Sally Rooney: "Schöne Welt, wo bist du":Willkommen an Bord, Genossinnen

Hulu Panel - Winter TCA 2020

Sally Rooney hat mit "Normale Menschen" und "Gespräche mit Freunden" schon zwei Bestseller geschrieben. Jetzt folgt vermutlich der dritte.

(Foto: Erik Voake/Getty Images via AFP)

Sally Rooneys Lifestyle-Marxismus ist kein Kitsch. Auch nicht im neuen Roman "Schöne Welt, wo bist du".

Von Miryam Schellbach

Das Geheimnis guter Bücher, schreibt Michael Maar in seiner Stilgeschichte der deutschsprachigen Literatur, liegt in ihrem gesunden Maß, im Gleichgewicht von Inhalt und Form. Wird Triviales pathetisch erzählt, ist das Kitsch. Nun haben Regeln bekanntlich ihre Ausnahmen. Eine solche ist die junge irische Schriftstellerin Sally Rooney. In ihren Büchern debattieren ungewöhnlich kluge Frauen auf eine sehr selbstverliebte Weise über Existenzielles genauso wie über Alltagsfragen in hohem Ton. Von Adoleszenz-Kitsch ist das aber weit entfernt.

Sally Rooneys Weg zur Bestsellerautorin war so glamourös wie rasant. Als Studentin wurde sie 2015 von einer Agentin entdeckt und unterschrieb einen Vertrag beim Verlagsschiff Faber & Faber, nachdem bei einer legendären Auktion nicht weniger als sieben Häuser auf ihr Manuskript geboten hatten. Beide Romane, die folgten, wurden zu Bestsellern. Barack Obama führt Rooney auf seiner "must read"-Liste, und die Verfilmung ihres zweiten Romans "Normale Menschen" gehört zu den am häufigsten gesehenen Serien der BBC überhaupt. "Two under three" sagt man im Englischen, wenn Mütter ihre Kinder kurz hintereinander bekommen haben. Zu Rooney könnte man sagen, sie habe "zwei unter 31", zwei Beststeller vor ihrem 31. Lebensjahr. Aller Voraussicht nach werden es mit "Schöne Welt, wo bist du" bald drei sein.

In welchem Alter haben wir aufgehört, derart sprachverliebte E-Mails zu schreiben?

Ihrer thematischen Mixtur ist sie treu geblieben, ihrem sprachlich unauffälligen, an Dialogen überreichen Stil auch. Wieder steht im Zentrum das intellektuell angestrengte Gespräch zweier junger Irinnen, Eileen und Alice, aus der Post-Crash-Generation. Entsprechend resignativ blicken sie in ihre Zukunft. "Tatsächlich scheint die einzige Idee zu sein, dass wir dabei zusehen, wie sich das gewaltige menschliche Elend vor unseren Augen entfaltet", schreibt Eileen einmal an Alice, die sich selbst wiederum als dauerhaft desorientiert und müde charakterisiert.

Große Teile des Romans bestehen darin, dass die beiden Freundinnen über dieses menschliche Elend parlieren. Das müssen sie per E-Mail tun, denn die Schriftstellerin Alice ist gerade von Dublin in ein Provinzdörfchen gezogen, um sich von einer Depression zu erholen. Eileen verbleibt als Redaktionsassistentin einer mäßig erfolgreichen Literaturzeitschrift in der Hauptstadt. Da die beiden einander aber E-Mails schreiben wie vor hundertfünfzig Jahren Briefe geschrieben wurden, absichtsvoll, sorgfältig und mit solidem philosophischen Anliegen, irritiert das nicht den Lesefluss, sondern höchstens das Leserinnen-Ego. In welchem Alter haben wir aufgehört, derart sprachverliebte E-Mails zu schreiben?

