Sarkozy und die Medien:Die Rache des Chefredakteurs

Lesezeit: 3 min

Der ehemalige Chef des Magazins Paris Match rechnet in einem Buch mit Frankreichs Präsidenten ab: Er sei entlassen worden, weil er Fotos von Sarkozys turtelnder Frau gezeigt habe - mit ihrer damaligen Affäre.

Michael Kläsgen

Wer in Frankreich Bösartigkeiten zu verbreiten hat, schreibt ein Buch. An diesem Dienstag erschien das 147-Seiten-Werk des ehemaligen Chefredakteurs von Paris Match, Alain Genestar. Der Titel: "Expulsion" - zu Deutsch Rauswurf, was aber auch Abrechnung heißen könnte. Denn eine solche ist es, und zwar mit dem Präsidenten der Republik.

Genestar macht Nicolas Sarkozy dafür verantwortlich, entlassen worden zu sein - wegen einer Titelgeschichte über die Liebesaffäre von Sarkozys ehemaliger Frau Cécilia mit dem Werbemanager Richard Attias, mit dem sie heute verheiratet ist.

Öffentliches Turteln

Genestar legt haarklein dar, warum er entschied, Ende August 2005 eine sechsseitige Fotoreportage plus Titelbild über die beiden öffentlich Turtelnden zu bringen. Nicht Antipathie gegen Sarkozy habe ihn getrieben, was für einen Chefredakteur des zahmen Glamour-Blatts auch verwunderlich gewesen wäre, sondern journalistisches und unternehmerisches Pflichtgefühl. So stellt Genestar es jedenfalls dar.

Cécilias Seitensprung sei seit Wochen ein offenes Geheimnis gewesen und in der Presse mehrfach breitgetreten worden. Doch noch kein Medium habe Fotos veröffentlicht gehabt, auch Paris Match nicht, obwohl die Zeitschrift für viel Geld die Rechte daran gekauft hatte. Erst als eine Privatperson Cécilia und ihren Liebhaber an der Côte d'Azur ablichtete und die Fotos breitflächig an die Presse verkaufte, musste Paris Match quasi die Geschichte bringen, so Genestar, um am Ende nicht der Gelackmeierte zu sein.

Ehe die Ausgabe am Kiosk lag, rief er sogar Verlagschef Arnaud Lagardère an und unterrichtete auch Sarkozy, mit dem er sich duzt. Doch Letzterer war für Genestar nicht mehr zu sprechen, drei Tage lang. Am Sonntag um 15 Uhr solle er ihn anrufen, teilte Sarkozys Büro mit. Was Genestar dann beschreibt, hat die Qualität einer Enthüllung. Denn Sarkozy hat stets jegliche Einflussnahme bestritten, und ob es dieses Telefonat tatsächlich gab, stand ebenfalls nicht fest.

Eiskalt

"In meinem Leben hatte ich ein solches Telefongespräch noch nicht geführt", erinnert sich Genestar, "es war eher ein Monolog oder besser noch ein einziger langer Satz ohne Punkt und Komma", nicht wutschnaubend, sondern eiskalt. Genestar stand anschließend zitternd da und entsinnt sich vor allem zweier Sätze. Er sei verantwortlich für das Drama, das seiner, Sarkozys, Familie widerfahre, und: "Niemals werde ich vergessen, was du mir angetan hast."

Gut zwei Monate später, als Genestars Kündigung schon beschlossen ist, empfängt der damalige Innenminister den Journalisten in seinem Büro. Genestar schildert eine Szene wie aus einer Komödie, an deren Ende Sarkozy sagt: "Ich habe deinen Kopf nicht gefordert." Doch Genestar wusste: "Er log." Weder weinerlich noch rachsüchtig charakterisiert er Sarkozy als herrischen, aggressiven und paranoiden Manipulator, der durchaus einnehmend sein kann, aber seine Duz-Freundschaften als Machtmittel einsetzt.

"Sarkozy kennt fast alle großen Verleger und unterhält mit ihnen hervorragende, herzliche, ja mit manchen freundschaftliche Beziehungen." Doch wer sich nicht als Freund erweise, gelte als Verräter. Auf diese Weise habe sich eine Selbstzensur in die französische Presse eingeschlichen, die schlimmer sei als ein vom Staat verordnetes Schreibverbot.

Kleine Jungen und Männer

Er selber habe sich dabei ertappt, kurz vor seinem endgültigen Abgang im Juni 2006, als er ein Interview mit dem ehemaligen Tennisstar Yannick Noah redigierte und von sich aus den Satz strich: "Si Sarkozy passe, je me casse" (Wenn Sarkozy gewählt wird, verlasse ich das Land). Genestar tingelt derzeit durch Radio- und Fernsehsendungen. Durch Zufall ist die Unabhängigkeit der Medien derzeit wieder ein großes Thema in Frankreich.

Denn auch bei der Absetzung des langjährigen TF-1-Nachrichten-Moderators Patrick Poivre d'Arvor (PPDA) soll Sarkozy seine Finger im Spiel gehabt haben. Ob er, Sarkozy, nicht vor dem G-8-Gipfel ein bisschen aufgeregt gewesen sei, "wie ein kleiner Junge", hatte PPDA im Juni 2007 den eben gewählten Präsidenten vor laufender Kamera gefragt. Der "kleine Junge" soll Sarkozy auf die Palme gebracht haben.

Wie bei Paris Match habe er daraufhin seine Freundschaft zum Eigentümer des Mediums genutzt, um den Anchorman, der die 20-Uhr-Nachrichten 21 Jahre lang moderierte, abzusägen. "Aus meinem Mund ist das eher ein Kompliment. Ich mag kleine Jungen und Männer, die nicht vergessen, dass sie kleine Jungen sind", entschuldigte sich PPDA, der bis heute nicht als Sarkozy-kritisch aufgefallen ist. Geholfen hat ihm das nicht. Vermutlich wird der Frust in einem Buch enden. Kleine Jungen und große Männer wären ein schönes Thema.

Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB