Salzburger Festspiele Nicht zu fassen

Die "Lulu"-Inszenierung der griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari wurde in Salzburg ausgebuht, hat aber durchaus ihre Reize. Die Lulu gibt es gleich dreifach. Das verwirrt die Männer noch viel mehr.

Von Egbert Tholl

Wenn es nach einem nicht unbeträchtlichen Teil des Publikums geht, dann haben die Salzburger Festspiele nun doch einen kleinen Skandal. Zu den Schauspielern ist man, wie meist in Salzburg, noch freundlich. Doch kaum betritt die Regisseurin Athina Rachel Tsangari die Bühne auf der Perner-Insel in Hallein, brüllen manche, als habe die griechische Filmemacherin gerade ihr Lieblingsstück kaputt gemacht. Dabei hat diese nur versucht, Frank Wedekinds "Lulu" etwas zu lüften.

Tsangari stammt aus Griechenland, studierte in New York Performance und in Austin Film, wurde in ihrer Heimat Teil einer jungen Filmbewegung, die Kritik an Missständen im eigenen Land in künstlerisch eigenständige Unternehmungen ummünzt. 2010 reüssierten ihr Film "Attenberg" und dessen Hauptdarstellerin Ariane Labed bei der Biennale in Venedig. Vergangenes Jahr kam "Chevalier" ins Kino, worin eine Gruppe Männer in kindsköpfigen Wettbewerben herauszukriegen versucht, wer der tollste unter ihnen ist. Beide Filme, "Chevalier" und "Attenberg", scheinen im Nachhinein eine gute Vorbereitung auf die "Lulu" gewesen zu sein: Der eine Film untersucht die Lächerlichkeit scheinbar erwachsener Männer, der andere erzählt von einem Mädchen, das beschließt, erwachsen zu werden, dies aber eigentlich gar nicht will. Davon weiß Wedekind viel.

Tsangari verfügt über einen eigenwilligen Humor, scheint eher ein Kumpel als eine Feministin zu sein und sagte einmal, sie schaue sich alle paar Tage Monty Pythons "Ministry of Silly Walks" an, um gute Laune zu kriegen. Offenbar tat sie dies auch während der Proben in Salzburg. Denn ihrer "Lulu" sieht man an, dass Tsangari an die Aussagekraft von Bewegungen glaubt, die auch ulkig sein können. Außerdem dürfte sie einiges zur Stärkung der Gemütsverfassung benötigt haben, um den Festspielen ihre Auffassung einer "Lulu" unterjubeln zu können. Tsangari hat noch nie zuvor Theater gemacht, obwohl sie es einst vorhatte. Doch anders als ihre Kollegin Shirin Neshat, die bei ihrem Opernregiedebüt vor Verdis "Aida" in eine Art Schockstarre verfiel, sucht Tsangari beherzt einen performativen Zugang zur "Lulu", der zwar letztlich keine neue Deutung, dafür aber einige große Momente schafft.

Erst einmal sieht man 28 dunkelgraue Ballons in unterschiedlichen Größen, die knapp über dem Bühnenboden schweben. Langsam werden sie in die Höhe gezogen, dabei quietschen sie ein bisschen, wenn sie eng aneinander geraten. Das hier noch per Zufall entstehende Geräusch ist eine Art Ouvertüre für das faszinierende Sounddesign von Mauricio Pauly, das die ganze Inszenierung atmosphärisch ausmalen wird, Beklemmung schafft, schnauft und ächzt, aber auch im vierten Akt, in Paris, zu einem müden Walzer findet oder dunkelschwere Klaviermusik träumt.