Rooneys Protagonistinnen sind ein wenig erwachsener geworden. In ihren frühen Dreißigern sind sie einigermaßen finanziell abgesichert und freundlich desinteressiert an ihren Eltern. "Der Prozess unseres Werdens ist abgeschlossen, wir sind mehr oder weniger so geworden, wie wir eben sind", sagt die Sprücheklopferin Eileen einmal, und dass der Satz so tautologisch leer ist, liegt daran, dass die beiden natürlich überhaupt nicht wissen, wie sie eben sind, sondern 352 Seiten lang Lebensentwürfe gegeneinanderhalten, um es herauszufinden.

In diesem Quartett sind Kapital und Sexappeal schön kreuzförmig angeordnet

Die stärksten Stellen des Romans sind die, in denen Alice und Eileen ihre etwas kleinkarierte No-Future-Haltung in ihren E-Mails mit geistreichen politischen Analysen und ästhetischen Grundsatzdebatten vermischen und alles so durcheinander schütteln, dass am Ende Sätze entstehen, die sowohl in der Zeitschrift Merkur als auch in der Bravo druckreif wären. Atemlos stürzen sie sich auf die folgenden Themen in immer neu variierter Reihenfolge: die Idee des Konservatismus, Identitätspolitik, wer zur Arbeiterklasse gehört, das Christentum, Umweltschutz, der Einfluss von Antidepressiva auf die Libido. Ideell gerahmt sind ihre Überlegungen von einer Art intuitiver, argumentfreier Grundüberzeugung, dass der Sozialismus die ideale Lebensform ist.

Dass dieser Lifestyle-Marxismus die Dubliner Intelligenzija zunehmend erfasst, belächelt Eileen nur: "Wenn ich früher über Marxismus geredet habe, wurde ich ausgelacht. Jetzt sagen alle, es wäre ihr Ding. Diesen ganzen neuen Leuten, die Kommunismus cool machen möchten, rufe ich zu: Willkommen an Bord, Genossinnen und Genossen". Das ist ein ironisches Augenzwinkern der Autorin. Rooney erzählt in Interviews gern, dass sie marxistisch erzogen wurde und sich schon früh für die subtile Dynamik von Klassenunterschieden interessiert habe.

Subtil mag sein, wie sich soziale Herkunft im Alltag manifestiert, alles andere als subtil sind Rooneys Schilderungen davon. Wer sich fragt, was in diesem Roman zwischen den E-Mails passiert, dem wird geantwortet: Sex. Und wenn es um Sex geht, geht es immer auch um Macht. Alice, die durch ihre Beststeller ein beachtliches Vermögen angehäuft hat, trifft sich lose mit Felix, einem verschuldeten Lagerarbeiter, den sie bei einem steifen Tinder-Date kennengelernt hat. Eileen, eher prekär, weil Literaturzeitschriften in der Fiktion wie in der Realität selten lukrativ sind, datet Simon, einen älteren und begüterten Politikberater mit Begeisterung für den Katholizismus. Auf der Ebene des Personals ist bei diesem Quartett also alles schön geordnet: Das symbolische und ökonomische Kapital auf der einen Seite, der Sexappeal im jeweils anderen Lager, politisch korrekt einmal bei der Frau, einmal beim Mann.

Ihr Interesse an überzeitlichen Fragen führt eilig zurück in ihren eigenen Kosmos

Dezidiert politisch inkorrekt geht es dann beim Sex zu. Rooneys Schilderungen davon sind frappant explizit, die Rollenspiele der Paare detailreich wiedergegeben. Fast immer begeben sich Alice und Eileen in einen devoten Part, manchmal werden sie erniedrigt, verbal oder physisch. Sie spielen betrogene Ehefrauen, "brave Mädchen", Kindfrauen und damit Rollen, die sie tagsüber in ihren E-Mails als reaktionär verachten. Rooney hat einmal in einem Interview gesagt, dass sie gern marxistische Romane schreiben würde. Wäre "Schöne Welt, wo bist du" einer, dann ist seine These die, dass Geschlechterungleichheit kein Neben-, sondern ein Hauptwiderspruch des Kapitalismus ist, weil sich die symbolische Verschränkung von Männlichkeit und Macht nicht mit der ökonomischen Umverteilung auflöst. Kurz: class schlägt nicht gender.

