muss, hat's nicht leicht. Das Berliner Friseurgewerbe ist stark von Ketten mit Franchiseunternehmen geprägt, in jedem Einkaufszentrum, jedem größeren Bahnhof gibt es so einen Laden, oft "Lounge" genannt, oder gar "Barbershop".

Keineswegs immer schlecht sind dort die Leistungen, das Problem ist die hohe Fluktuation. Hat man sich an einen Mirko oder eine Jasmin (alle Namen von der Redaktion geändert) gewöhnt und seine bescheidenen Bedürfnisse endlich zur nicht mehr erklärungsbedürftigen Routine werden lassen, dann sind Mirko und Jasmin in der Hierarchie aufgestiegen, "Top-Stylisten" und "Trainer" in einer glamouröseren "Zentrale" geworden, und man muss mit Laura und Marko von vorn anfangen. Eine bedrückende Aussicht.

Die Lösung wäre der inhabergeführte Friseurladen an der Ecke, aber der ist im Osten eine Rarität geworden. Gentrifizierung, steigende Ladenmieten, der Mindestlohn, man kennt das Lied. Latte macchiato verdient mehr als "cut & go". Immerhin, im weniger teuren Teil von Prenzlauer Berg gibt es diese Einraumläden noch, auch der vielen Kinder wegen. Justin, der das Geschäft von seiner Mutter übernommen hat (die ihn an Wochenenden immer noch unterstützt), war ein verlässlicher Handwerker, der überdies das böse Wort von Karl Kraus, Friseurgespräche seien der unwiderlegliche Beweis dafür, dass die Köpfe der Haare wegen da seien, durchaus nicht bestätigte.

Warum ließ sich der junge Mann einen Bushido-artigen Hipsterbart wachsen?

Justin ist ein aufmerksamer Beobachter seiner sich wandelnden Geschäftsgegend - die soziologische Chance, die der tägliche Nahkontakt mit zwei Dutzend Kunden eröffnet, nutzt er umsichtig. Warum nur ließ sich der eigentlich gut aussehende junge Mann einen Bushido-artigen Hipsterbart wachsen? Er sieht jetzt aus wie ein Araber, dabei wohnte er bis vor kurzem bei seiner Freundin in Königs Wusterhausen. Angeblich billigt eine neue Freundin sein Bartexperiment.

Nach mehreren "Lounge"-Anläufen am Treptower Park also ein neuer Versuch im benachbarten Neukölln. Denn dort gibt es die kleinen Friseurläden zu Hauf - gerade der mit Migrationshintergrund ausgestattete Kunde des Herrenfriseurs ist oft ambitioniert frisiert. Zu ambitioniert? Diese Frage stellt sich gleich beim ersten Geschäft im arabischen Abschnitt der Sonnenallee, wo verwegene Undercuts in Serie entstehen. "Cems Frisuren" dagegen wirkt erfreulich bieder, der Laden wiederholt die in Prenzlauer Berg erprobte Mutter-Sohn-Struktur auf türkisch.

Cems Mutter hört geduldig zu und lässt sich von einer scharfen Seitenrasur abbringen, obwohl man doch keineswegs zu alt dafür sei. Was, schon über fünfzig? "Na, dann haben Sie aber einen leichten Beruf!" Sie meinte aber nur: keine harte körperliche Arbeit. Da hat sie recht. Wenn der Weg von Justin zu Cem abgeschlossen ist, haben wir ein Problem weniger.