Nun sind also die Ballons oben, ein Himmel voller Rundungen. Dr. Schöning - man spielt die Urfassung, daher Schöning, nicht Schön - und der Maler Schwarz unterhalten sich auf der dunkelgrauen und leeren Bühne über die körperlichen Vorzüge Lulus. Steven Scharf und Maik Solbach (Schwarz) waren nicht von Anfang an Teil der Produktion, sie ersetzen malade Kollegen. Scharf spielt statt Martin Wuttke und steht nun da in einem auberginefarbenen Anzug, trägt Brille und zauselig lange Haare, ist kaum zu erkennen, wie überhaupt alle männlichen Gestalten hier zu einer ähnlichen, exaltierten Verlotterung neigen, als wären sie alle Varianten desselben Typus. Die leicht überkandidelten Kostüme von Beatrix von Pilgrim rücken die Herren in die Nähe der Karikatur. Aber eben nur in die Nähe, in der sich Scharf und Solbach auch recht wohl fühlen. Gerade Steven Scharf spielt unverhohlen herzhaft. Und wirkt dadurch im Gefüge eher fremd.

Eine der drei Lulus wirkt, als probiere John Cleese, bei Pina Bausch mitzutanzen

Dessen Zentrum sind drei Lulus. Tsangari meint, Lulu sei ohnehin nicht zu fassen, also gibt es drei davon. Erst einmal müssen die zur Welt kommen. Im Hintergrund der Bühne liegt ein Kleiderberg. Der fängt an sich zu regen, ein Arm patscht heraus auf den Boden, ein Bein, noch mehr Gliedmaßen. Der Berg, der in Wahrheit nur ein einziges Kleid ist, bewegt sich nach vorne, grunzend schälen sich die drei Damen heraus, mühsam, mit eckigen Bewegungen, als würden sie gerade erschaffen, von der Regisseurin oder den Männern oder aus ihrer eigenen Kraft heraus. Man wird diese Lulus kaum in konsistente Nuancen der einen Figur aufteilen können, auch wenn Anna Drexler mit der ihr innewohnenden, lächelnden Verwunderung am meisten redet, Isolda Dychauk die laszivste Idee von Komik unter den dreien verkörpert und Ariane Labed fast alle Worte in Tanz umsetzt. Sie ist das Mädchen aus Tsangaris Film "Attenberg", und ja, sie wirkt, als probiere John Cleese, bei Pina Bausch mitzumachen.

Tsangari sucht die Komödie in der Tragödie, und in der Menschwerdung ihrer Lulus gelingt ihr das fabelhaft. Die drei sprechen zunächst als ein helltönender Chor entindividualisierter Weiblichkeit, erinnernd an Inszenierungen von Susanne Kennedy. Sie bilden eine aufgeweckte Trias, die in ihrer eigenen Aura lebt und für die Männer auch dadurch nicht zu fassen ist. Dem Maler, der sich ein Bild will machen, treten sie einmal in fraugroßen Ballons gegenüber, aus denen sie nur Schigolch, der vermeintliche Vater, holen kann. Der Gräfin Geschwitz begegnen sie als rosa Pelzmäuse, die Fritzi Haberlandt, die in unerschütterlicher Ruhe raumfüllend Liebende, sanft herumrollen kann.

In Laufe des Abends zerfällt Tsangaris Schöpfung in eine Reihe solch toller Momente, zwischen denen reichlich Ungefähres liegt. Die Lulus verlassen mitunter die tänzerische Konzentration ihrer Dreieinigkeit, aber am Ende tötet Lulu Labed als Jack the Ripper Lulu Drexler, als könne dieses Wesen nur aus sich selbst heraus verschwinden.

Unter den Männern bewahren nur Benny Claessens, der den Athleten Rodrigo zur androgynen Narretei erhebt, und der prächtige, mit dem richtigen, feinen, ja Wedekindschen Spott in der Stimme begabte Rainer Bock als Schigolch vollendet die Kontur. Während sich andere aufs Spiel stürzen. Zwar passiert das eher in Nuancen, aber durchgehend erhält eine Faszination vor allem der Raum von Florian Lösche aufrecht. Aus dessen Boden kommen die Figuren wie rasch wachsende Pflanzen, gleiten durch dieselben Schlitze wieder hinab. Und nach jedem toten Mann, also nach jedem Akt, gibt es ein visuelles Intermezzo der Ballons. Einmal wird auf jeden Ball ein Auge projiziert. 28 große, müde Augen füllen den Raum. 28 Mal der Ausdruck eines Mädchens, von dem man nicht mehr erhascht als einen Blick.