Es ist ein Glück, dass Rooney in diese Konflikt-Nester nur kurz hineinsticht und ihre Protagonistinnen dann zum nächsten Thema stolzieren lässt. Da ist etwa der Ästhetik-Streit zwischen Alice und Eileen. Wann habe, so fragen sich die beiden, die Menschheit aufgehört, Schönheit empfinden zu können. Alices abwegige Antwort: Als 1976 Plastik, "die hässlichste Substanz auf Erden", das populärste Material auf der Welt wurde, ging auch der Glaube an die Schönheit verloren. Eileen, ebenso willkürlich, dagegen: Als die Berliner Mauer fiel, starben der Menschheit die großen Erzählungen weg - und mit ihnen der Sinn für das Schöne. Ihre steilen Thesen belegen vor allem eines: Alices und Eileens Interesse an überzeitlichen Fragen führt, über Umwege zwar, immer eilig zurück in ihren eigenen Kosmos.

Das Motiv der nostalgischen Suche nach dem untergegangenen Schönen, auch den Titel "Schöne Welt, wo bist du", hat sich Rooney bei keinem anderen als Friedrich Schiller abgeholt. Der träumt 1788 in seinem Gedicht "Die Götter Griechenlands" von der Antike und imaginiert sie als Gegenepoche zur Leere und Kälte seiner Gegenwart. Schiller glaubt daran, dass das wirklich Schöne sich, wenn nicht im Leben, zumindest noch in der Kunst zeigt.

Sally Rooney: "Schöne Welt, wo bist du": Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Claassen, Berlin 2021. 352 Seiten, 20 Euro.

Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du. Roman. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Claassen, Berlin 2021. 352 Seiten, 20 Euro.

Der Grund, warum Rooneys Romane nah an der Kitschgrenze manövrieren, ohne sie zu überschreiten, ist, dass in ihnen, vielleicht wie bei Schiller, bei allem Diskurs und aller Theorie Platz für existenzielle Ambiguität und praktische Inkonsequenz bleibt. Während ihre dauerreflektierenden Protagonistinnen den Verlust der Schönheit beklagen, verlieben sie sich, leben intensive Freundschaften, säuseln sich Bekenntnisse ins Ohr und tippen sich Liebesbriefe. "Ich saß im Halbschlaf auf der Rückbank eines Taxis und erinnerte mich auf eigenartige Weise daran, dass du immer bei mir bist, wohin ich auch gehe, und er auch, und solange ihr beide am Leben seid, wird die Welt schön für mich sein", schreibt Eileen ihrer Freundin.

Für sich genommen sind die Motive dieses Romans nicht zum Aushalten: Lifestyle-Marxistinnen mit dem Wunsch, sexuell dominiert zu werden. Adoleszenter Zukunftspessimismus und spätmoderne Vergangenheitsverklärung. Auch die Sprache kommt da nicht zur Hilfe. Sally Rooneys Bücher sind Easy Reads, literarisch unverdächtig, Gebrauchsmetaphern und Alltagsverben tragen die Handlung.

All das Verstiegene wird aber auf eine typisch Rooney-hafte Weise verdichtet zu der populärrealistischen Erzählung von zwei plastisch gezeichneten Frauen, die sich mit ihren Diskussionen immer wieder ins Existenzielle graben und dort ihren hohen Ton und Ideologiekitsch verlieren, in Durchschnittssorgen und Widersprüchen ankommen. Sally Rooneys Romanen gelingt eine Balance, die in der Literatur eher unwahrscheinlich ist: Pathetisch hervorgebrachte Banalitäten können eine hervorragende Geschichte ergeben.

© SZ/masc
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