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Salzburger Konzert:In neuen Farben

Salzburg

Bei Andris Nelsons wid klar, dass Mahlers Musik nicht bewusst gehört, sondern inhaliert werden will – wie eine Droge.

(Foto: Marco Borrelli)

Hat Gustav Mahler alle Tragik seiner Sechsten nur angetäuscht? So klingt es beim Dirigenten Andris Nelsons in Salzburg. Großartig!

Von Helmut Mauró

Mahlers Sechste beginnt wuchtig, mitreißend, fordernd. Es ist in vielerlei Hinsicht, rein äußerlich schon von der üppigen Besetzung her, große Symphonik. Aber eben auch Mahler, von dem man viel Trübsal erwarten darf, Markerschütterndes, Düsteres, Endzeitliches. Allerdings: An einem sonnigen Sonntagvormittag im Großen Festspielhaus von Salzburg hört man eine Symphonie von Gustav Mahler selbst unter Corona-Bedingungen etwas anders, als man dies von sich selbst erwartete. Gerade die Sechste, die "Tragische", sollte doch Garant sein für eine optimismusfreie Zone, aber so recht will sich dieser Eindruck nicht einstellen. Der lettische Dirigent Andris Nelsons - Chef des Boston Symphony Orchestra und des Leipziger Gewandhausorchesters - hat in Salzburg mit den Wiener Philharmonikern einen neuen Zugang zu diesem Werk Gustav Mahlers gesucht - und gefunden.

Er bietet diese Musik frei von allen esoterischen Begleiterscheinungen, nimmt Mahler als Symphoniker offenbar viel tiefer in der deutschen Klassik und Romantik verwurzelt wahr und sieht ihn nicht als Fin-de-Siecle-Sonderling suizidalen Gemüts. Im Gegenteil: Nelsons zelebriert zunächst die schiere Lust an der Groß-Symphonik abseits aller selbstreflexiven Momente und Deutungen. Die kommen noch früh genug, aber sie brauchen erst einmal einen stabilen Grund, eine Bezugsbasis. Und so schleicht sich in dieses Klangfest erst allmählich jener subkutane Mahlersche Tonfall ein, dieser tönende Symbolismus, der immer mehr will und tiefer hinein und hinunterziehen will. Aber die Musik misstraut dem Hörer, scharfe Trompetenstöße schubsen ihn weg vom Wohlklang, die Militärtrommel setzt nach, die massiv besetzten Bläser übernehmen. Es ist ein bisschen Zuckerbrot und Peitsche. Das Zuckerbrot, das sind die Geigenseufzer und Sehnsuchtsmotive. Sind sie echt? Sind es falsche Gefühle, mit denen der Komponist hier spielt? Sicher ist, er spielt mit diesen Fragen, mit der Wahrnehmung, dem Vertrauen ins Gehörte. Das Tragische an dieser Symphonie ist die Tragik der nicht beglaubigten Wahrnehmung. Man kann sich in keinem Moment sicher sein.

Als er dieses Werk schuf, war der Komponist gerade Vater geworden. Es ging ihm blendend

Nach viel Durchführungskrach erscheint der Orchesterklang dann plötzlich zurückgenommen und wechselt in sphärische Klänge, mystische Gefilde. Nelsons zaubert da immer neue Farben und Muster hervor und greift damit schon mal voraus, über das wüste Scherzo hinweg ins Andante, das noch unverfrorener mit Täuschung und Wirklichkeit hantiert. Alles scheint nur angetäuscht, selbst das triefend Sentimentale, in das die Kuhglocken hineinfahren als Idylle der Grausamkeit, als Todesboten.

Aber: Dem Komponisten ging es blendend, als er diese "Tragische" schrieb. Er war frisch verheiratet und Vater geworden, in seinem Komponierhäuschen in Maiernigg hatte er Ruhe und Muße. Es war durch einen kleinen Spaziergang von seiner Villa am Wörther See zu erreichen. Wie also kann da eine so tief "Tragische" entstehen. Das fragte sich offenbar auch Alma Mahler und bezog kurzerhand spätere Schicksalsschläge - Verlust des Amtes als Hofoperndirektor, Tod der Tochter - rückwirkend auf das Werk. "Wir weinten damals beide", wollte sie sich später erinnern. "So tief fühlten wir diese Musik und was sie vorahnend verriet." Der Komponist hatte allerdings auch der Mystifizierung Vorschub geleistet, als er 1904 einem Kritiker schrieb: "Meine VI. wird Rätsel aufgeben, an die sich nur eine Generation heranwagen darf, die meine ersten fünf in sich aufgenommen und verdaut hat."

Wirklich? Lenkt nicht all dieses Klang-Brimborium ab vom eigentlich Musikalischen, von dem, was in und zwischen den Orchesterstimmen passiert, den thematisch-motivischen Verflechtungen und Entwicklungen? Sie verblüffen immer wieder: Wie da oft nicht mehr konventionell abkadenziert, sondern auf einem stehenden Ton ausgeblendet wird. Das sind schon eher filmische Effekte. Phantastisch, wie Nelsons alles im Griff hat und souverän steuert - nicht diktatorisch, sondern quasi organisch bewegend.

Das angesteuerte Pathos fällt immer vorschnell in sich zusammen und zerbröselt

Im Finale ist das wirklich keine leichte Aufgabe, aber die Wiener Philharmoniker sind ein Garant fürs Gelingen. Zumal, wenn sie sich wie diesmal wirklich auf den Dirigenten einlassen. Dann klappt auch der Effekt mit dem großen Holzhammer im Finalsatz, der laut Anweisung "wie ein Axthieb" auf die Mahler-Truhe schlägt. Was natürlich wieder ein Ablenkungsmanöver ist von der Musik, die man, das wird einem immer klarer, offenbar gar nicht bewusst hören, sondern als Droge inhalieren soll. Offenbar hatte Mahler da solche Wagnerschen Ambitionen.

Das immer wieder großmäulig angesteuerte Pathos, das immer vorschnell krachend in sich zusammenfällt oder lächerlich zerbröselt, kraftlos zertrocknet - diese massive Frustration wirkt dann natürlich ungleich stärker. Viel Beifall, Ovationen, Steigerungen und Hineinsteigerungen - man hat das Orchester und den Dirigenten gefeiert. Zu Recht.

© SZ vom 11.08.2020

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