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Friedenspreis 2011 für Boualem Sansal:Frauen als letzte Hoffnung

Er ist ein Mensch, der eigentlich immer aneckt. Insofern wunderte sich der analytische Polemiker Boualem Sansal selbst am meisten darüber, dass er in diesem Jahr mit den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. Mit dem bisschen Optimismus, den er in seiner Dankesrede aufbrachte, setzt er auf die Frauen in der arabischen Welt.

Boualem Sansal setzt sein Leben aufs Spiel. Der Zeremonie in der Frankfurter Paulskirche zu seinen Ehren ist der algerische Botschafter ostentativ ferngeblieben.

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Boualem Sansal sieht sich nicht als Friedensbringer  und auch nicht als einen, der - er zitierte aus dem Urkundentext - "die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert".

(Foto: AFP)

In seinem Land ist der Schriftsteller Sansal eine persona non grata, seine Bücher dürfen dort nicht publiziert werden. Sein Haus in der Küstenstadt Boumerdès hat er rundum mit Stacheldraht gesichert. Der Laudator Peter von Matt erwähnte, dass in der Stadt allein im Monat Juli acht Anschläge verübt worden seien: Sie galten nicht Sansal, aber sie hätten auch ihm gelten können.

Dass so ein Mann in diesem Jahr den Friedenspreis erhält, weckte Skepsis. Vielen schien auf der Hand zu liegen: Der Preis sei vor allem als Gruß der Deutschen an den "Arabischen Frühling" zu verstehen.

Mit dem Literaturwissenschaftler Peter von Matt wurde glücklicherweise ein Laudator gewählt, der sich sein Urteil nicht danach bildet, was der Stunde frommt. Die Wirksamkeit der Literatur, stellte er fest, "setzt Kunst voraus, nicht nur den guten Willen". Und Sansal sei gleichermaßen Künstler und politischer Kopf: ein Erzähler von Rang, "witzig und weise, unerbittlich in den Diagnosen".

Sansals allererstes literarisches Buch "Der Schwur der Barbaren" (in Frankreich zweifach prämiert) beschrieb von Matt freilich als "ungefügen Brocken", als "die vulkanische Selbstfindung eines Schriftstellers". Mit diesem Brocken, denkt von Matt, schlug Sansal sich den Weg frei, seither schreibe er "schlanke, präzis austarierte" Romane.

Austeilen in alle Richtungen

Boualem Sansal selbst sagte in seiner Dankesrede, über den Preis ganz verblüfft gewesen zu sein. Das war keine Koketterie. Er meinte es ernst. Als Friedensbringer sieht er sich nämlich nicht und auch nicht als einen, der - er zitierte aus dem Urkundentext - "die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert".

Seitdem der studierte Ingenieur von seinem Chefposten im algerischen Industrieministerium entfernt wurde, seitdem seine Frau nicht mehr als Lehrerin arbeiten darf, teilt er aus - und zwar in alle Richtungen.

In verschiedenen Aufsätzen in diesem Jahr schrieb er Sätze wie: "Der Islam ist das Problem." Oder: "Der Islamismus ist für mich das ultimative Böse." Er zog Parallelen zwischen dem Faschismus und dem heutigen Islamismus. Das stört nicht nur Muslime, sondern auch all jene Westler, die um Verständigung mit der islamischen Welt bemüht sind.

"Ich diente unbewusst dem Frieden"

Dann wieder sagte er: "Europa hatte einen Plan und sagte sich: 'Sollen sie sich doch gegenseitig umbringen, wir werden dann mit dem Sieger zusammenarbeiten.'"

In der Paulskirche pries er Mahmud Abbas: Als dieser bei der Uno beantragte, Palästina möge als souveräner Staat anerkannt werden, hätten die Palästinenser erstmals "aus eigenem Willen heraus gehandelt", ohne die arabischen Diktatoren oder die Arabische Liga vorher zu fragen.

Israels Ministerpräsident Netanjahu solle sich ein Beispiel nehmen und "mit all den Lobbys brechen, die aus dem Schutz ihrer fernen Paradiese heraus" Israel zur Hartleibigkeit "anstiften".

Sansal versteht sich als Mensch, der sich eine Meinung erlaubt, der analytisch polemisiert und damit eigentlich immer aneckt. Und nun bekommt ausgerechnet er den Friedenspreis! Er wunderte sich: "Da wo ich jetzt stehe, vor Ihnen, an diesem Pult, bin ich zwar ich selbst, aber auch ein anderer (. . .). Der Preis schafft wohl den Wert in mir, so wie eine Funktion sich ein Organ erschafft. Ich diente unbewusst dem Frieden, nun werde ich ihm bewusst dienen."

Neue Diktaturen

Dem Ingenieur ist zuzutrauen, dass er sich in der Biologie gut genug auskennt, um zu wissen, dass Organe nicht auf ihre Funktion hin "erschaffen" werden. Mit der Theologie der Aufklärungsepoche, die diese überholte Idee propagierte, hat er wenig gemeinsam.

Der Glaube, dass die Dinge von langer oder kürzerer Hand gut geordnet werden, ist ihm fremd. Es wird ihm schon deshalb schwerfallen, dem Frieden im Sinne seines Preises zu dienen, weil er nicht einmal daran glaubt, dass der "Arabische Frühling" noch viele weitere Jahreszeiten erleben wird. Anfang Oktober schrieb er: "In sechs Monaten, in einem Jahr werden wir neue Diktaturen haben in Tunesien, in Ägypten, in Libyen, im Jemen."

Mit dem bisschen Optimismus, das Sansal aufbringt, setzt er auf die Frauen in der arabischen Welt: Mit ihrem Widerstand und "mit ihrem Bemühen, einen permanent schwierigen Alltag zu bewältigen, bauen sie unsere Zukunft auf. Und überhaupt sind sie, wie stets, unsere letzte Zuflucht." Dann wandte er sich an seine Frau, Naziha: "Dieser Preis, der uns ehrt, gebührt in Wirklichkeit Dir."

Übrigens: Für die Frauen legte Frankfurts CDU-Oberbürgermeisterin in ihrem Grußwort zu Beginn der Veranstaltung Ehre ein. Meinungs- und Pressefreiheit sind ja auch in Europa nicht überall selbstverständlich, wie sich derzeit in Ungarn zeigt. Das sprach Petra Roth indirekt, aber gleichwohl deutlich an.

© SZ vom 17.10.2011/pak

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