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Salzburger Festspiele:Hellwach, mit milder Melancholie

Grigory Sokolov, Jahrgang 1950, in Salzburg.

(Foto: SF / Marco Borrelli)

Der große Pianist Grigory Sokolov begeistert die Festspielbesucher. Er spielte Fantastisches von Wolfgang A. Mozart und Robert Schumann, später erklang in der Kollegienkirche "in vain" von Georg Friedrich Haas.

Von Reinhard J. Brembeck

Nur sechs Zugaben. Anhänger des großen Pianisten Grigory Sokolov, davon gibt es sicht- und hörbar viele in Salzburgs Großem Festspielhaus, wissen, dass dieser in sich gekehrte Pianist sich nicht lang um Zugaben bitten lässt. Er spielt dann oft so viele, dass dieser inoffizielle Part fast so lang wird wie das offizielle Programm. In Salzburg spielte Sokolov, der Unbeugsame, ein ausgewachsenes 100-Minuten-Programm, das Fantastisches von Wolfgang A. Mozart und Robert Schumann kontrastierte. Er hängte dann nur sechs Zugaben an, das Publikum trampelte mit den Füßen, jubelte, wollte nicht gehen.

Gleich danach dann und zu vorgerückter Stunde in der Kollegienkirche scheinbar ein Kontrastprogramm mit dem einstündigen fulminanten Ensemblestück "in vain" von Georg Friedrich Haas. Emilio Pomàrico dirigiert zu später Stunde 24 Großmeistermusiker des Klangforums Wien, die kühn wie Weltraumpioniere durch die rätselhaft und verlockend funkelnden Galaxien des Stücks steuern. Georg Friedrich Haas, er wird nächste Woche 67 Jahre alt, ist ein immer packender, nie konventioneller und ein durch und durch fantastischer Komponist. Genauso wie Mozart und Schumann. Gerade und besonders in diesem vor 20 Jahren vom Klangforum erstaufgeführten und zum Klassiker avancierten "in vain".

Sokolov ist 70 Jahre alt, er tritt traditionell im Frack auf und ist einer der ganz wenigen Pianisten, bei denen Zartes und Leichtes von Mozart auf dem modernen Flügel vollkommen natürlich und überzeugend klingt. Sokolov konzentriert sich anders als viele Kollegen nie nur auf die Oberstimme, er zeigt stets ein Klanggeflecht vor, seine Bässe sind immer Basis: mal hüpfend, mal schleppend, mal tanzend, mal sehnsüchtig. Sokolov kann sehr virtuos sein, aber er stellt das nicht aus. Hellwach versenkt er sich in die Musik, lässt sich und ihr Zeit, verscheucht Langeweile durch kleine Temposchwankungen, durch feine Klangabstufungen, milde Melancholie.

Melancholie ist auch zentral für "in vain", das das "vergebens" schon im Titel stecken hat. Haas schreibt eine Raummusik. Lichtermäander sausen durch den Raum, Musik wird Geometrie, denkt die in der Realität unmöglichen Figuren M. C. Eschers in Musik weiter. Zweimal wird für lange Minuten der Raum völlig dunkel, die Musiker spielen ihre sirrenden und lockenden Synthetikklänge auswendig weiter. In die letzte Dunkelheit hinein zucken immer wieder grelle Blitze. Zuletzt saust die sich konsequent dem überkommenen Zwölftonsystem entwindende Musik immer schneller eine schier endlose Klangtreppe hinunter, die unvermittelt abbricht und den Hörer ins endgültige Nichts stürzen lässt.

Ähnlich fantastisch mäandert Mozart durch seine selten zu hörende Fantasie samt Fuge KV 394, die beliebte Alla-turca-Sonate, das im Vorgriff Chopin beschwörende a-Moll-Rondo. Genauso schweift er dann durch Schumanns fast nie im Konzert gespielten "Bunte Blätter" op. 99. Typisch für Sokolov, dass er Randständiges von Großmeistern spielt, typisch auch, dass er für jeden Komponisten den ihm gebührenden Ton findet; orgelhaft den Mozart, mit gebändigter Verzweiflung Schumann; rätselhaft elegant den Klassiker, in Klanggespinsten verrannt der Romantiker. Der Erzähler Sokolov ist immer klar, wahrt aber die Geheimnisse seiner Komponisten, er deutet nur an. Kaum ist er fertig, steht er schnell auf, kurze Verbeugung, ab.

Instrumentalkonzerte können, das wird unter den derzeitigen Seuchenbedingungen überaus klar, äußerst abstrakte Veranstaltungen sein. Da kein vertonter Text dem Hörer bei der Sinnsuche hilft, da er deshalb ganz allein sich einen möglichst stimmigen Reim aufs Gehörte machen muss. Kein Wunder, dass sich Konzerte schon immer schwertaten in der Konkurrenz zur marktschreierischen und sehr viel früher populären Oper, dass ihnen immer etwas Elitäres, der Welt Abgewandtes anhaftet. Sokolov ist der Idealvertreter dieser Kunst und Haas ihr Idealkomponist: Nur wenige seiner Kollegen konnten und können einen solchen einstündigen Einsätzer wie "in vain" zaubern, derart unmittelbar und einleuchtend selbst für Nichteingeweihte.

Das Publikum sitzt in beiden Konzerten im vorgegebenen Schachbrettmuster, die Menschen tragen diszipliniert ihre Masken, nehmen sie erst zu Konzertbeginn ab. Etwa ein Drittel der Hörer behält die Maske auch während des Konzertes auf, zum Beifall stülpen sich dann nach und nach alle die Masken wieder über. Die Seuche ist allgegenwärtig. Genauso aber der Wille, ihr zu trotzen. Jeder der Konzertbesucher geht bewusst ein Ansteckungsrisiko ein, das ja auch außerhalb der Säle überall lauert. Deshalb ganz auf Kunst zu verzichten, das erschiene den Festspielbesuchern ein zu großer Einschnitt. Gerade in Salzburg, wo anders als im kulturfeindlicheren Deutschland, Kunst und Musik einen höheren Stellenwert haben, weil sie als unverzichtbar und nicht als akzidentiell empfunden werden. Weder bei Sokolov noch bei Haas geht es um ein Vergnügen, sondern um Weltdeutung und damit um ein wesentliches Element von Menschsein, das deshalb ein erhöhtes Risiko wert ist.

© SZ vom 06.08.2020

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