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Salzburger Festspiele:Erinnern mit Musik

1000 Kraniche: Kanako Shimada (Mezzosopran), Katharina Halus (Schauspiel und Puppenspiel).

(Foto: Erika Mayer)

Weil sie leben wollte, faltete Sadako Sasaki 1600 Kraniche, sie starb 1955 an Leukämie in Hiroshima. Daran erinnert die Kinderoper "1000 Kraniche".

Von Egbert Tholl

Vor vielen, vielen Jahren brach im Land der aufgehenden Sonne eine schreckliche Krankheit aus. Der Kaiser rief alle seine Berater zu sich, im großen Saal saß er auf der einen, diese in weiten Abstand auf der anderen Seite. Die Berater redeten viel, wussten aber keinen Rat. Dann erkrankte die zwölfjährige Tochter des Kaisers und dieser ließ die Ärzte, die Quacksalber und einen Weisen kommen, die so dumme Vorschläge machten, dass der Kaiser sie allesamt aus dem Fenster warf. Der Kaiser verschloss danach die Tore des Palasts, wurde traurig und weinte still vor sich hin. Nun flog ein Drache über den Palast, hörte die Tränen des Kaisers aufs Fensterbrett fallen und gesellte sich zu ihm. Drachen sind klug. Dieser war es auch. Er sagte dem Kaiser, die Tochter müsse nur 1000 Kraniche aus Papier falten, dann würde sie gesund, weil die japanischen Götter jedem einen Wunsch erfüllen, der so viele Kraniche faltet. Der Wunsch der Tochter war zu leben. Also begann sie zu falten.

Der Trost dieser Legende zerschellte an der Realität. Auch Sadako Sasaki wollte leben. Und faltete Kraniche, am Ende sollen es 1600 gewesen sein. Es half ihr nichts. 1955 starb sie in Hiroshima an Leukämie, Folge des Atombombenabwurfs auf die Stadt am 6. August 1945. Sie wurde zwölf Jahre alt. Und zur Ikone der Erinnerung an die Vernichtung der Stadt, die Verheerungen durch die Atombombe und deren lang anhaltende Folgen.

"1000 Kraniche" ist eine der wenigen Produktionen des Jugendprogramms der Salzburger Festspiele, die die Corona-Einschränkungen überlebt haben. Es braucht auch gar nicht viel dafür, aber die Wirkung ist enorm. In der Universitätsaula machen Konstantin Dupelius und Gustavo Strauß die Musik, die sie selbst geschrieben haben, der eine spielt Klavier und bedient ein bisschen Elektronik, der andere geigt. Kanako Shimada singt und Katharina Halus erzählt die Geschichte von Sadako Sasaki, wie sie Sybrand van der Werf aufgeschrieben und inszeniert hat.

Die einstündige Aufführung widmet sich nicht nur Sasakis kurzer, trauriger Lebensgeschichte, sie ist auch lebendige Wissensvermittlung. Alle vier auf der Bühne spielen, die Herren erzählen mit euphorischem Grinsen einiges über Kernspaltung und den Wahnsinn des Manhattan-Projekts: Wenn du eine Idee hast, willst du die verwirklicht sehen. Man erfährt viel über Leukämie, über Hiroshima als perfektes Ziel: In der Stadt gab es Kriegsindustrie, die meisten Häuser waren aus Holz mit Papierwänden. Auf der Bühne steht ein Kasten aus Holzrahmen mit Papierwänden. Dann rauscht eine Klangwelle heran, die Geige flirrt, die Elektronik wummert, und Katharina Halus zertritt die Papierwand.

Das Stück ist für Besucher ab zehn Jahren. Es ist pädagogisch, naiv auf rührende Art: Alle im Publikum werden aufgefordert, einen Kranich aus einem Zettel im Programmheft zu falten. Doch herrscht auch große assoziative Freiheit. Um einen der Bombenbauer darzustellen, reicht ein schwarzer Hut; nie bildet die Musik Krieg nach, bleibt stets Idee davon. Shimada singt betörende, japanische Lieder, und immer wieder ist da die Verzweiflung Sadakos, die eine Läuferin war, eine Sportlerin, bis der Köper versagt und auch die Kraniche nicht helfen können. Der Abend ist ihr Requiem.

© SZ vom 05.08.2020

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