bedeckt München

Roman:Zwischen Saturnmond und Mutterleib

Jessie Greengrass' Debütroman verbindet Literatur und Essay. So sucht sie aus dezidiert weiblicher Perspektive nach Antworten für den richtigen Umgang mit anderen.

Von Nicolas Freund

Zwei Fotos hat die Erzählerin über ihrem Schreibtisch hängen: Eines zeigt eine fremde Welt, eine traurige Geröllwüste, die Oberfläche des Saturnmondes Titan, aufgenommen von der Raumsonde Huygens. Daneben hängt ein Ultraschallbild, das etwas zeigt, was in wenigen Monate ein Kind sein wird.

"Egal, wie ich die Aufnahmen auch betrachtete, beide zusammen oder jede für sich, ich empfand stets dasselbe: ein flaues Nichtbegreifen, die völlige Unfähigkeit, dem Gesehenen einen Sinn zu entnehmen." Die Erzählerin, gerade mit ihrem zweiten Kind schwanger, hat ein Problem: Ihr gelingt es nicht, in den Schemen der Ultraschallaufnahme einen Bezug zu dem Kind herzustellen, das in ihrem Bauch wächst. Und wenn schon das nicht gelingt, wie soll sie dann eine mütterliche Beziehung zu dem Kind aufbauen können?

Das ist ein Problem, das sie nicht nur mit dem Kind hat: Auch die körperliche Nähe zu Johannes, dem Vater des Kindes, scheint die gefühlte Distanz zwischen den beiden nur zu verstärken. "Nachts, wenn wir wach lagen, eng umschlungen, in der Stille aneinandergeschmiegt, spürten wir zwischen unseren nackten Bäuchen die unüberwindbare Grenze, die uns trennte."

Diese Probleme sind keine neuen Probleme

Sie wundert sich, dass ihr ungeborenes Kind die selbe Luft wie sie atmet, die selbe Nahrung und Flüssigkeit aufnimmt, aber trotzdem nicht eins mit ihr ist; dass es einen eigenen Organismus, einen eigenen Blutkreislauf besitzt, obwohl sie es in ihrem Körper mit sich herumträgt; dass sie beide immer mindestens eine Zelle voneinander getrennt sind. Als gäbe es da gar keine Verbindung, als existierten sie nebeneinander, wie die beiden Fotos über dem Schreibtisch nebeneinander hängen. Auch fällt es ihr schwer, eine Linie von ihrer Großmutter, eine nur Doktor K genannte Psychoanalytikerin, über ihre verstorbene Mutter zu sich und ihrer eigenen Tochter zu ziehen. Eine Verbindung gibt es natürlich, aber wie lässt sie sich eigentlich begreifbar machen? Die namenlose Erzählerin hat Angst vor allem, was sie nicht sehen kann: "mein Innerstes, die Gedanken der anderen, die Zukunft."

Diese Probleme sind keine neuen Probleme: Seit der Moderne zweifeln die Menschen, mehr als auch sonst schon, an ihrem Platz und ihrer Rolle in der Welt. Die Schnelligkeit und Anonymität der Großstädte zwingt die Menschen zu zersetzender, zweifelnder Selbstbetrachtung und treibt sie, obwohl räumlich näher beieinander, immer weiter auseinander. Vergängliche Körper und Tod werden ausgeblendet, wo es nur möglich ist.

Rilkes Romanheld Malte Laurids Brigge leidet unter diesen Problemen, Gottfried Benns Figuren begegnen anderen Menschen am liebsten, wenn sie tot auf einem Seziertisch liegen und finden in ihren Körpern doch keine Antworten auf existenzielle Fragen. Hugo von Hofmannsthal beschrieb das Epochengefühl in dem berühmten "Brief des Lord Chandos" als "Worte", die "im Munde wie modrige Pilze" zerfallen. Nicht scheint dieser neuen Lebenswelt mehr angemessen zu sein.

An Worten fehlt es der Erzählerin in Jessie Greengrass' Debütroman "Was wir voneinander wissen" nun nicht, aber auch der Körper ist für ihre schwangere Hauptfigur ein großes Rätsel, mindestens so unheimlich und unergründlich wie ein ferner Himmelskörper oder was im Kopf ihres Partners vorgeht. Ihre Großstadt ist London und auf den Straßen wird sie immer wieder assoziativ auf Dinge gestoßen, die ihre Probleme vertiefen oder Lösungen suggerieren, aber nicht wirklich bieten. Antworten sucht sie bei den Gelehrten eben jener Epoche, die diese Probleme überhaupt erst erfunden hat: Bei dem Arzt Wilhelm Conrad Röntgen und bei Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, die beide auf sehr unterschiedliche Arten in den Menschen blicken wollten.

