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Schauplatz Berlin :Noch einmal Tempelhofer Feld

Angesichts der Notwendigkeit, Flüchtlinge unterzubringen, will der Berliner Senat den Volksentscheid gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes kippen. Aber die Pläne sind unausgegoren.

Noch einmal entzweit der Streit um das Tempelhofer Feld die Stadtgesellschaft. Im Mai 2014 hatten rund 739 000 Berliner dafür gestimmt, die 335 Hektar umfassende Freifläche auf dem Gelände des geschlossenen Flughafens ganz und für immer frei zu lassen - für Sport und Spiel, Großstadtjux und urbane Tollerei. Vielen gefällt das. Nun hat der Senat einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine temporäre Bebauung für die Jahre bis 2019 ermöglichen soll: provisorische Flüchtlingsunterkünfte auf vier festgelegten Flächen. Anfang des kommenden Jahres schon soll am Tempelhofer Damm eine Traglufthalle aufgestellt werden, rund 800 Flüchtlinge könnte man in ihr irgendwie unterbringen. Die Initiative "100 Prozent Tempelhofer Feld" wehrt sich dagegen, nicht weil sie Flüchtlinge ablehnt, nicht weil ihr deren Schicksal gleichgültig ist, sondern weil sie die Lösung für falsch hält und diesem Senat grundsätzlich misstraut. Sie spricht von einem "Frontalangriff auf die Demokratie" und weist darauf hin, dass die stärkste Partei, die SPD, bei den letzten Wahlen zum Abgeordnetenhaus 2011 nur 454 000 Erststimmen erhielt, sehr viel weniger als die Freunde der Tempelhofer Freiheit mobil machen konnten. 2014 argumentierten sie gegen den Stadtentwicklungssenator Michael Müller, der nun als Wowereit-Nachfolger Regierender Bürgermeister ist.

Am Donnerstagnachmittag hat das Abgeordnetenhaus in aufgeheizter Stimmung über den Gesetzentwurf beraten. Auch wer 2014 für die Bebauung gestimmt hat und überhaupt ein anderes Berlin will als die Engagierten des Volksentscheids, hat gute Gründe, die Pläne des Senats abenteuerlich, waghalsig, verantwortungslos zu finden. Wieder einmal scheint der Senat mit dem Management des Alltags, zu dem 800 neu ankommende Flüchtlinge täglich gehören, überfordert. Wieder einmal scheint jede Fühlung zu den verschiedensten Berliner Milieus zu fehlen. Stattdessen: Notstandsrhetorik. In den Tempelhofer Hangars vegetieren jetzt schon Flüchtlinge unter unzumutbaren Bedingungen. An den Rändern des Feldes fehlt Infrastruktur. Warum dort Massenunterkünfte errichten, in denen alles schiefgehen muss? Warum werden nicht leer stehende Gebäude in der Stadt zur dezentralen Unterbringung ertüchtigt? "Tempelhof ist eine Verzweiflungsstrategie", sagte Antje Kapek von den Grünen im Abgeordnetenhaus. Am 10. Dezember stimmt es über das Änderungsgesetz ab.