Schauplatz Berlin Gewaltraum Fahrradweg

Am Montag ist wieder einmal eine Radfahrerin von einem Lastwagen getötet worden. Sie kam aus Tübingen und hatte keine Chance. In Berlin sind die Radwege rechtsfreier Raum.

Von Gustav Seibt

Am Montag wurde in Berlin wieder einmal eine Fahrradfahrerin getötet, der vierzehnte Radler in diesem Jahr. Die junge Frau wurde von einem nach rechts abbiegenden Lastwagen umgebracht. Vier andere starben, weil die links vorbeifahrenden Autos nicht genügend Abstand hielten. Dafür gibt es die bekannten Erklärungen (tote Sichtwinkel, fehlende Rückspiegel, Rücksichtslosigkeit), aber eine der interessanteren ist kulturell: Die tötenden Trucker kommen oft aus Ländern, in denen man an selbstbewusste Fahrradfahrer, die ihre Rechte nach der Straßenverkehrsordnung wahrnehmen, nicht gewöhnt ist.

Der Trucker steht unter Druck, er ist müde und gehetzt, also fährt er über Gelb oder Rot, brettert um die Kurve, er baut darauf, dass der Fahrradfahrer als der Schwächere sich an der Situation orientiert und nicht an der Rechtsordnung. Er wird schon kuschen. Denn es ist ja sinnlos, recht zu haben und zu sterben, denkt der Trucker und tritt aufs Gaspedal.

Der am Montag tötende Fahrer kam aus Spanien, die getötete Frau stammte aus Tübingen. Tübingen! Da radelt man vermutlich versonnen geradeaus, mit Knopf im Ohr, um Gedichten zu lauschen, und glaubt, dass alle sich richtig verhalten. Friede auf Erden. Das kann ein Frischetransporter aus Spanien natürlich nicht ahnen. Wird der Fahrer danach seines Lebens noch froh? Hat er überhaupt eine Wahl? Seinen Führerschein muss er vermutlich nicht abgeben, denn "auf den sind Sie ja angewiesen", wie Berliner Gerichte in solchen Fällen einfühlsam urteilen.

Überraschend schnell können sich friedliche, zivilisierte Menschen in Bluträusche hineinsteigern

Auch normale Autofahrer, die im Recht sind, werden womöglich ihres Lebens nicht mehr froh, wenn sie einen Fahrradfahrer umgebracht haben. Denn auch das kommt oft vor. Bodenständig sozialisierte Berliner Radler leisten sich die ungeheuerlichsten Manöver, von denen jedes tausendste schiefgeht. Dazu verführt sie der rechtsfreie Raum, zu dem in Berlin die Fahrradstreifen ganz allgemein geworden sind. Diese sind nämlich längst Standspuren für Lieferanten, Taxis, Doppelparker, sogar für doppelstöckige Touristenbusse, deren betagte Kundschaft mal schnell aussteigen und ein paar Fotos machen will.

Da selbst bei solchen haarsträubenden Regelverletzungen niemand einschreitet, hat der Radler den Eindruck, dass die Rechtsordnung für ihn nicht gilt. Er enttübingisiert sich reißend und wird zum Berliner Risikoradler. Inzwischen beklagen sich ältere Fußgänger völlig zu Recht genauso über die Radler wie diese über die Trucker. Das Gesetz des Stärkeren wird nach unten weitergereicht. Radler, denen die Fahrspuren zugeparkt werden, weichen auf die Gehwege aus. Der Kampf der Radlerkulturen wird zur Versuchsanordnung zum Thema Gewaltmonopol.

Gewalttätigkeit ist, so weiß es der Berliner Historiker und Sozialphilosoph Jörg Baberowski, weniger eine Frage des Charakters als der Situation und der Gelegenheit. Gewalt entsteht in Gewalträumen, so Baberowskis These. Ist der Raum einmal eröffnet, können sich zuvor friedliche und zivilisierte Menschen in erschreckende Bluträusche hineinsteigern. Binnen Minuten wird die Wut grenzenlos, das Chaos lockt mit dem "großen 'Du-darfst'" (Jan Philipp Reemtsma), Blut schießt in Kopf und Waden, das Gesicht verzerrt sich im Gebrüll wüster Beschimpfungen, der Lenker tanzt gefährlich, zugleich werden die Gaspedale der Autofahrer zu Pedalen am Klavier der Emotionen.

Unterdessen tagt irgendwo eine Bezirksversammlung und nickt versonnen zu dem Satz einer grünen Stadtverordneten: "Polizei allein kann es auch nicht sein."