Dieser Roman, der im englischen Original weniger schwärmerisch als in seiner deutschen Übersetzung einfach "Sight" - also Anblick oder Sehen - heißt, ist eigentlich ein philosophischer Essay. Was nicht heißt, dass hier die falsche Form gewählt wurde, im Gegenteil: Das etwas diffuse Thema, sich selbst fremd zu sein, irgendwie nicht richtig mit der Welt und mit Anderen in Kontakt treten zu können, lässt sich als Roman wahrscheinlich am besten darstellen.

In einem Interview auf dem britischen Charleston Kulturfestival betonte Greengrass, wie wichtig für ihr Schreiben eine Verbindung aus Essayistik und Literatur ist. Den Erzählungen aus ihrer Jugend mit der strengen Doktor K, aus dem Leben mit der kranken Mutter und mit dem zugleich vertrauten und fremden Johannes, stellt die Erzählerin deshalb lange, biografische und essayistische Passagen über Freud und Röntgen gegenüber, in denen sie beschreibt, wie die beiden ihre Theorien entwickelten, und wie sie mit anderen Menschen umgingen, vor allem Freud mit seiner Tochter Anna.

Sie gibt diesen alten philosophischen Ideen einen feministischen Dreh

Der Dritte, bei dem die Erzählerin Rat sucht, ist der Anatom John Hunter, keine Figur der Moderne, sondern des 18. Jahrhunderts, in dem sich im Zuge der Aufklärung die sachliche Auseinandersetzung mit der Natur etablierte, auf der schließlich auch die Wissenschaften Freuds und Röntgens und ihr neues Menschenbild basierten. Hunter zeichnete Körper so, wie er sie sah. Seine bekannteste und zugleich verstörendste Zeichnung zeigt den zerlegten Unterleib einer Schwangeren. Selbst in diesem Bild findet die Erzählerin keine Verbindung zwischen Kind und Mutter, die sie beruhigen könnte. Mutter und Kind sind "wie zwei ineinander verschlungene Labyrinthe, die Pfade kreuzen sich, doch keiner mündet in den anderen, jeder führt zu sich selbst zurück".

Hunter scheiterte für sie schließlich bei seiner Erfassung des Menschen, weil er zu positivistisch war. Denn auch der fotorealistischen Darstellung des Menschen fehlt natürlich etwas wesentliches. Auch Röntgens Frau meinte beim Anblick der Knochen ihrer Hand auf einem der Bilder ihres Mannes: "Das ist (...) als sähe ich meinen eigenen Tod." Endgültige Lösungen hält keine der Theorien bereit, aber jede liefert ein kleines Teil des Puzzles.

Das ist alles nicht so gefügt, wie es in einem Roman sein könnte, sondern steht oft etwas ratlos nebeneinander. Verbindungen zu ziehen und Ähnlichkeiten zu finden überlässt der Text dem Lesenden, denn sich dieser Arbeit des Verstehens immer und immer wieder stellen zu müssen, ist seine zentrale These. Die Anderen, das Kind, der Partner, die Familie, müssen immer wieder neu kennengelernt und verstanden werden. Umgang mit Anderen ist in diesem Roman eine erkenntnistheoretische Frage, auf die es keine endgültigen Antworten gibt. Das, was wir sehen, sind nur Zeichen und ein Spiel von Zeichen, aus denen immer wieder etwas konstruiert werden muss, selbst bei so vertrautem wie dem eigenen Kind oder dem Mann.

In den Schwangerschaftsproblemen nimmt der Roman nicht nur, aber auch eine betont weibliche Perspektive ein und gibt diesen alten philosophischen Ideen einen feministischen Dreh, der sich so gut in die medizischen und psychoanalytischen Theorien einfügt, dass man sich fragt, wieso diese Verbindungen nicht schon vorher gezogen wurden.

Jessie Greengrass: Was wir voneinander wissen. Roman. Aus dem Englischen von Andrea O'Brien. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020. 224 Seiten, 20 Euro.

© SZ vom 27.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite